Jeriko

Rüdiger Beckmann

Ich hatte es mir so einfach vorgestellt. Einmal treffen, mit vorbereiteten Fragen einen roten Faden haben, der sich auch durch das Gespräch ziehen wird. Das Ganze aufnehmen, transkribieren, abnehmen lassen und glücklich sein. Dass es drei Treffen und ungezählte Mails brauchte, dass hätte ich nicht gedacht. Aber so wie Rüdiger Beckmann fotografiert, so führt er auch Interviews: in einem Prozess, der aufgebaut werden will. Ein Prozess, der gut und richtig und wichtig war, und der, denke ich, nicht nur mir etwas gebracht hat.

Ich bin glücklich und freue mich, ihn hier als Premiere haben zu dürfen!

So, du bist die Premiere, gewissermaßen mein Versuchskaninchen.
Na dann mal los.

Fangen wir einfach vorne an, wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe die Fotografie im Studium gefunden, d.h. eigentlich neben meinem Studium, weil ich was anderes studiert habe.

Was hast du denn studiert?
Illustration und Kommunikationsdesign. Ich bin froh, dass ich so lange an dieser Schule war, denn ich hab da viel über den Lernprozess an und für sich gelernt. Zum Beispiel immer wieder differenziert zu entscheiden, welches Feedback wichtig ist und welches destruktiv, in welchem Fall du ein Problem mit dir selbst hast und wann eher mit dem Rest der Welt, und an welchen Problemen du arbeiten kannst und an welchen du dir eher die Zähne ausbeißt. Das hat mir sehr geholfen. Das sind Dinge, die man autodidaktisch im Internet nur schwer lernen kann.

Die Vergleichsmöglichkeiten waren zu der Zeit ja vermutlich auch anders als heute.
Welche Möglichkeiten?

Na wenn man ja mit etwas anfängt, legt man los und schaut, wie es funktioniert und vergleicht sich dann ganz automatisch mit anderen.
Ja richtig, die ersten Schritte sind wohl immer, dass man kopiert, emuliert und vergleicht. Man guckt halt, ob man das auch kann, was die anderen zeigen, und zwei, drei Wochen später ist man durch damit, und dann muss was Neues kommen. Das hab ich am Anfang ja auch so gemacht. Glücklicherweise konnte ich die Ergebnisse damals noch nirgends ins Internet stellen.

Damals…
Ja okay, heute braucht man vielleicht etwas länger dafür, alles zu sichten, aber man muss sich ja auch nicht mit allem beschäftigen. Nenn mich arrogant, aber ich finde es logisch, dass einen 99,99% aller existierenden anderen Bilder für den eigenen Weg nicht interessieren. Aber sie sind notwendig, um Vorbilder auszumachen und sich von anderen abzugrenzen.

Ich finde es etwas merkwürdig, dass viele Fotografen kaum in Fotoausstellungen gehen oder sich wirklich tolle Bücher herausragender Fotografen anschauen, aber alle Facebook-Memes kennen und sich tagtäglich mit schrecklichen Bildern beschäftigen, weil sie sie halt gefüttert kriegen.

Dann lass uns doch über bessere Bilder reden, nämlich deine. Hast du immer nur Personen fotografiert oder auch mal was anderes?
Nein, nie etwas anderes. Natürlich habe ich auch mal St. Pauli fotografiert, emotional und sexy, so wie ich Frauen fotografiere, aber als Thema hat mich nie irgendwas anderes als eine Frau interessiert. Wobei es noch nicht mal wirklich das ist, mich interessiert eigentlich der Dialog.

Also ist das Foto eigentlich nur eine Art Beiprodukt?
Ja, auf jeden Fall. Wenn ich rausgehe und einen Baum fotografiere, dann ist die Begegnung limitiert. Das ist auch ein bisschen ein Klischee, das wir beigebracht kriegen: zuerst fotografiert man Architektur, denn die kann sich nicht wehren, das zweite sind Bäume, dann passiert ja gelegentlich noch Bewegung und sowas, und zwischendurch vielleicht noch Haustiere... und dann kommen irgendwann Menschen, die tatsächlich interagieren.

Diese Interaktion ist spannend, und für mich ist der krönende Abschluss, wenn die Person nicht nur mit mir agiert, sondern auch vor allem mit sich selbst, wenn sie so tief in sich eintaucht, dass sie zum Schluss etwas Neues erfahren hat. Das ist der ganze Sinn der Sache. Ich hätte keine Lust, täglich einfach nur immer wieder zu beweisen, dass ich ein guter Fotograf bin und sie eine schöne Frau. Für mich muss da noch etwas mehr geschehen.

Eigentlich kann das bei dir ja auch gar nicht passieren, Sessions machst du ja mit einem gewissen Zeitabstand, in dem ja auch etwas passiert im Leben der anderen Person.
Genau, und auch in meinem Leben. Wobei das nicht immer zum Vorteil ist. Es passieren ja auch Krisen, Sachen, wo z.B. die Hälfte der bisherigen Sessions wieder völlig in Frage gestellt werden. Aber das ist total spannend. Das unterscheidet sich halt von dieser konventionellen Shootingidee.

Genau. Ich las irgendwo, dass du irgendwann mal ein Model fotografieren willst, wie sie wirklich ist.
Ha! Ich erinnere mich, ja. Ich meinte allerdings so ein richtiges Supermodel, die es seit Jahren gewohnt ist, mit sich als Kapital umzugehen. Ich fand die Idee ganz spannend, bisher hat sich aber keine angeboten.

Wo findest du denn die Menschen, die du fotografierst? Du sagst ja selber, dass du kein Fan von der Modelkartei bist, dass du keine Models fotografierst…
…ich möchte keine Models fotografieren, wenn sie sich für Models halten.

Ich finde so ein Katalogsystem in Ordnung, um Fotografen zu vergleichen, denn hier stehen ihre Skills, ihr Stil oder Ansatz, ihre Dienstleistung zur Debatte. Das soll aus dem Profi-Foto-Business entlehnt sein und Professionalität versprühen. Aber lässt sich das genauso auf Modelle übertragen?

Ich glaube, ich habe so ein Problem mit diesen Karteien, weil ich oft beobachtet habe, dass sich das Selbstverständnis etwas verändert, wenn man nicht aufpasst. Den Frauen wird dort von allen Seiten suggeriert, dass sie selbst eine Art Produkt sind, das sie anpreisen: Sie beschreiben ihre Maße, ihre Qualitäten, die Dinge, die sie zu tun bereit sind, und dementsprechend werden sie dann gebucht. Welche Frau hätte so ein System erfunden?

Naja, und weil die Neulinge denken, dass man da so mitmachen muss, um günstig an Fotos zu kommen, begeben sie sich unbedarft in diese merkwürdige von Fotografen und Computernerds geschaffene Welt, lernen komische Begriffe wie »TFP« und »H&M« und »Akt nur auf Pay« und »Fahrtkostenerstattung« und sind zum Schluss als Menschen kaum noch wiederzuerkennen vor lauter »Professionalität«. Wie sie sich selbst dabei verbiegen, bemerken sie kaum, weil ihnen zu Anfang noch die Erfahrung fehlt. Im Vordergrund steht das Ziel, sich gegen die anderen zu behaupten, um an tolle Bilder zu kommen. Es wird natürlich suggeriert, dass du als Modell Erfahrung brauchst. Je mehr Sessions, desto besser. Niemand wird dich in dieser Anfangszeit kritisieren. Unbewusst wird so eine Art von Verfügbarkeit erreicht. Deine Belohnung ist die wachsende Sedcard, die irgendwann genauso bunt und voll und langweilig und austauschbar aussieht wie von den anderen – ein Panini-Sammelbilderalbum.

Der Wert, den man in diesem System gewinnt, ist ein Erfahrungswert: Vorher kannst du es noch nicht beurteilen, und hinterher ist es zu spät. Wie gut diese merkwürdigen Vanity-Systeme funktionieren, sieht man an Seiten wie Suicide Girls. Nach Jahren fragst du dich dann, warum zum Teufel du so viel Zeit damit verbracht hast. Die meiste Zeit bist du eher damit beschäftigt, dir komische Leute vom Leib zu halten, die denken, sie haben eine Lizenz zum Nerven, weil ja beide in derselben Branche sind (lacht).

Versteh mich nicht falsch, ich gönne jedem sein Hobby. Ich habe aber den Eindruck, die Frauen bekommen da selten, was sie ursprünglich wollten. Die meisten, die ich kenne, haben das ein paar Jahre gemacht, und sind von der Ausbeute im Nachhinein sehr enttäuscht. Im Grunde sind sie doch Hausfrauen. Oder Sportlehrerinnen. Floristinnen, Grafikerinnen, Studentinnen. Naja, richtige Menschen halt. Keine Models.

Aber sind denn Hausfrauen und Sportlehrerinnen und Studentinnen nicht trotzdem auch die Menschen, die du fotografierst?
Ja, natürlich!

Also wo ist der Unterschied?
Man driftet ab in diesen Systemen. Du beschäftigst dich den ganzen Tag mit tausend unwichtigen Sachen, aber es geht da im Grunde selten um Bilder. Ich habe mir diese Vergleichsgeschichten ein paar Jahre lang angehört. »Der hat damals die fotografiert, und er hatte sicher auch was mit ihr, und sie tourt jetzt in der Weltgeschichte rum und guckt mich mit dem Arsch nicht mehr an. Und der Fotograf fand mich toll, er meinte, wenn ich zu ihm gehe, dann bleibt es auch nicht bei Bildern, etc. pipapo … «

Dann habe ich bemerkt, wie wohltuend es ist, Leute zu fotografieren, die damit gar nichts am Hut haben, die lediglich Bilder suchen und nicht diese Vergleicherei drum herum. Seitdem suche ich nicht mehr dort.

Was würdest Du denn anders machen?
Wäre ich eine Frau auf der Suche nach Fotos, würde ich mir die Fotografen mit Verstand anschauen und zwei bis drei anschreiben, die mir wirklich gefallen. Aber ich käme nicht auf den Gedanken, mich selbst dort einzureihen und als Modell zur Diskussion zu stellen. Stolz und Geschmack sind die besten Waffen, die machen eine Person doch erst so richtig spannend …

Fair enough, aber Leute, die spannend sind, die suchen wir doch alle.
Ja, aber die gibt es doch auch überall. Auf der Straße, im Supermarkt, am Tresen in der Kneipe, im Zug, wenn ich zu meiner Freundin fahre, sogar in meiner eigenen Wohnung, weil ich eine Mitbewohnerin habe, die das mal ausprobieren will. Dieses Gefühl, dass du noch nicht genügend spannende Leute zum Knipsen kennst, hast du wirklich nur ganz am Anfang. Seit Facebook wollen doch sowieso alle supersexy Bilder von sich haben.

Guck mal, mein Ansatz ist extrem speziell, deshalb kann ich gut verstehen, dass 99% aller Leute sich im Leben nicht vorstellen könnten, von mir fotografiert zu werden. Trotzdem fragen immer viel viel mehr Leute an als man jemals fotografieren könnte.

Ist das bei dir so?
Zu meinen aktivsten Community-Zeiten hatte ich 35 bis 50 Anfragen pro Woche. Das machte irgendwann viel unkonstruktive Arbeit und gab auch oft genug Zoff. Es ist halt nervig, wenn die Leute mit so einer Ablehnung ihre eigene Wertigkeit in Frage stellen, weil sie es in diesem System so gelernt haben. Das war der Grund, warum ich mich irgendwann aus den Karteien gelöscht habe und z. B. auch auf Flickr nicht nach Modellen suche.

Ich muss ja sehr stringent auswählen: Weil es mir um den Weg geht, den wir zurücklegen, fotografiere ich immer eher Leute, die schon hier waren. Und ich fotografiere selten. Das bedeutet, dass es ohnehin nur ein ganz kleines Fenster für neue Leute gibt: In den drei Jahren seit Veröffentlichung meines Buches habe ich nur eine neue Person angenommen.

Und wonach wählst du die aus?
Ich wähle aus ... nach dem Lustprinzip. Wenn ich denke, dass spannende Dinge passieren könnten, die mir die Person vielleicht zeigt. Das ist die Idee des ersten Tests. Da gabs Leute, bei denen ich merkte, dass wir überhaupt nicht zusammen kommen. Oder wo es ziemlich gut und interessant aussah, wo aber ab dem zweiten Mal nichts mehr passierte. Oder der erste Test lief völlig schief, und die Person ist dann aber auf den Geschmack gekommen. Das ist ein spannender Prozess, wenn man bereit dazu ist.

Wenn du von „Test“ sprichst, meinst du schon eine komplette Session?
Richtig, wobei es schwierig ist, beim ersten Mal von einer Session mit allem Drum und Dran zu reden, denn der eigentliche Gedankenprozess, das Reflektieren, das geht erst danach los. Eigentlich ist das sogar ein bisschen böse, denn die allerbesten Voraussetzungen, dass es toll wird, dass man unbefangen Dinge zeigt, nicht voreingenommen ist, das hat man eigentlich in der ersten Session. Nachher muss man sich die Unbefangenheit erst wieder erkämpfen.

Aber das weiss man da ja noch nicht, und dann ist man ängstlich und denkt sich „Kann ich das überhaupt? Tauge ich, kriege ich das hin, von was auch immer der Typ da in seinem Buch redet?”. Eigentlich sind diese Gedanken unerheblich, man muss sich selbst davon wieder freimachen. Das erste Mal beweist man sich eigentlich nur, dass es geht. Danach geht es dann richtig los: Was wäre denn, wenn ich heute dieses mache, wenn ich jenes thematisiere, habe ich nicht noch ganz andere Sachen, die ich zeigen könnte, sehen wollen würde?

Ich merkte, dass der fortschreitende Prozess das Spannende ist. Also hörte ich auf, Leute nur ein einziges Mal zu fotografieren. Da wird für mich so viel Potenzial verschenkt von dem, was da noch alles passieren könnte. Wenn du mich fragst, was ein gutes Bild für mich als Fotografen ganz persönlich ausmacht, dann ist es nicht die Bestätigung der Bestätigung der Bestätigung, sondern auch der nächste logische Schritt. Zu sagen „Und sonst so? Was noch?“ Und die Bilder, die übrigbleiben, die ich nach Jahren an die Wand hänge, das sind meist diese „Und sonst so?”-Bilder und nicht die ersten.

Kannst du denn zu allen Bildern die Session noch zuordnen?
Auf jeden Fall! Das ist von der Reihenfolge her ganz klar. Es gibt sicher Ausnahmen, wenn die Sessions sehr eng beieinander liegen, aber zu den allermeisten Sessions fällt mir eine Nummer ein, und man sieht in jedem Fall, welche Session nach welcher Session kam. Und es ist nicht unbedingt so, dass die nachfolgenden Sessions automatisch die besseren sind. Manchmal geht man auch einen Schritt zurück, weil man sich wohler gefühlt hat, oder möchte später noch woandershin abbiegen.

Sonst wäre ja auch immer die letzte Session die beste.
Genau. Aber es gibt Fragen, die man sich selbst erst stellen kann, wenn sie auftauchen. Ich erinnere mich ganz gut an an eine Frau, mit der ich drei Aktsessions hatte, und beim nächsten Treffen fragte sie mich, ob sie nicht auch mal wieder angezogen bleiben könnte. Sie dachte, das ginge jetzt nicht mehr, das mit dem Ausziehen wäre eine logische Konsequenz. Man weiss sowas nicht, bis es passiert. Wir fanden das ganz lustig, als wir es realisierten.

Gut, du sagst also, dass du den Menschen fotografieren willst, nicht die Oberfläche.
Ja gut, das Bild hält natürlich die Oberflächen fest, aber der Mensch sieht anders aus. Wenn er sich zum Beispiel anders verhält als einfach nur gefallen zu wollen. Jeder Mensch ist da anders, z.b. wenn Leute die schon immer aggro und arrogant und scheisse und unnahbar waren und das dann total großartig aussieht. Es geht ja auch nicht darum, den Willen der Person zu brechen, sie soll einfach repräsentiert werden, wie sie sich repräsentiert sehen möchte. Aber wenn es gut läuft, dann entstehen Bilder, die sich der Kontrolle entziehen, auf denen aus Versehen oder auch ganz gewollt eine Blöße erscheint. Das muss nichts negatives sein, das ist eigentlich sogar sehr positiv. Ich denke man lernt, das Bild von sich selbst zu erweitern.

Aber wie kommt man da hin? Wie läuft denn eine Session ab? Das Model kommt ja sicher nicht hier rein, unterschreibt den Model Release, du sagst ihr genau was du vorhast und wo das Bild dann später zu sehen sein wird...
Das ist ja das schöne an der Art, wie ich arbeite. Die Leute wissen schon vorher, dass es um nichts geht außer sie selbst. Es gibt keinen Zweck, es gibt keinen Zwang. Sie sitzt auf diesem Sofa, sie macht was sie will, und zum Schluss entsteht vielleicht ein Bild, das wir beide so toll finden, dass wir es irgendwo zeigen. Das ist alles.

Schön gesagt.
Ja, und dadurch wird der Rahmen zwar definiert, er ist aber gleichzeitig auch völlig offen. Wir sind nicht da, um z. B. ein Beautyshooting zu machen, damit die Person sich durch dieses Bild irgendwo besser verkaufen kann. Und wir sind auch nicht da, um Bilder für eine Bewerbung zu machen ...

Ich habe das Gefühl, sobald ich eine Anweisung gebe, mache ich alle anderen Möglichkeiten zunichte.

…aber das heisst, du weisst im Vorfeld auch nicht, ob es funktionieren wird oder nicht.
Natürlich nicht, aber das ist ja auch unerheblich, davon muss man sich emanzipieren. Diese Zweckgebundenheit ist tödlich. Wenn es funktioniert, ist das ja nicht direkt eine Leistung, sondern eher ein Zufall.

Das meine ich ja, gerade weil du kein definiertes Setting hast und die Person nicht deswegen ausgewählt hast, sondern einfach guckst, was passiert.
Und das funktioniert nicht immer. Es gibt ja tausend Gründe, warum es nicht klappen könnte. Eigentlich ist es ja schon ein ausgesprochener Glücksfall, wenn es funktioniert, und ich bin immer wieder erstaunt, wie oft das der Fall ist. Wenn hier jemand sitzt und merkt „Oh mein Gott, das klappt jetzt irgendwie überhaupt nicht”, ist das ja nichts Schlimmes, sondern vielleicht nur der erste Schritt zu etwas Bewussterem. Und genau an diesen Schritten bin ich interessiert.

Versuchst du denn ein auch ein wenig zu lenken?
Je nachdem, wie jeder es braucht. Bei Leuten mit Erfahrung habe ich ganz oft das Problem gehabt, dass sie damit nicht klar kamen, wenn ich ihnen nicht sagte, was sie tun sollen. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, dann bleibe ich lieber still. Ich habe das Gefühl, sobald ich eine Anweisung gebe, mache ich alle anderen Möglichkeiten zunichte. Das schönste ist, wenn es aus der Situation heraus von selber läuft.

Ist denn das Umfeld wichtig für dich?
Schon, ja. Es kam oft genug vor, dass sich die Person eine spannende Umgebung wünschte, einen Ballsaal oder ein Restaurant oder an die Elbe, im Sand suhlen oder sowas. Für mich persönlich ist das eher ablenkend, weil ich draußen und unter Leuten oft mit Publikum zu tun habe, was ich nicht schätze. Es gab da den Fall an der Elbe, wo sich die Frau im Wasser total toll gefühlt hat, aber dann haben sich dann auch Schaulustige mit Bierflaschen dazu gesetzt und rumgespannert. Sobald es mehrere Bezugspersonen gibt, sobald es weg geht von dieser Intimität, dann wird es schwierig. Und diese Intimität haben wir am besten hier zuhause. Obwohl wir auch schon in der Dusche Bilder gemacht haben, wo dann zwischendurch die Mitbewohnerin mit ihrer Familie hinter mir durch den Flur lief ... das war schon lustig.

Generell ist aber alles darauf angelegt, dass sich alle wohl fühlen, und das geht hier gut. Meine Küche, meine Dusche, mein Dachboden haben sich ja nicht zur Location entwickelt, weil sie besonders geeignet waren, sondern weil sie einfach da waren. Aber ich finde interessant, wie verschieden diese eine Couch mit dieser einen Stehlampe und dieser einen Tapete oder Wand auf den Bildern wirkt, je nachdem, wer davor sitzt.

Jetzt hole ich mal zu Helmut Newton aus, der ja fotografierte, was er begehrte, was dazu führte, dass alles immer gleich aussah. Wie ist das bei dir? Fotografierst du, was du begehrst, oder lässt du machen?
Ich fotografiere immer nur nach dem Lustprinzip. Etwas, von dem ich denke, dass es für die Fotografierte spannend sein könnte. Was das dann jeweils ist, das entsteht aus der Situation heraus. Es entstehen aber auch Bilder, an denen ich gar nicht teilhabe, weder motorisch, noch ordnend oder kontrollierend, die ganz nebenbei entstehen, und die plötzlich zu den besten gehören. Ich würde nicht sagen, dass alles, was du siehst, durch meinen Wahrnehmungsfilter gegangen ist, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Ich habe mich zwischendurch schon oft dabei ertappt, zu versuchen, die portraitierte Person in irgendwelche Situationen zu bringen, mit denen sie nicht vertraut war, damit ich ein Bild von ihr erwische, auf dem sie nicht kontrolliert ist. Das sind so Tricks und Kniffe, die man anwenden kann, damit kommt aber auch nur bis zu einem gewissen Punkt, irgendwo ist immer eine Grenze. Meist merken es beide im Laufe der Session und lachen drüber.

Spannend wird es, wenn es im Einvernehmen mit der Person einen Flow gibt, den wir festhalten. Mein eigenes Lustprinzip hat mit der Person selbst nicht unbedingt etwas zu tun. Wenn ich viel fotografiere, dann kann es auch sein, dass diese Energien von einem Shooting ins nächste mit einer ganz anderen Person überschwappt, es kann aber auch gut sein, dass ich überhaupt nichts einbringe und die Person vor der Kamera alles macht. Aber in all den Jahren lernte ich, mir über all das möglichst wenig Gedanken zu machen. Das klappt am besten.

Aber wenn wir von Begehren reden, muss ich kurz einhaken. Da wird ja meist dieses sexuelle Begehren verstanden. Ich denke schon, dass manchmal eine sexuelle Energie eine Rolle spielen kann, aber oft genug steht sie auch im Weg. Vielleicht lernst du, für den Fotografen attraktiv sein zu wollen, aber dann wäre der nächste logische Schritt, zu überdenken, warum man sich denn da so begehrlich macht, und sich davon auch wieder zu emanzipieren.

Ich finde es sehr spannend, dass meine Art der Fotografie mit jemandem funktioniert, der 16 Jahre alt und behütet von Mama und Papa ist, aber auch mit jemandem, der 35 Jahre alt ist und schon sehr lange klar im Leben steht. Es ist schön, dass beide Bilder problemlos nebeneinander stehen können. Das ist für mich ein gutes Zeichen. Hätte ich einen anderen Fokus, wäre das wohl nicht möglich. Im Grunde bleiben es Portraits, die die Person fangen wollen, wie sie zu dem Zeitpunkt ist.

Ich mag die nächste Frage ja nicht, aber ich stelle sie trotzdem: Warum das Ganze?
Sieht man das nicht?

Eben, deswegen mag ich sie ja nicht. Wenn man sie stellen muss, suggeriert man automatisch, dass man es nicht oder nur teilweise verstanden hat.
Haha, okay!

Es gibt zum Beispiel das Foto mit den Tackerklammern, es hat diesen Sticker vom Labor, und Leute beschweren sich, dass da diese weiße Fläche ist und dass sie es aussortiert hätten. Das sind - vielleicht - auch die Leute, die nach dem Sinn fragen würden.
Aber sind das nicht Leute, die den Sinn ohnehin nie verstehen werden? Unverständnis beruht ja nicht auf einem Mangel an Fakten, sondern ist einfach ein Mangel an Erfahrung. Du kannst niemandem erklären, wie Pistazieneis schmeckt. Und denen, die es kennen, musst du es nicht erklären.

Aber es gibt auch Leute, die sich der Erfahrung entziehen, die sich dann bspw. sagen „Oh Mann, der wollte irgendwelche Dinge, ich hab das nicht verstanden, und dann bin ich halt wieder gegangen”.

Du redest jetzt von der Person, die du fotografierst.
Ja. Jemand, der noch keine Erfahrung vor der Kamera hat, unterstellt mir sicher, dass es ein Gefälle gibt, weil ich schon tausend mal fotografiert habe und deshalb genau weiss, was ich tu. Aber: Jede Session mit einer neuen Person ist auch für mich eine ganz neue Session. Klar erkenne ich irgendwann vielleicht Muster, aber eigentlich muss ich jedes Mal komplett neu da reingehen und offen für alles sein. Nach Schema F vorzugehen, ist nicht Sinn der Sache. Damit würde ich der einzelnen Person nicht gerecht werden.

Die Schönheit auf den Bildern, die ich mache, die kommt daher, dass die Leute sich erkennen und sich stark fühlen, sich richtig fühlen.

Bedeutet das denn auch im Umkehrschluss, dass ein gutes Foto auch eins sein könnte, was dir nicht gefällt? Ein Foto, was nach deinen Maßstäben schlecht ist, aber die Person so zeigt, wie sie ist? Wäre es dann trotzdem ein gutes Foto?
Hehe ... ja, klar, es ist eigentlich sogar das einzige Foto, was interessiert. Aber in diese Lage kommen wir nicht oft, denn wir sichten nicht immer alle Fotos zusammen, d.h. oft mache ich eine Vorauswahl, die ich für okay halte. Nur ganz selten wollen Personen alle Bilder sehen.

Du hast schon Recht, meine Autorität als Bildauswähler sollte man in Frage stellen, klar. Ein guter Freund von mir hat mal gesagt „Alter, wenn du tot bist, dann zeigen wir erst mal alle Fotos, die du selbst nie begriffen hast!“ - das ist doch eine ganz schöne Perspektive für meinen Nachlass.

Aber das ist interessant, d.h. du kennst gar nicht alle Bilder?
Du musst dir mal meine Vorgehensweise überlegen: Ich mache viele Bilder aufs Geratewohl, nicht die Bilder, die ich mir vorher zurecht lege. In einer Session verschieße ich zwischen 15 und 25 Filme, also etwa 300 bis 400 Bilder. Da gab es Sessions mit zwei Filmen, vollgepackt mit Perlen, und es gab Sessions mit 25 Filmen, bei denen am Ende vielleicht ein Foto was taugte. Wenn die Negative von der Entwicklung zurück kamen, habe ich die oft einfach nur gegens Licht gehalten und überlegt, welche Fotos von der Schärfe und von dem, was man sehen kann, hinkommen könnten, und dann oft aus Zeitgründen auch nur die gescannt. Das dürfte so grob die Hälfte aller Fotos sein. Da kommt wieder das Lustprinzip zum Vorschein, aber das ist ja nicht schlimm, solange dabei genug rauskommt.

Was für Kameras benutzt du denn?
Hier im Schrank liegen welche. Ach nee, das sind digitale Kameras, die sind ja egal.

Das heisst also Film. Und warum?
Ich benutze Kameras, die einen möglichst großen und hellen Lichtschacht haben, damit ich das Bild sehen und fühlen kann. Mit Sucherkameras klappt das nicht so gut. Groß ist dabei Pflicht, eine Hasselblad mit ihrem Lichtschacht und mit dieser minikleinen Lupe macht nicht so viel Spaß wie eine ordentliche Kiev 6. Es geht ja ums Fühlen, um dieses haptische. Deshalb auch die Kiev, da passiert immer etwas anderes als mit richtig guten Kameras. Die ganz perfekten Bilder sind mir meist etwas zu geleckt.

Den Fotos nach zu urteilen scheint es ja, dass du schon sehr weit weg vom technischem Perfektionismus bist.
Das weiss ich nicht. Wenn der Sinn der Sache ist, ein „makelloses“ Bild zu machen, dann ja.

Moment, also... nicht unbedingt.
Na, was ist denn der Sinn der Sache?

Ein gutes Bild zu machen.
Und was ist gut?

Das liegt im Auge des Betrachters (lacht)
Ach komm! Das sagen alle, die nicht wissen, was sie tun.

Okay, um deiner Definition zu entsprechen: ein Bild ist gut, wenn es den Menschen zeigt, nicht nur seine Oberfläche.
Ja, aber ich möchte natürlich trotzdem ein Bild schaffen, das erfreut. Ich suche keine Superlativen, egal in welche Richtung. Das heisst auch nicht, das ich mit der Schönheit auf dem Bild brechen will, ich suche ja kein alternatives Schönheitsideal oder so.

Aber die Schönheit auf den Bildern, die ich mache, die kommt daher, dass die Leute sich erkennen und sich stark fühlen, sich richtig fühlen. Und das ist z.b. etwas, was diametral dem gegenüber steht, was andere als Schönheit in einem Bild sehen. Die denken, wenn sie äußerlich schön sind, dann ist auch ihre Persönlichkeit schön. Für mich ist der Beweis nur genau andersrum möglich. Es geht natürlich um Schönheit, aber eben nicht um die Art Schönheit, die man durch die Medien suggeriert bekommt.

Natürliche Schönheit kommt von innen?
Ohne Scheiss, wenn es nicht schon ein Werbespruch wäre, ich würde ihn benutzen.

Ich habe in deinem Buch aber ausnahmslos schöne Frauen gesehen, selbst wenn sie nicht den Schönheitsidealen dieser Welt entsprechen.
Ja, ich suche im Grunde auch nur nach Schönheit. Aber was ich nicht gut finde, ist, wenn daraus das Selbstverständnis entsteht, wie man auszusehen hat, damit man für Bilder taugt. So entstehen diese allgemein akzeptierten und vielfotografierten Modeltypen, die ich sehr langweilig finde. Schöner ists, wenn man selbst noch nicht so recht wusste, was einen denn schön macht.

Ich glaub, die meisten haben sich eher gewundert, warum ich sie überhaupt frage. Und wir haben diese wunderschönen Sachen gefunden. Das ist doch großartig. Natürlich kannst du als Fotograf nicht gegen alle Schönheitsmagazine arbeiten, aber als Frau musst du daran auch nicht verzweifeln. Fotografiere ich eine schlanke Frau, dann wird immer wieder angenommen, dass ich sie nur deswegen fotografiert habe, weil sie schlank ist. Diese Diskussion hatte ich schon sehr oft, gerade weil ich viele junge Frauen fotografiere. Da wird gern kritisch gefragt: „Warum fotografierst du keine älteren Menschen?“ Das tu ich natürlich, es wird nur gern übersehen. Es gibt einige Menschen, die sind Ende 30, Anfang 40, die fotografiere ich schon seit 10 Jahren, und die werde ich hoffentlich auch in den nächsten 10 Jahren noch fotografieren.

Wenn ich aber reifere Frauen frage, die nicht aus meinem direkten Bekanntenkreis kommen, gibt es Vorbehalte. Sie wollen sich dann nicht mit meinen anderen Bildern vergleichen, weil sie Angst haben, dabei schlecht wegzukommen. Das finde ich ein bisschen schade, denn es ist eine selbsterfüllende Prophezeihung. Um das Motiv hinter den Bildern wirklich zu begreifen, muss man schon sehr genau hinschauen. Das bemerkt niemand, der sich einfach nur flüchtig meine Fotos im Stream anschaut.

Stream ist ein Stichwort: Du hast mir vor dem Interview erzählt, dass du dich weitestgehend aus den Social Networks zurückgezogen hast...
Ach, diese ganze Online-Welt wird für mich grad irgendwie immer unkonstruktiver. Klar findest du über die Jahre viele wirklich nette Leute und sogar Freunde, die bleiben. Aber die meisten Leute werden derzeit zu diesen Facebook-Selbstvermarktern erzogen, die irgendwas Diffuses erreichen wollen, von dem sie selbst noch gar nicht so genau wissen, was das überhaupt ist und wie sie es kriegen. Dabei erzeugen sie halt eine Menge Rauschen, das sich später wieder in bedeutungsloses Nichts auflöst. Kommunikation und Spam kommen ganz schön durcheinander.

Facebook hat mich darüber hinaus zu einer unglaublichen Blogmüdigkeit gebracht. Da hatte dann jeder Blog seine Fanpage, und ich bekam sie hautnah mit, aber dann merkte ich auch, wie sehr sich die anfangs autarken Stimmen immer mehr anglichen, immer mehr voneinander abschrieben, Themen rumreichten ... Agendasurfing eben. Und das führte dazu, dass sich alles immer schneller und häufiger wiederholte.

Jeder Blogger dachte, er muss über das alles berichten, weil er seinem Publikum und den Klicks ja irgendwie verpflichtet ist, dabei ist das Gegenteil der Fall. Da denkst du dreimal am Tag: „Ja, wir wissen es, die und die neue Kamera ist jetzt rausgekommmen, was willst du mir jetzt auch noch dazu sagen?“ Diese Redundanz ist irgendwie das Gegenteil von Schwarmintelligenz.

Was würdest du dir denn wünschen?
Der Sinn von Blogs ist für mich, dass man etwas zu sagen hat, was über das Marketinggewäsch hinaus geht, eine eigene Stimme mit einer eigenen Meinung, die sich von anderen abhebt. Und das geht seit Facebook ordentlich verloren, und das finde ich schade. Toll war es eher so: „Hier, das ist meine Meinung, dazu stehe ich, und jetzt erzählt mir mal, was ihr dazu zu sagen habt, dann können wir drüber reden.“ Diese Gesamtheit der Meinungen hat dann mein vollständiges Bild der Presselandschaft ergeben.

Wenn aber jeder nur noch vom anderen abschreibt und sich zudem auch nicht mehr aus dem Fenster lehnt, weil er Angst hat, auf die Fresse zu kriegen vom Instant-Feedback, dann bemerke ich die Individuen ja irgendwann gar nicht mehr.

Ich denke, dass Blogger oder Publisher von PDF Magazinen viel zu stark den Drang verfolgen, sich selbst multiplizieren zu wollen. Expandieren, bekanntwerden, Beiträge und Leser rekrutieren geht immer eine Zeitlang gut, bis es dann kippt und völlig beliebig und langweilig und doof wird, wenn keine Vision, kein richtiger Kurator dahinter steht.

Blogs sollten bedingungslos persönlich sein - es gibt Blogs, die ich verfolge, die schreiben so, wie sie schreiben, weil sie gar nicht anders können. Die legen sich dadurch zwar mit allen möglichen Leuten an, aber das macht sie auch begreifbar, und das rechne ich ihnen hoch an.

So möchte ich auch wahrgenommen werden - die Beliebtheit, die sich in Zahlen messen lässt, ist halt nicht die Beliebtheit, die man durch das tatsächliche fühlbare Sein hat.

Ich will doch nicht unglaublich viele Leute erreichen, und mache mich zu diesem Zweck möglichst undurchsichtig und unangreifbar. Ich will die richtigen erreichen, und auch richtig verstanden werden. Ich denke, dazu muss man eine klare Position ergreifen. Das wünsche ich mir auch bei anderen.

Hast du denn noch Pläne, wie es weitergehen soll?
Es gibt ein paar Ausstellungen dieses Jahr, die erste im April in Dresden, dann Mai, Juni und im Herbst auch noch ein, zwei. Weiter geht es ja immer. Die Bilder bleiben, und es wird auch immer wieder mal neue geben, wenn ich es hinkriege. Von meinem Buch werden dieses Jahr die letzten verkauft, und wenn die weg sind, mache ich bestimmt nächstes Jahr etwas ganz Neues.