Mittwoch, 28. Dezember 2011

Abenteuer Großformat

Ach du mein lieber Scholli.

Ich bilde mir ja ein, dass ich mich auf dem Gebiet der Kleinbild-Fotografie gut auskenne. Kenne die Technik, weiss mit den Begrifflichkeiten umzugehen, kann mit den meisten aktuellen Modellen was anfangen, und selbst wenn nicht, dann kann ich sie zumindest meist doch einordnen. Kann darüber reden, wenn es denn sein muss, weiss, was ich will, und könnte je nach Anwendungsgebiet vielleicht sogar Empfehlungen aussprechen. Dann kam 2010 das Mittelformat dazu. Es war ungewohnt, aber immerhin galten dort dieselben Regeln wie fürs Kleinbild. Es waren auch meine ersten Gehversuche in der Analogfotografie, mit der ich ja erst mal warm werden musste, von der Technik her unterscheidet sich das Ganze aber nicht so wahnsinnig vom Kleinbild. Es gibt andere Kameraformate, andere Hersteller, aber ich fühlte mich trotzdem nicht doof, und mittlerweile bin ich da auch recht bewandert, weiss um die Eigenheiten und Besonderheiten der sagen wir mal interessanteren Modelle. Glaube ich jedenfalls. Mit Mittelformat fühle ich mich jedenfalls pudelwohl.

Yi Lin Hu

Aber irgendwo war es ja nur eine Frage der Zeit, bis dann das Thema Großformat auf den Tisch kommen sollte. Quasi der Ferrari in der Fotografie. Dieses ominöse Etwas mit den Kameras, die aussehen, als wären sie alle Anfang des letzten Jahrhunderts entworfen worden. Aber das kann doch nicht so schwer sein, der Stilpirat macht das doch auch, der hat also eine Graflex Speed Graphic, alles klar, dann besorg ich mir die und mach dann auch Sachen wie Sally Mann. Pustekuchen. Dass es dort wieder andere Hersteller gibt, na gut, das war abzusehen, aber wer kann denn bitte ahnen, dass dieses Gebiet so dermaßen komplex ist? Es gibt unterschiedliche Arten von Großformatkameras, so werden beispielsweise schon solche, die im Format 6x9cm fotografieren als eben groß bezeichnet, dabei ist das nur ein Daumenbreit mehr als die 6x7cm, die meine Mamiya eh schon kann. Fairerweise: es geht bei Großformat mehr um die Möglichkeiten, aber trotzdem will ich mich ja auch rein von der Größe auch vom Mittelformat absetzen. Der Klassiker ist 4×5″ oder 9x12cm, aber dann gibt es da Laufbodenkameras wie eben die Graflex-Modelle, Monorails wie beispielsweise die Sinar F2, es wird unterschieden, wie beweglich die Kameras sind – bei der Speed Graphic ist beispielsweise das Rückteil nicht beweglich. Ich hab irgendwo gelesen, dass das für Landschaftsfotografie, was ich ja machen will, aber wichtig wäre, also kam sie nicht mehr in Frage – und von den Objektiven will ich gar nicht erst anfangen! Die werden fürs Bildformat gekauft, ein Bajonett wie bei DSLRs gibt es nicht. Das Äquivalent dazu sind Objektivplatten, die aufs jeweilige Kameramodell zugeschnitten sind. Aber was ist da gut und was nicht? Je größer das Format, desto kleiner die Nutzerbasis, desto schwieriger ist es, an Informationen zu kommen.

Und das ist ja nur der Hardware-Teil! Die Technik ist ja nochmal eine ganze andere Hausnummer. Bei YouTube gibt es jede Menge Videos, wie solche Kameras bedient werden. Ungefähr konnte ich mir das ja auch vorstellen, aber das fokussieren mit den teils frei beweglichen Standarden – so nennt man Front- und Rückteil – ist echt eine Wissenschaft für sich. Ich bilde mir ein, es ungefähr verstanden zu haben, aber ob ich das Wissen dann auch in die Praxis umsetzen kann… wer weiss…

Yi Lin Hu

Ich habe das Gefühl, ich ertrinke gerade in Informationen. Ich weiss nicht, was das Richtige für mich ist, es gibt für jede Art Kamera Pros und Contras, die sich an dem orientieren, was ich vorhabe, und was so meine Situation ist. Situation? Na dass ich beispielsweise kein Auto habe, d.h. die Kamera also halbwegs komfortabel zu transportieren sein muss, idealerweise in einem Rucksack. Sowas eben. Was mich trotzdem nicht davon abgehalten hat, bei zwei Kameras in der Bucht mitzubieten. Hätte ich bei einer den Zuschlag erhalten, es wäre meine bisher teuerste Kamera. Und das ist ja nur die eine Seite der Medaille: einfacher Planfilm ist bezahlbar, okay, aber als man mir im Labor meines Vertrauens einen Preis von 4,10€ für die Entwicklung an den Kopf knallte musste ich schon schlucken. Pro Stück. Pro Foto.

Und ab dem Punkt siegte dann auch die Vernunft. Klar habe ich Interesse! Aber ich mache das hier zu meinem Vergnügen, ich verdiene damit kein Geld. Und dem gegenüber stehen auf einmal Kosten, die wirklich(!) relevant sind, wo 4€ für ein vergeigtes Foto dann auch weh tun. Klar kann ich auch selbst entwickeln, dafür muss ich aber auch erstmal mein komplettes Tanksystem auswechseln. Und wenn mich das Geld schreckt, dann würde die Kamera wohl eher selten zum Einsatz kommen. Was schade wäre.

Also ist das Abenteuer Großformat gestorben? Vorerst: ja. Vielleicht werde ich mir irgendwann mal eine leihen, um es wenigstens auszuprobieren. Ich bin derzeit aber sehr gerne mit der Mamiya RB67 unterwegs, es stehen Verlaufsfilter auf der Einkaufsliste, vielleicht auch mal ein Weitwinkel, um Landschaften besser einfangen zu können, vielleicht auch mal ein richtig guter Scanner, generell habe ich aber das Ende der Fahnenstange in dem Bereich bei weitem noch nicht erreicht. Und mit der Entscheidung fühle ich mich gut: es ist nicht so, dass ich eine Großformat-Kamera “verloren” habe, sondern mich gezielt für eine andere entschieden habe. Und wenn es das ist, was ich aus dieser ganzen Odyssee aus Informationen mitnehme, dann ist das super.

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9 Kommentare

  1. boris

    Dann muss ich dazu ja nix mehr sagen ;) Obwohl – in Sachen Tanksystem: wenn Du mit der 2500 Serie von Jobo unterwegs bist (für die ja auch die netten 2502er Spulen sind), da gibt es einen Einsatz für Planfilm, d.h. selber entwickeln wäre drin… aber das nur so am Rande.

  2. DasMaddin

    Das klingt extrem komplex.
    Mich hat es bisher nicht mal in die Mittelformatfotografie gezogen, aber das liegt eher daran, dass ich es einfach (simpel) brauche. Tausende Arten Filme, Entwicklung klingt kompliziert (ich würde es aber sehr gern mal selber machen), welche Kamera.. Ich merke gerade, im Endeffekt das gleiche, was Du oben gerade geschrieben hast..
    Vielleicht müsstest Du mal eine “wie starte ich simpel und universell” Liste erstellen, um ohne Stolpersteine loszulegen… Mittelformat für Dummies, quasi.. :)
    Oder ich komm mal vorbei..

    Sehr schön geschrieben!!! Du inspirierst mich.. das finde ich sehr gut!

    M.

    • Jeriko

      Eine Einführung ins Mittelformat? Öh. Kann ich mal schreiben, warum nicht?

    • Marc vm

      Wie starten? Ganz einfach. Billig Mittelformat Kamera ala Agfa Click / Clack, ein paar Rollen Tmax-400 und los geht’s :) . Belichtung kannst du erstmal mit deiner digitalen messen. Dann Wechselsack, Entwicklungsdose samt Spule. Und dann nen Satz Einsteiger Chemie gekauft. Alles zusammen ca. 100€
      Wenn’s dann Spaß macht kann man über ne solide MF Kamera nachdenken. Pentacon Six etc.

  3. Marc vm

    Mich reizt der Einstieg auch ungemein, aber hier werde ich definitiv nicht ins kalte Wasser springen wie beim MF. Wie du schon richtig sagst ist das Thema überaus komplex und ich probiere da lieber ein paar Sachen und Systeme erst einmal aus. Werde mich wohl auch mal nach einem workshop umgucken. Ich habe mir genau die selben Gedanke gemacht, das ganze letzte Jahr lang und bin auch immer zum gleichen Entschluss wie du gekommen ;). Ich werde mich 2012 wohl erst einmal auf ein paar Alternativprozesse im MF und Pola konzentrieren.

    Laborentwicklung kämme für mich hier allerdings nicht in Frage. Preislich und wenn dann mal ein Kratzer drauf wäre würde ich wahrscheinlich über die Ladentheke springen.

  4. boris

    Also dann halt doch: Der “einfache” Einstieg ins Grossformat heisst mit Sicherheit 4×5″ und ist preislich letztlich überschaubar. Es gibt genug Kameras, und eine Graflex ist mit Sicherheit nicht die schlechteste Wahl. Recht günstig und in rauher Masse über dem grossen Teich zu bekommen. Klar muss hier sein, dass ich mich hier je nach Modell möglicherweise etwas einschränke, was z.B. die Bewegungsmöglichkeiten der Frontstandarten angeht. (Landschaft geht trotzdem wunderbar…)

    Wer bereits selber entwickelt kann das auch easy im Grossformat machen. Wie bereits geschrieben ist der Jobo-Einsatz große Klasse.

    Eigentlich ist es das dann schon. Scannen geht auch mit einem Scanner der nur bis MF geht, um dann in PS zu stitchen. Ich mache das momentan so. Bleibt die Frage wird man richtig angefixt oder nicht – natürlich ist das Gebiet endlos und mehr geht immer. 13×18 – sensationell, unglaubliche Möglichkeiten, gerade auch in Sachen VanDyke und alternativer Prozesse mit solch grossen Negativen. Die Welt der GF-Objektive – super spannend, ich glaube allerdings, dass das am Anfang sowieso zu viel ist.

    Man sollte sich einige einfache Fragen stellen, was Du ja auch schon gemacht hast:
    Möchte ich mit der GF mobil sein und bin viel im Gelände unterwegs? Dann ist die Laufbodenkamera vielleicht die bessere Wahl.

    Was möchte ich Aufnehmen? Viel Architektur o.ä.? Dann sind Standartenbewegungen, Tilten und Shiften in alle erdenklichen Richtungen wichtiger – könnte für eine Monorail oder eben ein teureres Laufbodenmodell sprechen.

    Die wichtigste Frage lautet wahrscheinlich: habe ich das MF schon so weit ausgereizt, dass es wirklich was Neues sein muss und möchte ich den Einstieg in die eher unbequeme Fotografie wirklich wagen. Es ist nämlich groß, schwer, klobig, klotzig, aufwändig…

    Der Link hier setzt sich kritisch mit dem Thema auseinander. Ich hatte auch nochmals einen anderen, den finde ich aber gerade nicht… http://www.luminous-landscape.com/essays/LF-Con.htm

    Langer Rede kurzer Sinn: ich habe den Einstieg nicht bereut, würde aber nicht mehr Geld ausgeben wollen, als ich das gemacht habe. Für mich bleibt GF aus heutiger Sicht wohl eher eine gelegentliche Spielerei. Faszinierend, keine Frage – aber Spielerei.

    • Jeriko

      Deine wichtigste Frage ist eben auch zu meiner geworden: mir gehts da ähnlich, ich habe auch das Gefühl, dass ich im MF noch lange nicht fertig bin. Herrje, wenn ich schon sehe was bereits ein guter Scanner noch aus den Negativen rausholen kann oder dass ich mich mit Abzügen bisher höchstens sporadisch auseinandergesetzt habe. Da gibt es noch so viel zu entdecken. GF läuft mir nicht weg.

    • Marc vm

      Das ist allerdings die wichtigste Frage. Das “haben wollen” Problem interveniert da immer gerne ;). Ich für meinen Teil habe noch ne ganze Menge im MF zu lernen und entdecken. Ausprobieren will ich das Großformat dann aber doch mal zeitnah, eben weil ich gerne ausprobiere und entdecke. Aber wie gesagt das werde ich wohl auf nem workshop machen oder wenn sich die Fotobekannten in der Nähe mal wieder treffen und einer seine Kiste mitbringt :)

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