…und sie erzählen mir alle etwas anderes!
Dank meines guten Timings bin ich wieder einmal einen Tag zu spät dran, so dass die erste Folge von Photo for Life, der Casting-Serie für Fotografien von Arte, online bereits nicht mehr verfügbar ist. Wenn ihr also Zeit habt kann ich euch nur empfehlen, die Folgen 2 bis 5 anzuschauen, solange es noch geht: Olivier Toscani hat sechs aus 600 Fotografen ausgewählt und sie nach Paris eingeladen, wo sie sich den Herausforderungen des Meisters stellen mussten. Dass was dort an Fotos gezeigt wurde sprach mich nicht wirklich an, und letzten Endes haben die sechs Talente dort auch einen anderen Anspruch als ich, namentlich irgendwann davon leben zu können, aber das tut der Qualität ja keinen Abbruch. Ich denke, dass die Serie deswegen so gut angenommen wurde, weil Toscani kein Blatt vor den Mund nimmt und auch sagt, wenn ihm etwas nicht gefällt, dabei aber nicht in Trash a la Deutschland sucht den Superstar verfällt.
Denn so toll es auch ist, wenn anderen die Fotos, die wir so machen, gefallen, so wichtig sind auch die Kritiker, die uns tatsächlich weiter bringen. Beide Teile sind wichtig, beide haben ihre Berechtigung, und man sollte auf beide hören,
Die Fans treiben einen an, geben einem nochmal den letzten Kick, wenn wir schon keinen Bock mehr auf irgendwas haben. Sie erinnern einen daran, dass die schlechtesten Fotos nicht die sind, die uns ausmachen. Klar geht Lob runter wie Öl, es ist aber nicht immer hilfreich, wenn ich darauf alleine hören würde. Wenn ich in eine völlig falsche Richtung galoppiere und dabei auch noch ermuntert werde, dann wirds nur noch schlechter, egal wie gut es gemeint ist. Ich hoffe das ist nich missverständlich…
Der Kritiker dagegen sieht, wo es noch hakt, und bohrt genau an der Stelle. Er ist ehrlich und hat hoffentlich ein Interesse daran, dich durch seine Sicht der Dinge weiter zu bringen. Er treibt uns an, manchmal so stark, dass es schon nervt. Er stellt Fragen, damit du dir selber Fragen stellst. Er merkt, wenn wir stillstehen und versucht dich, weiter zu bringen. Er tritt dir in den Hintern, damit du dich aus deiner Komfortzone bewegst. Er sieht bspw. noch die Kleinigkeiten, die an meiner Makrodahlie stören. Sie hat mich sowieso die letzten neun Monate gepusht. Um mal nur zwei zu nennen, auf dessen Meinung ich viel gebe. Und das ist gut so! Kritik sollte man übrigens nicht mit Nölerei verwechseln. Die bringt nämlich niemandem etwas.
Über alledem sollten aber wir nicht vergessen, auf unsere eigene Stimme zu hören. Ich hole an dieser Stelle mal kurz aus: als ich letztes Jahr die Fotos aus Los Angeles zeigte wurde ich mit Komplimenten überhäuft. Mein Gott war das toll! Aber dann hatte ich auf einmal den Druck, da irgendwie noch einen draufsetzen zu müssen, hatte ständig das Gefühl, dass nicht zu können. Warum eigentlich? Fotografiere ich für mich oder für andere? Jetzt bin ich hier, und wenn mich die Analogfotografie, in der ich seit ein paar Monaten ja ziemlich gut aufgehe, eins gelehrt hat, dann dass ein Foto erst einmal mir gefallen muss. Ja, wir brauchen andere, die uns voran bringen, wir brauchen andere, die sich anschauen, was wir so tun, aber am allerwichtigsten ist doch immer noch, ob wir selber zufrieden sind. Das ist übrigens auch meine kleine Kritik an Photo for Life, dass ich das Gefühl hatte, die Talente wollten Toscani gefallen, nicht sich selbst.

Das Foto ist vor zwei Wochen am Malchowsee entstanden. Ich brauchte etwa 10 Minuten, bis der Schwan mich so nah an ihn ran ließ. Man kann an den Füßen noch erkennen, worauf ich eigentlich gerade fokussiert habe, bis er ein klein wenig fauchte und sein Kopf nach vorne schnellte, bis zwischen ihm und meiner Kamera nicht mal mehr 30cm waren. Ich hielt es dann für besser, jetzt zu gehen, am Ende steht ja irgendwo noch ein Teenager und filmt das gerade mit seinem Handy, und ich werde der nächste YouTube-Superstar im Video namens “Idiot gets chased and beaten up by swan”. Der Film lag zu lang im Entwickler und hat deswegen keine Kontraste mehr, der Fokus hätte auf dem Kopf sitzen müssen, es gibt Light Leaks und wasweissichnoch. In der Fotocommunity hätte man mich dafür in Stücke gerissen, aber mir gefällt es! Es definiert mich nicht, ich werde noch viele andere, bessere Fotos machen, aber in diesem Moment gefällt es mir. Und das ist das Wichtigste.
Wir sollten auf die Stimmen hören. Alle. Nobody is perfect, wir können uns ständig verbessern, und wenn uns jemand auf diesem Weg hilft, umso besser! Nur sollten wir darüber hinaus nie vergessen, was wir wir eigentlich wollen – ansonsten sind wir doch nur eine weitere Kopie.
Volle Zustimmung. Gerade die Fotos, die nicht perfekt sind, sind eben dem Geschmack ausgesetzt und sie können einem selbst auch gefallen, wenn sie noch niemandem gefallen. Dann macht man weiter und hoffentlich wird im Laufe der Zeit entdeckt, was man mal an dem einem Foto gefunden hat, weil man irgendwie sich selbst dabei erwischt, wie man das eine Bild immer wieder und wieder macht, nur das es der eigenen Vorstellung immer näher kommt.
Ich find gerade weil der Fokus nicht auf dem Kopf liegt das Foto so interessant. Man hätte deine Erklärung zum Bild gar nicht benötigt, das erzählt das Bild gut selbst das der Kopf ganz plötzlich dir entgegen geschnellt kommt.
Ob das Foto technisch perfekt ist, tut meiner Meinung nach nie was zur Sache, es geht doch immer drum eine Geschichte zu erzählen oder eine Stimmung rüberzubringen.
Der letzte Satz ist der beste: man wird nur eine Kopie. Genau das ist ja die Krux. Auf der einen Seite bewundere ich Blogger wie Paddy, Stilpirat, dich, etc. – auf der anderen Seite wiederum finde ich die hinterherhechelnde, vollkommen kritiklose Fangemeinde schon fast peinlich. Ich hole mir Ideen, Infos, etc. und versuche meinen Stil zu finden. Wie las ich neulich: es gibt kein gut oder schlecht – es gibt nur ‘gefällt mir’ und gefällt mir nicht’. Kann man unterschreiben.
Wie Christian sagt : der letzte Absatz bringt es auf DEN Punkt.
Wer versucht, andere nachzuäffen, anderen zu gefallen, der hat aufgehört, an sich zu glauben. Und bleibt höchstens Mittelmass. Meistens nicht mal mehr das.
H
Die FC ist ja eh unerträglich, schon immer. Technikfreaks (in der Analogabteilung gehts wieder langsam…)
“Nur sollten wir darüber hinaus nie vergessen, was wir wir eigentlich wollen – ansonsten sind wir doch nur eine weitere Kopie”
Genau das ist es doch, was den Reiz ausmacht. Ich fotografiere meinen Kram, weil ich darauf Lust habe und weil ich es toll finde. Ich will und werde niemanden nachmachen. Ich weiß selbst das ich Laie bin und dennoch fühle ich mich gut dabei.
P.S: Neues Layout gefällt!
Ich mag das Bild, weil es genau das erzählt, was Dir da gerade passiert ist..
Wenig Kontrast is eh gerade in und auf die Fotocommunity ist geschissen!! :D
M.
Gerade den letzten Absatz müsste man sich an die Kühlschranktüre heften…vollkommen richtig.
Moin,
Da die verlinkten Videos ja leider demnächst ablaufen, habe ich mir überlegt, diese mal auf Youtube zu spiegeln beziehungsweise sie dort nochmal in HD hochzuladen. Wäre ja schade, wenn diese tolle Doku nicht mehr anzuschauen ist.
Teil 2 in SD ist schon oben: http://www.youtube.com/watch?v=1LfqpAQIkW0
Teil 3 in HD müsste gleich fertig sein: http://www.youtube.com/watch?v=VoVp-1ZWlE0
Den Rest werde ich von Arte HD noch mitschneiden und auch hochladen.
Teil 1 habe ich leider nicht mehr bekommen – wer diesen noch hat, darf mich gerne mal auf Youtube anschreiben. :)
Habe nur den Part rund um den Schwan gelesen. Sehe es wie einige andere hier: Gerade, dass der Kopf unscharf ist, finde ich gut, umso besser dass es nicht absichtlich war! Zeigt auch wieder, dass gelungene Fotos auch sehr viel Zufall sind :)
Die Folgen wurden gestern nochmal wiederholt, somit ist auch die erste jetzt wieder online:
http://videos.arte.tv/de/videos/photo_for_life_masterclass_1_-4295186.html
Viel Spaß damit :)
Super, dank dir für den Hinweis!
Aaaah, sehr gut. Die werde ich dann auch noch auf Youtube spiegeln und hier verlinken, wenn Jeriko nichts dagegen hat. Arte hat damit übrigens kein Problem.
Gruß