Samstag, 12. November 2011

Rhein II von Andreas Gursky, das teuerste Foto der Welt

Vor ein paar Tagen wurde Rhein II von Andreas Gursky bei einer Auktion für 4,3 Millionen US-Dollar versteigert, was es zum derzeit teuersten Foto der Welt macht, nachdem Cindy Sherman’s Photo “Untitled #96″ von 1981 den Titel für gerade mal ein gutes halbes Jahr inne hatte.

Und wer jetzt “Wat!? Wieviel!? Dafür!? Schatz, pack die Kamera ein, wir fahren zum Rhein!” denkt: lasst mich euch kurz auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Zum einen wurde das Bild heftigst nachbearbeitet, wie eigentlich jedes Foto von Gursky. Er sagt selber, dass er seine Fotos digitalisiert und alles entfernt, was ihn in seinem gedachten Motiv stört. Das Reale ist immer nur Basis für das, was er vorhat. Darüber kann man jetzt so oder so denken, manche stören sich sicherlich daran, dass es keine Reinform oder so hat, andererseits bedeutet Kunst ja auch, etwas zu erschaffen, was Manipulation sicherlich einschließt.

Zum anderen ist es ein Einzelstück. Und was für eins. 3,8 Meter lang, 2 Meter hoch und per chromogenen Farbdruck auf Plexiglass gedruckt gehört es zu einer Edition von sechs Prints. Vier davon hängen in der MoMA New York, der Pinakothek der Moderne in München, Tate Modern in London und in der Glennstone Collection in Potomac. Nur zwei befinden sich in Privatbesitz, die Version hier ist die Nummer Eins und ist größer als alle anderen. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte hing in meinem Zimmer Gurskys Bild der Chicagoer Börse, ich schätze mal so 70cm x 40cm, und ich kann nur erahnen, wie beeindruckend es in “Original”größe sein mag. Damals wusste ich übrigens nicht, wer das Foto gemacht hat, es ist mir aber sofort wieder eingefallen, sobald ich die ersten Werke von Gursky sah. Er hat ganz klar einen wiedererkennbaren Stil.

Und last but not least: es ist Andreas Gursky, der derzeit von Galleriebesitzern, Kuratoren, bedeutenten Kunstsammlern und Kunstkritikern als der Kunstfotograf schlechthin angesehen wird. Es geht in diesem Fall nicht nur um das Motiv selbst, es hat auch mit dem Status zu tun, einen echten Gursky zu besitzen. Den Zuschlag bekam ein anonymer Bieter, es gibt aber mindestens zwei Sammler mit einem geschätzen Vermögen von mehreren hundert Millionen Dollar, die stets Interesse bekundet hatten.

In dem Zusammenhang will ich auch kurz auf die Doku “Gursky World” von Ben Lewis hinweisen, in der zum Schluss auch der Ort gezeigt wird, an dem Rhein II entstand. 23 kurzweilige und unterhaltsame Minuten, die auch ein bisschen relativieren, dass es sich um ein einfaches Bild handeln muss. Anschauen lohnt sich.

(via The Online Photographer)

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33 Kommentare

  1. J.

    Was für ein Zufall, gerade gestern durfte ich einen Blick in das Kunstarchiv der Deutschen Telekom werfen, wo auch einige bekannte Werke von Gursky lagern. Wirklich sehr beeindruckend, die Bilder mal im Original zu sehen!

  2. Sogen

    Gursky hat schon die ein oder andere coole Arbeiten, aber das hier find ich mal absolut schlecht.
    Aber schon krass was Gursky da geschafft hat, unabhängig von seinen Arbeiten hat er dafür meinen Respekt.

    • Jeriko

      Liegt natürlich immer im Auge des Betrachters, klar. Aber Gursky ist ein Kind der Düsseldorfer Schule, die stark für emotionslose, neutrale Fotografie steht. Besser als mit diesem Bild kann man es wohl kaum machen.

  3. Marc vm

    Danke das du das mal “erklärst”! Und ich hoffe alle die darüber hergezogen haben lesen das jetzt auch mal.
    In den letzten Tagen gingen mir diese “das ist doch wohl ein Witz” tweets und postings sowas von auf die Nerven. Wohlgemerkt alle von “Fotografen” die sich wahrscheinlich nicht im entferntesten die Mühe gemacht haben mal zu hinterfragen warum so teuer, wer steckt da hinter. Und wahrscheinlich haben alle gedacht haben da wird son 08/15 10×15 Abzug auf Fuji Premium Plus Photo Paper Professional Extra Glossy vom Niederrhein bei Hamminkeln versteigert.

  4. Matthias

    Es ist jeden einzelnen Cent wert. Das hat nicht nur mit der fotografischen, technischen und vordergründig künstlerischen Qualität zu tun, auch nicht nur mit dem Marktwert, sondern – und für mich am wichtigsten – mit der visionären Konzeption der Arbeiten Gurskys, die den Zahn der Zeit treffen, den wissenschaftlichen Diskurs verkörpern und so zu den epochalen Werken gehören, die für eine Richtung stehen, die die Kunst jetzt geht und wahrscheinlich auch gehen muss.

    • Jeriko

      Ich hatte gehofft, dich hier in den Kommentaren zu sehen, danke!

    • Marc vm

      Interessanter blog Matthias, werd ich mal verfolgen :)
      ps: irgendwas stimmt mit dem feed nicht, abonnieren klappt zumindest nur händisch

    • Matthias

      Uh oh muss ich mal nachschauen, aber danke!

  5. hAnnes

    Kunst bekommt seinen Wert, wenn es einer Person soviel wert ist. Ich erinnere mich noch an die Ü-Eifiguren aus meiner tiefsten Kindheit… es gab kleine Messingfiguren als Serie. Auch kullerte ab und an ein Ü-Eifiguren-Sammelheft mit Preisen für spezielle Inhalte herum. Einige Messingfiguren sollten angeblich mehrere hundert DM kosten… wers glaubt. ;-)

    Ich find das Gursky-Bild nicht gut, es ist technisch wirklich nett, aber inhaltlich nichtssagend. Dies kann Gursky aber total egal sein, auch anderen Personen, welche darüber wettern; er hat mit seinen Arbeiten ordentlich Geld verdient, sich einen Namen gemacht, und durch solche – in meinen Augen eine Art Provokation – Aktionen eine aktuelle Präsenz geschaffen. Also Ehre wem Ehre gebührt. ;)

    • Marc vm

      Ich glaube dieses Werk ist nicht zu beurteilen wenn man es sich nicht im original anguckt. Das ist mitunter immer so bei Kunstwerken. Ich kann mir sehr gut vorstellen das es in der produzierten Größe durchaus seine Wirkung voll entfaltet.
      Ich für meinen Teil würde es liebend gerne mal im original sehen. Gerade weil es mich auf einem popelligen Laptop Bildschirm nicht sehr anspricht.

    • Sogen

      Sorry, aber was für ein Geschwaffel.

    • hAnnes

      Hallo Marc,
      es kann durchaus sein, dass es den Betrachter in Originalgröße umwirft. Aber mich persönlich spricht an einem Bild hauptsächlich der Inhalt an – und dieser fehlt mir hier. Finde es aber interessant, was z.B. Matthias in diesem Bild herausliest, diese Gabe besitze ich leider nicht.

    • Sogen

      Sorry, sollte eine antwort auf Matthias oben sein.

  6. Matthias

    @Hannes: “Herauslesen” ist zu viel gesagt, das will ich mir an einem Bildschirm nicht anmaßen. Das Urteil hatte viel mehr mit der Kenntnis Gurskys Arbeiten und seiner Technik zu tun, sowie mit dem Wissen um aktuelle Entwicklungen in Kunst- und Bildwissenschaften. Gursky steht da beispielhaft für die mitunter gefahrvollen Konsequenzen des pictorial turn, also der Umverlagerung medialer Darstellungsmodi und der dazugehörigen Kompetenzzuschreibung von textlichen zu bildlichen Quellen. Eine immer wiederkehrende Frage ist da die “Krise der Repräsentation”, die dem Bild den Verlust seiner Autorität nachsagt – auch weil seine Produktionsverhältnisse im Unklaren liegen. Man spricht vereinzelt von der Verlogenheit des Bildes (jedenfalls wenn man es böse mit ihm meint). Gursky ist vor diesem nur knapp abgerissenen Hintergrund einer der wenigen Künstler, der dieses erst wenige Jahre alte Ideengebäude so beispielhaft in seinen Arbeiten inkorporiert. Daher halte ich den Preis für gerechtfertigt.

    Aber auch auf der anderen Seite: Die Fotografie ist dank optimaler Renditeaussicht eine gute Geldanlage. So muss man das auch sehen.

  7. Jens Sage

    Meinermeinung gibt es da keine zwei Meinungen, wenn es um das wertschätzen seiner Leistung geht.

    Im Endeffekt kommt es auch darauf an, sich den Kunstkäufern attraktiv zu machen – das ist wiederum eine Kunst für sich.

  8. buzzme

    mmh, also ganz im Ernst?

    Das Bild berührt mich kein bisschen, da kann der Herr noch so sehr dran rumschnippeln.
    Mir fallen da mindestens zehn Bilder von einem Bekannten ein, die einfach berauschender sind, da bringt es auch nichts, wenn das Bild auf extragroße Flächen gedruckt wurde, das macht es dann nun auch nicht besser.

    Und: Don’t believe the hype. Schon alleine aus diesem Grund, ist der Herr nichts für mich.

  9. marco

    Gerade einen Text zu Gursky vorbereitet. Jetzt eingesehen, dass ich ihn Ignoranten gegenüber nicht verteidigen muss.

    • Jeriko

      Sollte es ausarten kann ich die Kommentare immer noch schließen.

      Ich denke man muss einfach in den Kopf kriegen, dass Fotografie nur die Basis ist, das Ergebnis dagegen Kunst. Mein Verständnis für zeitgenössische Kunst ist auch beschränkt, vor manchem stehe ich auch nur, frage mich, was das soll, und schüttle den Kopf. Aber das ist okay. Es muss nicht jedem gefallen, und deswegen würde ich trotzdem nicht pauschal alle als dumm bezeichnen, die Kunst komplett anders interpretieren als ich, ganz im Gegenteil. Dass viele Menschen ein Foto wie Rhein II hinkriegen können, unbestritten. Aber das ist eben nur der halbe Teil der Geschichte.

  10. marco

    Schönes Schlusswort. Du kannst die Kommentare jetzt schließen.

  11. Dominik

    Ich habe ja vor ein paar Jahren die Gursky Ausstellung in München besucht und war schwerst enttäuscht. Natürlich ist die Größe der Bilder beeindruckend. Aber wenn in jedem Bild Maskenfehler sind, abgeschnittene Personen, die ganze Bildbearbeitung einfach mies ist, dann frage ich mich schon wieso so viele Leute dermaßen beindruckt sind.
    Vielleicht sehe ich das als Bildbearbeiter aber auch zu eng.
    Zum Rheinbild: hat schon was. Kann mir das schon auch gut auf ner nackten Betonwand vorstellen. Aber ob es tatsächlich soo gut ist … hmm … 

  12. boris

    Ein immer wiederkehrendes Phänomen beim Betrachten moderner Kunst ist die Aussage “das hätte meine kleine Tochter besser gekonnt”. Ist das wirklich so? Mal ganz abgesehen von der technischen Umsetzung in Sachen Grösse, Material, Nachbearbeitung (wisst ihr überhaupt wie das Bild vorher aussah) kommt es erstmal auf die Idee an. Ja, ich könnte auch Rama und Deli zusammen schmieren, aber das macht mich noch nicht zu einem Beuss. Ganz nebenbei ist es vollkommen in Ordnung mit bestimmten Kunstwerken nichts anfangen zu können und wir sollten auch nicht anfangen Kunst und Künstler zu verklären. Kunst ist halt auch ein knallhartes Geschäft bei dem sich der Preis an der Nachfrage orientiert. Man muss halt verinnerlichen, dass ALLES Kunst sein kann, wenn es einen Markt dafür gibt. Mir persönlich gefallen die Arbeiten von Gursky, wobei ich persönlich das Rhein Werk auch nicht zu meinen Favoriten zählen würde.

  13. Wolfgang

    Der monetäre Wert der Kunst ist genau die Summe, die jemand bereit ist zu bezahlen. Insofern geht der Kaufpreis, ja jeder Kaufpreis in Ordnung. Und ob es mir oder jemand anderen gefällt spielt auch keine Rolle.

  14. kürbis

    cooles ding,
    aber nebenbei…
    ich mag das neue layout der website gar nicht..
    mich stört es einfach :D

    • Jeriko

      Schon mal was von Kontaktformular gehört? Nein? Dacht ich mir.

  15. Dracovina

    Wahnsinn!
    Ich kannte den Künstler vorher nicht und habe mir daraufhin ein paar Bilder im Internet angesehen… wirklich interessant.
    Man erkennt die Bildbearbeitung, aber wenn bedacht wird, dass dieses Bild riesig auf Plexiglas gedruckt wurde, dann ist es wieder etwas anderes, das muss sicher beeindruckend wirken, gerade da dieses Bild so einfach, so “leer” ist.

    Liebe Grüße
    Isabel

  16. Helge

    In diesem Fall ist das mit der “extensiven Nachbearbeitung” nicht zutreffend. In einem TV-Interview erzählte er vor einigen Wochen über die Entstehung. Es ist so gut wie nichts verändert. Es kam vielmehr darauf an, den richtigen Wind abzupassen, wegen der Wasseroberfläche. Die benötigte Windrichtung war wohl die seltenste. Gursky hat für dieses Bild also viel Zeit am Rhein verbracht. Gönnen wir ihm doch einfach die gesunde Gesichtsfarbe und meinetwegen auch den neuen Kontostand.

  17. Axel

    Als ich dieses Bild gesehen und dann den Preis gehört habe, kam mir sofort die bekannte Redensart in den Sinn: “Man muss die Dummheit der Menschen nur richtig ausnutzen”.

    Jedes weitere Wort ist für mich in diesem Zusammenhang verschwendete Zeit.

  18. boris

    Ich wiederhole ja gerne nochmals, dass nicht jeder den gleichen Zugang zu (moderner) Kunst haben muss. Die Begrifflichkeit “dumm” in diesem Zusammenhang halte ich allerdings für recht gewagt. Wir gehen also davon aus, dass die entsprechenden Sammler ihr Vermögen mit Dummheit gemacht haben. Wahrscheinlich eh alles nur verzogene Erben, die das Geld der Alten verpulvern. Wir gehen ebenfalls davon aus, dass die Anschaffung aus Gefallen und nicht als Wertanlage o.ä. getätigt wurden. Verdammt viele Annahmen…

    Ist es so schwer zu verstehen, dass der “Wert” einerseits durch die persönliche Einschätzung der Wertigkeit eines Produktes und andererseits durch den Markt zustande kommen?

    Einfaches Beispiel – wie oft habe ich schon etwas in der Bucht ersteigert, dass nach Maßstäben irgendwelcher Preislisten zu teuer war, nach meiner persönlichen Wertschätzung aber in Ordnung? Das gilt im Großen nunmal genauso.