I don’t know whether I should be photographing that or not…
Ein Zwölfjähriger, der sich als Zeitungsjunge ausgab hat sich 2009 in Afghanistan selber in die Luft gesprengt und dabei 25 weitere Menschen in den Tod gerissen. Der Fotojournalist Stephen Dupont war nur ein paar Meter enfernt, und obwohl er voll mit Blut ist und ganz offensichtlich unter Schock steht, filmt und fotografiert er weiter.
Und wieder frage ich mich, was wollen wir sehen, was sollen wir sehen, wieviel können wir sehen? Sollen wir sehen, was ein Selbstmordattentäter anrichten kann, um das Ausmaß zu begreifen, weil Worte alleine schon lange nicht mehr reichen? Wollen wir es sehen, weil wir durch die Medien für derlei Themen ohnehin dermaßen sensibilisiert wurden, dass uns nur noch die wirkliche Katastrophe rühren kann? Mache ich gerade nicht genau das Gleiche, in dem ich dieses Video hier einbinde und euch zeige? Das ist eine Frage, die mir schon lange im Kopf rumschwirrt, eine Frage, auf die ich wohl kaum eine Antwort finden werde, aber eben auch eine Frage, bei der es sich lohnt, ihr nachzugehen.
Ich muss gestehen, dass ich mir selbst diese Frage bisher nicht stellte. Vielleicht liegt es daran, dass ich bisher nichts fotografierte, was mich diese Frage stellen lies. Ich bin bisher immer allen provokanten oder anstößigen Fotomotiven aus dem Weg gegangen.
“Und wieder frage ich mich, was wollen wir sehen, was sollen wir sehen, wieviel können wir sehen?” Ich denke, diese Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten. Ich persönlich möchte, um bei dem Beispiel des Selbstmordattentäters zu bleiben, mir einen Überblick über die gesamte Szene verschaffen. Da ich selbst nicht vor Ort sein kann und möchte (ist mir zu gefährlich, aber habe ich dann überhaupt Anspruch darauf, mir ein Bild von der Lage machen zu dürfen?) muss ich durch die Kameras der Menschen vor Ort gucken und hoffen, dass sie mir einen möglichst neutralen Blickwinkel der Situation liefern. Zu diesem Blickwinkel gehört meiner Meinung nach in diesem Fall auch die unzensierte Szene eines Selbstmordattentäters.
Der Fotograf vor Ort ist in diesem Fall nur ein Instrument, der der Welt die Bilder liefert, die sie mit ihren Augen nicht vor Ort sehen kann.
Stimme ich dir absolut zu, aber die Frage ist doch, wieviel ist noch Dokumentation, und wieviel ist schon Sensationslust. Ich habe mich selber dabei erwischt, dass ich zwei Wochen nach Fukushima einfach keinen Bock mehr auf noch mehr Fotos hatte. Das Leid der Menschen dort war nicht geringer geworden, aber ich war durch die Medien dermaßen übersättigt, dass ich die Schnauze voll davon hatte.
Anderes Beispiel, ich hab ein Interview mit einem Fotografen gelesen, der bei der Wetten Dass…!?-Sendung fotografierte, als Samuel K. den Unfall hatte, der ihn fast vollständig gelähmt zurückließ. Er fotografierte weiter, mit der Begründung, dass wenn er es nicht tut, es jemand anderes macht. Ich will nicht urteilen, aber ich frage mich auch, wie ich in einer solchen Situation entschieden hätte.
Darum geht es mir. Dass ein Bild mehr als tausend Worte sagen kann, dass es wichtig ist, sie zu sehen, da gerade meine Generation Krieg nur als etwas weit entferntes sieht, das würde ich niemals abstreiten.
Bilder haben eine gewaltige Macht. Das sieht man nicht zuletzt an den von Wikileaks veröffentlichten Bildern aus dem Irak, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Darüber muss sich der Fotograf bewusst sein. Wenn er es schafft, bei seinen Aufnahmen die Objektivität zu wahren, finde ich solche schockierenden Bilder richtig und gut. Doch die Gefahr ist groß, sich von einer Seite Instrumentalisieren zu lassen und das Meinungsbild nachhaltig zu beeinflussen. Die Bilder von diesem Anschlag sind für mich Nahe an einer moralischen Grenze, doch meiner Meinung nach notwendig, um uns die Konsequenzen unseres Wirkens zu zeigen. Leider müssen die Bilder heute immer dramatischer sein, um uns in der Welt der Bilderflut nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben.
Problematisch sind für mich allerdings Fälle, in denen der Fotograf ein Verbrechen oder Unglück dokumentiert und nicht eingreift. Hier bleibt immer der Zweifel, ob der Fotograf nicht schlimmeres eventuell vermeiden hätte können.
Eines zeigen mir aber solche Bilder auch immer: wie gut leben wir und wie marginal sind unsere Alltagsprobleme. Man sollte das Leben viel mehr genießen.
Hallo,
das video bzw. Stephens Kommentare spiegeln in etwa das wieder was in solch einem Menschen, der diese Art Fotos schon eine ganze Zeit lang macht, vorgeht. Gerade der kleine aber feine Satz irgendwo zwischendrin “I ran on automode”. Selbiges wirst Du auch feststellen, wenn Du Dir “warphotographer” mit James Nachtwey anschaust. Im Film “The BangBang Club” geht es um dasselbe Thema und in dem dazugehörigen Dokufilm “The Death of Kevin Carter” wird einiges aus dem Spielfilm etwas detailierter erklärt bzw. erläutert. Interressant ist, das James Nachtwey in allen Filmen “auftaucht”. Auch in dem youtube video “Onehundreth of a second” http://www.youtube.com/watch?v=vpT62K515_k zeigt das denke ich noch erschreckender. Erinnert mich daran wie sich einige Fotografen bei “Worldpressphoto” wohl fühlen müssen …
Du stehst immer irgendwie zwischen den Stühlen. Im kleinen macht das selbst der Streetphotographer auch mit. Soll er nun den arbeitslosen Bettler fotografieren, der warscheinlich diesen Winter unter einer Brücke erfrieren wird, der aber diese tiefen Furchen im Gesicht hat und diesen markanten, harten Gesichtsausdruck? Soll man die drei halb vermumten, nicht-deutsche Frauen fotografieren, die vielleicht später durch Ihre Männer verprügelt werden, weil Sie sich “halb nackt” in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt haben? Soll man den Rettungshubschrauber fotografieren, der gerade gegen die Sonne aufsteigt wenn ich im Stau direkt an der Unfallstelle stehe und die Rettungskräfte mit gesenktem Kopf vor dem total zertrümmerten Auto mit danebenliegendem Motorrad…
Es ist eine Gradwanderung, sicher. Einige überschreiten hier eine innere Grenze ohne es zu merken. Hierbei geben Sie auch ein Stück Ihrer selbst auf. Früher wurde mit diesen Themen anders umgegangen und die Reichweite war lange nicht so gross. Auch wir als Fotograf haben hier eine gewisse Verantwortung gegenüber den “Zuschauern”. Manchmal ist es notwendig auch mehr zu zeigen. Ob es sinnvoll ist wird die Zeit zeigen. Das es immer die Sensationslustigen, Ausbeuter, wirtschaftlich interresierten gibt, die gerade wie bei Fukushima oder schnell aufflammenden Kriegsgebieten Ihr Material verkaufen ist leider genauso unumgänglich wie der Stau in der Grosstadt. Was wir daraus machen, wie wir das ganze rüberbringen ist dann die Aufgabe, das Ziel, der Weg…
Danke für deinen Kommentar! Wo du aber den Bang Bang Club ansprichst, dort gibt es zum einen am Anfang die Szene mit Grev Marinovich als Beobachter, ja, aber eben auch die Szene mit Kevin Carter, in der er den Pulitzer Preis entgegen nimmt und gefragt wird, ob er dem Kind geholfen hat. Es ist ja nicht nur eine Gratwanderung, die wir für andere übernehmen, sondern auch, was man sich als Fotograf selbst zumutet bzw. was man für sich noch verantworten kann. Als Fotograf wirst du nicht ausgebildet, mit dem fertig zu werden, was du in Krisengebieten zu sehen bekommen könntest, als Soldat (hoffentlich) schon.
Es freut mich aber wirklich zu sehen, dass diese Thematik auf Interesse bei euch stößt. Der letzte Satz im Beitrag war keine hohle Phrase, ich stehe in Kontakt mit drei Fotografen, mit denen ich mich in hoffentlich absehbarer Zeit darüber unterhalten möchte. Mehr, wenn es dann soweit ist.
Und auch danke für den YT-Link bzw. den Dokutipp, werde ich so bald wie möglich anschauen!
Ich empfehle dir das Buch von Susann Sontag “Das Leiden anderer betrachten”
http://www.amazon.de/gp/aw/d/3446203966/ref=redir_mdp_mobile
Gaddafi’s hat unfreiwillig ein weiteres Beispiel gegeben: eine Bestätigung durch eine zweite, unabhängige Stelle, ob er wirklich tot ist, hätte gereicht. Stattdessen kriege ich heute an jeder Ecke des Internets Bilder und Videos zu sehen, wie ein Mob ihn durch die Straßen zieht, oder direkt den Leichnam in Großaufnahme. Die britische Sun wird auf ihrer Titelseite genau diese Bilder zeigen, für jedermann sichtbar, ohne Vorwarnung, einfach um die Sensationslust zu bedienen.
Ich denke das liegt an den Menschen. Sie haben diese “tierische” Lust.
Wenn man mal so zurückdenkt. Steinigung, Hexenverbrennung, Köpfen, Vierteilen, von Löwen gefressen werden etc. pp. Nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Und immer alles mit Publikum.
Ich glaube, nach dem 2. Weltkrieg hat man das anders gesehen. Zu viel Tot, zu viel Leid. Aber mittlerweile ist es wieder so, dass Bilder von Toten und Menschen die Leute erschießen “nichts mehr ausmachen”.
Wobei mir es durchaus was ausmacht. Klar gucke ich The Walking Dead, Dexter und Action Kram und ich habe auch bei GTA4 den einen oder anderen platt gemacht. Aber ich habe die Wahl das zu tun. Ich darf mich selbst entscheiden, ob ich das sehen will.
Ebenso wie man sich das größtenteils im Mittelalter, bei den Römern im Colosseum aussuchen konnte, ob man da hingeht und sich das anschaut.
Heute wird man im TV und auf Titelblättern damit einfach – ohne Vorwarnung – konfrontiert.
So gesehen nerven Medien!
Vielleicht sollte man die Sensationsgeilheit einiger Sender und Zeitungen einfach mal ignorieren/boykottieren?