Montag, 17. Oktober 2011

Die Kiev 88

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere von euch ja noch, dass meine Mittelformat-Karriere vor etwa 1 1/2 Jahren mit der Hasselblad 500C/M meines Papas anfing. Wirklich benutzt habe ich sie ja leider nicht, erst zum Ende hin, als er sie schon wieder haben wollte, hab ich auf die Schnelle noch ein paar Filme verschossen. Aber ich war angefixt, sowas musste mir auch ins Haus! Als dann ein komplettes Mamiya-Set angeboten wurde überlegte ich nicht lange und schlug zu. Hätte ich mich vorher etwas genauer informiert, dann hätte ich natürlich gewusst, dass eine Mamiya RB67 ungefähr doppelt so groß und schwer ist wie eine Hasselblad. Tja. Ein tolles Stück Kamera, gar keine Frage, aber eben auch eine Kamera, die etwas zu selten zum Einsatz kommt. Mit meinen Riesenpranken habe ich bei der Bedienung kein Problem, aber als Stativverweigerer sind knappe 5 Kilogramm auf der Hand nicht gerade ein Pappenstiel. Das hältste eine, vielleicht zwei Stunden, danach fällt dir der Arm ab. In mir keimte also der Wunsch, vielleicht doch wieder etwas Handlicheres zu besitzen.

Aber welche sollte es sein? Eine Mamiya 645 wäre ja naheliegend, allerdings finde ich das Bildformat nicht attraktiv. Zwischendurch liebäugelte ich mit einer Zenza Bronica, von der ich ganz zufällig erfuhr, bis das Schicksal es so wollte, dass im Marktplatz meines Vertrauens ein echtes Schnäppchen angeboten wurde: eine Kiev 88, aka die Ossi-Hassi. Na das passt doch! Also nicht lange überlegt und zugesagt.

Die КИЕВ 88 ist ein ziemlich genauer Klon der Hasselblad 1600F, die seit 1957 in Produktion war bzw. ist. Anfänglich gab es noch einen Schraubanschluss für die Objektive, seit 1999 kommt ein Pentacon Six-kompatibler Anschluss zum Einsatz, der der Kamera den Zusatz CM einbrachte. 2009 stellte Arsenal die Produktion der Kiev 88 ein, es gibt mit Arax aber einen Dritthersteller, der noch genug Einzelteile für die nächsten 2-3 Jahre haben dürfte.
Das Hasselbladski ist wegen ihres Preises ziemlich attraktiv, kostet sie doch einen Bruchteil von dem, was man für ein vergleichbares Setup bei Hasselblad hinlegen müsste. Dafür kann man hier alle Abgründe russischer Ingenieurskunst erleben: der interne Mechanismus ist einfach gehalten, die Kamera muss nach entsprechenden Vorgaben bedient werden, sonst kann man gleich einen Termin beim Reparaturservice seines Vertrauens machen, und ob man überhaupt ein fehlerfreies Modell erwischt ist ebenfalls Glückssache. Häufigste Fehlerquellen sind ein nicht oder eher sporadisch funktionierender Filmtransport und Probleme mit dem Verschlussvorhang. Dafür spricht, dass die Linsen generell eine recht ordentliche Qualität haben und günstig zu kriegen sind: ein Fisheye an Mittelformat für etwa 200€ kann man woanders jedenfalls lange suchen.

Von all dem blieb ich glücklicherweise verschont. Die Filme rasseln einwandfrei durch das 6×6- und 6×4,5-Magazin, die Zeiten scheinen in Ordnung zu sein, und zu meinem Glück fehlt mir nur noch eine Gegenlichtblende, da meine Linse, ein 90mm f2.8, nicht wirklich vergütet und damit anfällig für Reflektionen ist. Neu für mich war der Prismensucher, der eine ziemliche Freude ist: fokussieren ist im Zusammenspiel mit der Mattscheibe ein Kinderspiel, lediglich das Komponieren des Bildes ist für mich als Brillenträger schwierig, da ich nicht das gesamte Bild auf einmal sehen kann. Prinzipiell hat der Sucher sogar einen eingebauten und funktionierenden Belichtungsmesser, den ich aber wohl eher selten benutzen werden, da er noch umständlicher als ein externes Gerät zu bedienen ist. Aber okay, habe ich vorher ja auch eher selten getan.
Ein Leichtgewicht ist die Kiev 88 mit 2,3 Kilogramm auch nicht. Aber hey, es ist weniger als die Hälfte des Gewichts meiner Mamiya, meine Arme haben es mir bei der knapp dreistündigen Fototour rund um den Hackeschen Markt gedankt.

Ja, ich bin ein klein wenig begeistert. Die Kamera war ein Schnäppchen, sie liegt angenehm in der Hand, ist nicht zu schwer, der Sucher macht verdammt viel Spaß, und abgesehen von den kleinen Lichteinfällen am unteren Rand ist die Qualität saugut! Und jetzt mach ich mich mal auf die Suche nach diesem Fisheye…

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21 Kommentare

  1. Ronny

    Gerade der Sucher nimmt dir eine Menge Zeit beim komponieren des Bildausschnitts ab. Puh, aber 2,3kg ist auch kein Leichtgewicht.

    Auf den Bildern sieht man einmal mehr den Charme der analogen Fotografie. Apropos Bild. Was sind das auf dem zweiten Bild seitlich für “Fehler”. Kommt das vom Entwickeln oder vom Scanner?

  2. Stephan

    Sehr schön in Szene gesetzt die kleine Hassiski.

    Da kommt man fast in Versuchung, die eigene Kiev zu behalten, aber nur fast. ;-)

  3. volzo

    überschätz das Arsat 30mm 3.5 Fisheye nicht, es wiegt nochmal so viel wie die Kamera selbst, ist unglaublich klobig und sehr sehr streulichtanfällig (trotz eingebauter Gegenlichtblende).

    • Jeriko

      Okay, gut zu wissen. Ist wohl ein bisschen so wie bei der Kamera selbst, da hab ich meine Erwartungen auch runtergeschraubt, um im Zweifelsfall nicht enttäuscht zu werden. Und im Moment ist eh keins in Aussicht…

  4. DrGenn

    Die Kievs sind wirklich gute Kameras, jedenfalls wenn man eine funktionierende hat.
    Jedoch würde ich nie den Prismensucher an einer Kiev nutzen, aufgrund dessen dass man das Bild nich komplettt überblicken kann (ebenfalls Brillenträger). Zudem kann ich viel besser das Bild mit dem Lichtschachtsucher komponieren. Und es ist einfach ein viel cooleres Gefühl.
    Meine erste Kiev 88 ist leider kaputt gegangen, nun habe ich meinen spass mit einer Kiev 60 MLU.

    • Jeriko

      Ach ich hab jetzt die ganze Zeit mit einem Lichtschachtsucher gearbeitet, ist mal was Neues

  5. Robert B.

    Hmm, zeig mir mal ein Mittelformat-Fisheye unter 1000 Euro das nicht die von dir beschriebenen, bauartbedingten “Schwächen” hat. Die “Gegenlichtblende” ist übrigens nur ein Schutzmechanismus der herauswölbenden Frontlinse (180 Grad Bildwinkel :)).
    Es gibt in der Preisklasse kein vergleichbares Fisheye, viele Fotografen haben sich früher alleine nur wegen dem Zodiak eine Kiev zugelegt. Inzwischen gibts aber auch viele Adapter für andere Kamerasysteme, ich verwende meins inzwischen auch gerne mal an der Mamiya.
    @Jeriko: Sehr schöne Zusammenfassung, freut mich dass die Kiev dir Spaß macht. Ich würde meine auch niemals hergeben.
    Ggfs. würde ich mal den Sitz des Magazins checken, im letzten Bild sieht man ein kleines Lichtleck?

    • Jeriko

      Da scheint tatsächlich ein kleiner Spalt zu sein. Dürfte mit ein bisschen Druck aber wegzukriegen sein…

  6. ThilliMilli

    @Jeriko:
    Empfindest Du einen (signifikanten) Unterschied zur Hasselblad 501cm? Habe mich das die ganze Zeit vor meinem Kauf gefragt und bin dann einfach an der Hassi 500 hängen geblieben. Einfach weil ich sie im Gegensatz zu meiner anderen Wahl Zenza Bronica SQ-A einfach schöner fand. Eine vollkommen unrationale Entscheidung (obwohl, ich hab’s mir ja schon überlegt).

    Wen’s interessiert, der findet hier meine kleine Geschichte bis jetzt dokumentiert. Inzwischen auch mit den ersten Fotos: http://leichtscharf.de/category/mittelformat/

    • Jeriko

      Nope. Also es gibt natürlich Unterschiede, bspw. beim Einlegen des Films, oder dass die Zeit am Body und nicht am Objektiv eingestellt wird, wobei das ja auch für die Hasselblad 1600F gilt, aber im Großen und Ganzen geben sich die beiden Kameras nichts.

    • ThilliMilli

      Jaja, so hab ich das befürchtet ;) Das Geld hab ich dann also für Optik und Haptik ausgegeben. Aber wenigstens hab ich mir das vorher gründlich überlegt. So.

  7. Micha

    ein wirklich toller artikel.
    hatte auch mal überlegt mit dieses schätzchen zuzulegen, trau dem braten aber nicht so richtig.
    jetzt bin ich wieder 2% in die Kaufrichtung gelitten.
    was mich mal interesieren würde, ist wie Menschen auf der stasse auf eine Mittelformat Reagieren. ich habe noch nie einen mit einer MF rumlaufen sehen. hast du da erfahung???

    Lg Micha

    • Jeriko

      Ja , ungefähr 1 1/2 Jahre Erfahrung :-) Es ist anders, die Leute sind m.M.n. aufgeschlossener, wenn nicht Person X mit DSLR Y ankommt – es wirkt einfach anders. Viele fragen aber auch, ob es dann was professionelles sei, die ältere Generation plaudert schon mal aus dem Nähkästchen, wie sie damals eine Hasselblad hatten, sowas eben. Ich finde es wesentlich einfacher, damit auf Leute zuzugehen.

  8. Mella

    Klasse! Und da passen Pentacon Six Objektive drauf?! … wär ja mal eine Überlegung wert.

  9. Mella

    mmmh…dann hätte ich ja schon das 80er und das 50er :). Ich hatte ja 2 Wochen eine Mamiya als Leihgabe und das war doch schon ein echter Klotz. Ich konnte sie kaum grade halten.

  10. Felix

    GELESEN!!! :P
    Tolle Fotos. Tolle Kamera.
    Mein Onkel wohnte früher in einem der Häuser rechts neben dem Roten Rathaus. Diese Fotos wirken wie aus dieser Zeit. Irgendwann werd ich wohl auch mit diesem analogen Zeugs anfangen. Das ist alles viel zu spannend um es nicht auszuprobieren.

  11. Marc vm

    Oh, nett nett :) Fast hätte ich die ja auch erstanden, bin dann aber kurzfristig auf die Zenza Bronica S2a umgesattelt. Leider muss ich erst an der ein wenig rumfummeln bevor es was für die Augen gibt.
    Das letzte ist wirklich stark geworden! Gefällt mir prima!!

  12. Christian

    Toller Artikel. Ich bin seit drei Jahren Besitzer einer Kiev 88 CM MLU und immer noch zufrieden. Da ich ziemlich viele Kameras habe, habe ich auch so meine Phasen. Zur Zeit ist die Hasselblatzki mal wieder öfter in Betrieb. Die letzten Filme habe ich auch eher mit dem Lichtschachtsucher belichtet, da die Kamera damit viel besser ausschaut, sie etwas leichter als mit dem Prisma ist und man damit etwas unauffälliger fotografieren kann.

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