Montag, 04. Juli 2011

Wie die Lytro Kamera funktionieren könnte

Update: Lytro hat seine Kamera vorgestellt.

Anfang letzter Woche ging ein kleines Raunen durch die Fotowelt, als Lytro eine Kamera ankündigte, die das nachträgliche Fokussieren via Software erlaubt. Für Gelegenheitsknipser wäre das eine kleine Revolution: nie wieder unscharfe Fotos, einfach das Motiv ablichten und im Nachhinein festlegen, wie das Bild aussehen soll. Ein erstes Modell ist noch für dieses Jahr angekündigt, auf der Website dazu gab es ein paar nette Demos, wie das Ganze auf dem Papier (haha!) funktionieren könnte.

Jetzt kann ich natürlich nur spekulieren, und es deckt sich auch nicht ganz mit der Beschreibung auf der Website von Lytro, aber Light Field Cameras sind zuerst einmal nichts Neues. Der Gründer von Lytro, Ren Ng, ist auch kein Unbekannter und hat an der Stanford University 2005 über genau dieses Thema seine Dissertation geschrieben. Ich war jetzt nicht so bekloppt scharf darauf, mich durch alle 200 Seiten zu lesen und habe die Infos daher über andere Stellen zusammen getragen.

Bei Kameras denken wir meist an ein System aus Linsen, das ein vollständiges Bild auf einen Sensor oder Film wirft. Wir fokussieren unsere Kamera auf das Objekt unserer Wahl, drücken den Auslöser, und durch Lichtbrechung wird das Bild letzten Endes auf den Sensor geworfen und gespeichert. Die Blende spielt dabei eine zentrale Rolle, legt sie doch fest, wieviel Licht insgesamt – und damit zusammenhängend was für eine Tiefenschärfe das Bild haben wird – durch sie durch kommt.

Das “Problem” dabei, wenn man so will, ist dass der Sensor wirklich nur das Bild speichert, keine weiteren Informationen wie zum Beispiel woher die einzelnen Lichtstrahlen eigentlich kommen. Das Light Field Konzept dagegen hat das Ziel, nicht nur die Photonen, sondern auch die Richtung und Entfernung, aus der sie kommen, zu speichern. Dazu wird ein Gitter aus Mikrolinsen zwischen Sensor und normale Linse gesetzt. Diese Mikrolinsen sind auf die Blende der normalen Linse fokussiert und projizieren winzige Bilder der Blende auf den darunter liegenden Sensor. Das bedeutet, dass am Ende nicht ein großes Bild, sondern hunderte kleine, kreisförmige Bilder auf dem Sensor landen und gespeichert werden. Jedes kleine Bild enthält dabei die Info, welcher Lichtstrahl wo durch die Blende gekommen ist: ein senkrecht auftreffender Lichtstrahl ist im Kreis mittig, ein schräg auftreffender wird weiter am Rand sein. Die Software kann diese Bilder danach wieder zusammensetzen und zum Manipulieren zur Verfügung stellen.

Der Nachteil der ganzen Technik ist ist eine Reduzierung der Gesamtauflösung: die einzelnen Bilder nehmen mehr Platz auf dem Sensor ein als ein großes, ganzes, da das Motiv ja quasi mehrmals gespeichert wird. Ng verwendete an der Stanford University einen Mittelformat-Sensor mit 16 Megapixeln, über dem ein Array aus 90.000 Mikrolinsen lag. Ein kleinerer Sensor dürfte damit auch der größte Knackpunkt bei Lytro sein: digitale Rückteile für Mittelformatkameras fangen ab etwa 12.000€ an, um mal eine Hausnummer zu nennen, und sind für den Consumser-Markt damit völlig uninteressant.

Es dürfte unwahrscheinlich sein, dass sich das Mikrolinsen-Gitter verschieben lässt, um konventionell zu fotografieren: in Lytros Ankündigung heisst es, dass dieser Teil sich komplett auf dem Sensor abspielen wird. Man ist also auf die Light Field Technologie beschränkt. Auch dürfte es kaum möglichs ein, die Blende an der Kamera zu verstellen, da das Gitter ja exakt darauf fokussiert ist. Die Frage ist dann natürlich, inwiefern sich die Blende im Nachhinein verändern lässt.

Was einen natürlich zu der Frage bringt, für wen eine solche Kamera überhaupt interessant ist? Mir würde der Gedanke missfallen, die Kontrolle aus der Hand und an eine Software zu übergeben, ich möchte schon beim Aufnehmen des Motivs die Einstellungen festlegen und so auf den Sensor bannen. Ganz davon ab, dass noch überhaupt nicht klar ist, mit welchen Linsen ein solches System funktionieren wird (Zoom? Ich bezweifel es.). Das krasse Gegenteil sind Handyknipser, die sich normalerweise eher wenig Gedanken um den Fokus machen, da die winzigen Linsen und Sensoren ohnehin eine fast unendliche Tiefenschärfe besitzen. Bleibt also die Gruppe dazwischen, die Gelegenheitsknipser. Um die zu kriegen muss aber der Preis stimmen, den einzig mit einem – zugegeben sehr tollen – Feature wird man diesen Kundenkreis kaum kriegen.

Ich bleibe gespannt, aber auch skeptisch.

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9 Kommentare

  1. der stilpirat

    Ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß “Otto Normal” große Lust hat, seine Bilder alle am Ende noch mal “nachzubearbeiten” und bei jedem Foto am Ende noch mal den Fokus zu definieren.
    Ansonsten find ich die Technologie sehr spannend, kann mir jedoch nur schwer vorstellen, dass man sie in den nächsten Jahren “auf die Strasse” bekommt.

    • Jeriko

      Vielleicht wäre eine Art “vordefinierter Fokus” möglich. Will meinen, du machst ein Bild mit einem gewünschten Fokuspunkt, hast aber die Möglichkeit, ihn im Nachhinein noch zu ändern.

      Davon ab: ja, geht mir ähnlich. Ich gehe von einem Preis weit jenseits von 1000€ aus, was es für die von mir erwähnte Zielgruppe gänzlich uninteressant macht. Zumal es sich wohl um ein proprietäres System handeln wird, vielleicht so etwas wie bei der Ricoh GXR.

    • der stilpirat

      Ich denke, dass die Technologie auch in naher Zukunft noch “jenseits” von “Jenseits” liegen wird…

  2. hAnnes

    Ein wirklich interessantes Konzept – die meisten werden sowas nicht brauchen, dennoch dachten das auch alle am Anfang der Digitalfotografie. ;)

    Ich vermute, dass es ein ähnliches Prinzip wie eine Lochkamera ist, nur mit variabler Blende. Bei der Lochkamera gibt es einen unendlichen Fokus – event. wird dies hierbei ähnlich konzipiert, und die Software ermittlet anhand von Distanzpunkten einen Schärfebereich? So oder so ähnlich stell ich mir das vor.

  3. Carmen

    Ich habe mir auch die Webseite angeschaut und auch ein wenig rumgespielt mit den Fotos. Eigentlich finde ich das schon ganz interessant. Aber nicht für mich selbst. Da ich versuche zu lernen, wie ich die besten Bilder (nach meinem Geschmack) fotografieren kann. Manuelle Einstellungen usw.
    Ich benutze zwar Software zum editieren, Photomatix, Oloneo usw. Aber ich freue mich ganz doll wenn ich mal ein Foto direkt von der Kamera runterlade und ich nichts daran machen müsste oder möchte, da es mir so gefällt wie es ist.
    Interessante Spielerei, aber ich bleibe bei meiner kleinen, aber feinen Anfänger-Kamera. Meine S95 hat soviele Funktionen. Besonders mag ich jedoch die manuelle Seite der Kamera. Hab schon so einiges damit gelernt. Und innerhalb 9 Monaten 7000+ Fotos gemacht. Viele sind in dem Müll gelandet, klar.

    Diese Lytro Kamera ist nach meiner Meinung etwas für Leute die eben nur einfach Snapshots haben wollen. Situationsfotografie.
    Trotzdem eigentlich eine interessante Technik.

  4. Johannes

    Schöner Artikel! Von der Kamera hab ich auch schon gelesen.
    Weiß jemand, ob man nicht nur den Schärfepunkt, sondern auch die Schärfeebene festlegen kann? (Stichwort Schärfentiefe). Damit ergäben sich ja durchaus reizvolle Anwendungen für Profis: Man kann hinterher in der Software (vielleicht sogar schon auf der Kamera?) die Bildwirkung beeinflussen, gezielt einzelne Objekte freistellen, alles scharf abbilden, Tilt simulieren, vielleicht sogar das Bokeh unterschiedlicher Linsen nachbilden (“Noctilux-Preset” :) ). Das wäre auf jeden Fall mal was.

  5. ptrbcks

    Vielen Dank für die Mühe :D!
    Hab in der letzten Zeit schon viele Spekulationen auf Basis von Halbwissen gehört, aber bisher nichts handfestes. Gut, hab auch nicht aktiv damit danach gesucht.

    Was ich auch noch nicht verstehe – es müsste ja eine relativ kleine Blende gewählt werden um den gesamten Bereich zuerst einmal scharf abzubilden, sagen wir direkt mal Blende 22. Damit würden dann aber die Belichtungszeiten in den Keller gehen, Action-Fotografie mit schnellen Bewegungen oder Available Light Fotografie gerade an Orten mit wenig Licht nahezu unmöglich. Oder versteh ich da was falsch?

  6. pulsiv

    ich will ne knippse, die mir nachträglich meine verwackler schön macht. :P

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