Donnerstag, 30. Juni 2011

Neun Fragen an Farin Urlaub

Dass Farin Urlaub als Gitarrist und Sänger der Ärzte und mit seinen Soloprojekten erfolgreich als Musiker unterwegs ist dürfte ja wohl hoffentlich bekannt sein. Neu für mich war dagegen, dass er auch leidenschaftlicher Fotograf ist, der die Welt bereist und in Bildern festhält – und das ziemlich gut! Im Rahmen seiner neuen Ausstellung über Mali in der Gallerie LUMAS Stuttgart, die ab morgen eröffnet wird, konnte ich ihm per Mail ein paar Fragen stellen.

Christoph: Hi Farin, danke, dass Du dir die Zeit nimmst! Das erste Mal sah ich die Ärzte 1996 in Dortmund als Support von KISS, und ich behielt sie fortan als eine durchaus freche Band in Erinnerung, die auch mal sagt, was sie denkt. Deine Bilder sah ich zum ersten Mal letztes Jahr im September, die mich durch ihre zurückhaltende Art überraschten, aber auch beeindruckten. Der Fotograf, als Kontrast zum Musiker?
Farin: Sagen wir es so: bei der Musik stehen wir und unsere Ideen im Vordergrund (und natürlich der Spaß!), bei meinen Bildern die Schönheit oder Hässlichkeit der Welt, so wie ich sie empfinde. Es geht ausnahmsweise überhaupt nicht darum, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Magst Du vielleicht kurz erzählen, wie Du zur Fotografie gekommen bist, was Dich bewegt?
Ich habe durch viel Glück die Gelegenheit, sehr viel zu reisen. Der Grundgedanke ist, das Gesehene festzuhalten, um es mit anderen teilen zu können.

Du warst vor ein paar Jahren in Indien und Buthan, in Japan, jetzt deine Ausstellung über Mali – generell scheinst Du sehr viel zu reisen. Ich erinnere mich ein Aussage von Henry Rollins, der auf seiner Spoken Words Tour meinte, er will sich nicht ständig nur sagen lassen, wie es auf der Welt so ist, er will es mit eigene Augen sehen. Bei Dir ist das vermutlich ähnlich, oder?
Absolut! Eine Kultur buchstäblich zu erfahren ist etwas völlig anderes, als über sie zu lesen und Fernsehdokumentationen zu gucken. Für mich ist Reisen das Wichtigste überhaupt, wie man eventuell schon an meinem extrem unsubtilen Künstlernamen erkennt.

Hat Mali Dich verändert? Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde, so viel Armut und Leid sehen zu müssen in dem Wissen, dass ich schon nächste Woche wieder in der Sicherheit meiner eigenen Wohnung sein kann.
Ich war schon ein paarmal in Westafrika unterwegs und habe mir lange davor auf Reisen angewöhnt, das Gesehene erst einmal als Normalität zu akzeptieren. (Was nicht bedeutet, daß ich nicht wütend werde über die Ungerechtigkeit der Welt.) Es ist für mich immer noch schockierend, Elend und Leid zu sehen, aber Armut muss nicht notgedrungen zu Leid führen. Mali (und andere afrikanische Länder) haben mir vor allem gezeigt, wie großherzig und freundlich diese Menschen sind, die fast nichts besitzen. Um so mehr schäme ich mich, wenn im reichen Deutschland wieder mal Menschen mit dunkler Haut beschimpft oder gejagt werden.

Jetzt muss in dem Zusammenhang ja auch das Stichwort “Künstlerische Verantwortung” fallen. Wie siehst Du das, willst Du mit Deinen Bildern auch auf Missstände aufmerksam machen? Wie wählst Du die Bilder aus, die Du zeigen möchtest?
In meinen Büchern (ha! Plural!! Im Oktober kommt der zweite Bildband: Australien und Osttimor) versuche ich, die jeweiligen Länder so zu zeigen, wie ich sie sehe und erlebe. Die Feststellung, daß dort einiges sehr anders ist als in Mitteleuropa überlasse ich dabei dem Betrachter/ Leser. Bei den Lumas- Bildern geht es ja in erster Linie um dekorativen Wandschmuck, da käme ein aufrüttelndes Kriegswaisen- Potrtait eher nicht in Frage.

Wie kam es zu der Kooperation mit LUMAS?
Pure Eitelkeit: ich wollte meine Bilder mal in GROSS sehen! Also habe ich mich mit den Japan – Bildern beworben.

Reden wir mal ein wenig über Technik: Für die einen muss es immer das Neuste sein, und unbearbeitet gelangt sowieso kein Bild an die Öffentlichkeit, die anderen schätzen die “Ehrlichkeit”, die ein Foto aus einem 50 Jahre alten Analogschätzchen hat. Wie sieht’s bei Dir aus, wie wichtig ist Dir die Technik? Ich hab ja irgendwo gelesen, dass Du ein ganzes Arsenal an Kameras hortest?
Ich habe ganz unbedarft mit einer Canon- Spiegelreflex angefangen; dann setzte ein umfangreicher Lernprozess ein, der noch andauert. Mittlerweile habe ich tatsächlich einiges zusammengetragen, was mir sinnvoll erscheint; eine Linhof Technorama 617 zum Beispiel, eine Plaubel und eine ziemlich wuchtige digitale Mittelformatkamera. In Australien bin ich mit 35 Kilo auf dem Rücken losgewandert; das versuche ich jetzt mal deutlich zu reduzieren; es wird wohl auf eine kleine Fachkamera mit Digitalrückteil hinauslaufen. (Und zusätzlich noch eine Leica M oder so; schließlich bin ich ja in meinem wirklichen Leben auch noch Rockstar.) Die Technik ist bei mir jedenfalls immer nur Mittel zum Zweck.

Die Ausstellung geht bis zum 23. August, aber ich könnte ja wetten, dass Du schon Pläne für deine nächste Reise hast, oder?
Nicht lachen: ich habe schon die nächsten 4 Reisen geplant. Das ist bei mir immer so, damit ich sofort loslegen kann, wenn sich ein Zeitfenster öffnet.

Last but not least: Welche Frage sollte man Farin Urlaub unbedingt mal stellen?
Was ist der Unterschied zwischen einem Krokodil?

Christoph: Vielen Dank!

Vom 1. Juli 2011 bis 23. August 2011 zeigt die LUMAS Gallerie Stuttgart exklusiv die Ausstellung FARIN URLAUB – MALI. Die Vernissage ist am 30. Juni, bei der Farin auch anwesend sein wird.

Alle Fotos außer Portrait ©Farin Urlaub, www.lumas.de. Portrait ©Farin Urlaub.

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20 Kommentare

  1. Willi

    Im Herbst hatte Er auch schon mal eine Ausstellung in Berlin. Die Bilder können sich auf jeden Fall sehen lassen. Gefallen mir wesentlich besser, als seine Musik ;D

    • Jeriko

      Genau, da bin ich auch das erste Mal auf ihn als Fotograf aufmerksam geworden. Und ist natürlich alles Geschmackssache, klar :-)

  2. Susan

    Oh nein, das wollte ich doch jetzt wirklich nicht wissen: heute Vernissage mit Farin Urlaub, hier in der Nähe meines Wohnortes und ICH HABE KEINE ZEIT!!
    Aber die Fotos gefallen mir. Ich wußte gar nicht, daß er auch fotografiert.

  3. Jan

    Danke für diesen Beitrag! Echt ein sehr nettes Interview! Macht Farin wirklich noch symphatischer als er ohnehin schon ist. Auch seine Fotos sind wirklich gelungen. Schade, dass Stuttgart von mir nicht gerade um die Ecke liegt…

    • Jeriko

      Jap, sonst wär ich wohl auch zur Vernissage gegangen, aber Berlin < -> Stuttgart ist mir dann doch etwas zu weit.

  4. HCL

    und die antwort lautet:
    SCHNAPP! SCHNAPP!

  5. Inken

    Großartiger Kerl. Die Musik der Ärzte ist super, aber seine Fotos setzen dem Ganzen noch die Krone auf. Ich. Bin. Begeistert.

  6. Grit

    Hallo Jeriko,

    ein sehr interessantes Interview.

    Ich hatte das Glück, mitzubekommen, dass er wieder eine Vernissage gibt und Zeit genug herzufahren.
    Es war schön, ihn mal wieder persönlich zu sehen und seine neuen Bilder, die ich aber nur draussen sah, anzuschauen und gleich noch Stuttgart und Umgebung kennenzulernen.

    Die Vernissage in Berlin war auch schon sehr interessant für mich. Allerdings hatte ich nach einem unverhofften Rauswurf durch ihn die Flucht ergriffen und Lumas den Newsletter gekündigt. Eine Erklärung habe ich allerdings nie gekriegt. Nichtsdestotrotz wollte ich mir nach seiner Webseitensperrung und GB-Löschungen meiner vollkommen harmlosen und netten Einträge – ebenfalls ohne Erklärung an mich – nicht die Gelegenheit nehmen lassen, ihn mal wiederzusehen und war überrascht.

    Die Bilder sind interessant und spiegeln beeindruckend die Schönheit des armen Landes wieder. Ob man sich diese in dem Wissen ins Wohnzimmer hängt, weiss ich nicht, aber vielleicht gibt es ja Interessenten, die passenden Platz dafür haben. Soweit den Seiten von Lumas zu entnehmen war, konnte jede/r zu dieser Vernissage gehen, was ich toll finde. Auf seiner 1. in Berlin ging das wohl nur mit Einladung, die ich von Lumas hatte.

    Interessant, dass er seine nächsten 4 Reisen schon geplant hat und jede freie Minute damit verbringt. Da frage ich mich, ob er auch ein Privatleben hat und wie er das organisiert. Oder hat er gar keins? Wäre ja schön, mal mehr darüber zu erfahren, auch wenn er diesbezüglich sehr verschwiegen ist. Ich würde mich über Antworten und Erklärungen seinerseits freuen.

    Stuttgart gefällt mir und nun viel Spass noch & Grüsse aus Heidelberg

  7. Jana

    Oh.Mein.Gott.
    Farin Urlaub ist mein ganz persönlicher Gott. Und diese Webseite besuche ich regelmäßig. Und nun…ein Beitrag über Farin Urlaub. Ich bin begeistert, von seinen Fotos, vom Interwiev, und vorallem davon, dass ich hier etwas über ihn entdeckt habe.
    tausendmal Danke.

    p.s. Als absoluter Farin-Freak, wusste ich das meiste natürlich schon grob ;)

  8. C

    Äh, Grit, das hört sich son bißchen Stalker-mäßig an…

  9. Padraice

    Wieder etwas dazu gelernt. Ist für mich neu, dass Farin Urlaub auch fotografiert und das sogar sehr gut. Tolles Interview! Macht ihn noch sympathischer.

  10. 55Laney69

    Wow das wusste ich garnicht das er auch fotografiert! Ich hab nur Rod ein paarmal mit einer alten Analogkamera gesehen.
    Find ich ja klasse :)

  11. Mark

    Ärzte sind immer für eine Überraschung gut ;-)
    Klasse Bilder und ein sehr interessantes Interview!

  12. Oli

    Der Mann hat’s drauf. Aber der hat natürlich auch Zeit und Geld, um in der Welt rumzugondeln und so tolle Aufnahmen zu machen. Neid…

  13. Rossi

    hmmm, also ich finde die bilder jetzt nicht sonderlich umwerfend. ganz okay für an die wand halt.

    aner qualitativ und qua sichtweise etc wirklich nichts besonderes.

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