Wir sitzen auf einer Dachterasse irgendwo in Williamsburg, es ist früher Abend, der letzte Abend für mich in New York, es ist angenehm warm und wir feiern gerade einen Geburtstag von jemandem, den ich nicht kenne, und dessen Name ich mittlerweile wieder vergessen habe. In der einen Hand eine Dose Bier, Marke ebenfalls vergessen, tatsächlich aber eines der besseren US-Biere, in der anderen die Überreste eines unverschämt guten Kuchens, schaue ich in den Himmel, sehe ein paar Sterne, und fühle mich wieder wie damals, 2004, als ich das erste und bis zu diesem Zeitpunkt einzige Mal in New York war.
Dieses Gefühl, was ich in den vergangenen fünf Tagen, ja eigentlich die vergangenen sieben Jahre gesucht habe – und nicht fand. Die ganze Zeit hetzte ich von Ort zu Ort, gönnte mir keine Ruhe, gab mir selber den Druck, New York großartig finden zu müssen – und schaffte es nicht.
Ich lernte Menschen kennen, unglaublich nette Menschen: mein Run DMC Shirt brachte mir ein kostenloses Frühstück mit einer Horde Anfang-Zwanziger um 6 Uhr morgens ein. Beim Bed & Breakfast habe ich den besten Kaffee seit Monaten serviert bekommen, obwohl es nicht mal nötig gewesen wäre. Jeder, wirklich jeder war freundlich zu mir, egal in welcher Ecke ich mich befand – und gerade in Brooklyn waren es teilweise nicht die besten Viertel.
Ich sah die Hochhausschluchten in Manhattan, die so mächtig über den Menschen stehen, ich stand vor dem Empire State Building und war für einen kurzen Moment sprachlos ob dieses Monuments, ich konnte mich am Chrysler Building nicht satt sehen, habe das Rockefeller Center etwa 20x versucht zu fotografieren und lag jedes Mal schief, ich war in SoHo, in Little Italy, ich habe Brooklyn gesehen, Teile von Williamsburg, die ganze Vielfalt, die New York zu bieten hat.
Aber die Faszination, so wie ich sie in Erinnerung hatte, sie wollte sich nicht einstellen. Ich hatte die Einleitung des Beitrags schon im Kopf: “Ich bin in der tollsten Stadt der Welt und bemerke es nicht einmal.”
Und als ich in den Nachthimmel schaute, die Sterne sah und zum ersten Mal auf der ganzen Reise, am letzten Abend, so etwas wie Ruhe verspürte, da wurde es mir auf einmal klar. Es war nicht nur die Stadt, die ich so gut in Erinnerung hatte, es waren die ganzen begleitenden Umstände. Die Menschen, mit denen ich damals zu tun hatte. Die Erfahrungen, die ich machte. Das Lebensgefühl, wie ein ganz normaler Jugendlicher, der in New York lebt, der im Park Basketball spielt, durch die Straßen zieht, Parties feiert oder sich auf dem Dach eines 40stöckigen Hochhauses die Birne mit Doobie Snacks wegballert. Ohne Verpflichtungen. So wie jetzt. Sich nicht wie ein Tourist fühlen, der auf Teufel komm raus versucht, New York großartig zu finden. Sondern wie jemand, der an einem frühen, warmen Abend auf einer Dachterasse irgendwo in Williamsburg einen Geburtstag feiert.












Agfa Optima 1535, Ilford HP5 Plus, Ultrafin Plus 1+5, 5 Minuten Entwicklungszeit. Bei einem der beiden Filme vergessen, den Fixierer abzuwaschen, was die netten Effekte erklärt.
Ich finde die Fotografie vom Timesquare unglaublich beeindruckend. Und dem Effekt nach zu urteilen würde ich, wenn ich selbst entwickeln würde, den Fixierer nie abwaschen, mich mag den Effekt.
ich mag diesen zwang, dinge jetzt toll finden zu müssen, nur weil es ja angeblich soooo toll ist, auch nicht. insofern eine gute entscheidung einfach mal kein tourist zu sein :)
und die bilder gefallen mir auch gut.
Diese Fixierer-Sache kann, wie es scheint, erstaunliche, interessante Effekte zaubern. Auf den meisten der obigen Fotos ist es weder störend noch förderlich, doch das eine aus der Smith/9th St profitiert stark davon. Dreck kommt zu Dreck, wenn man so will. Auf dem Times Square wirkt es auf mich eher störend, drängt sich auf und lenkt doch zu sehr vom Bildinhalt ab. (Überhaupt ist ein s/w-Foto vom bunt erleuchteten Times Square schon eine Präsentationsweise, über die man durchaus kritisch denken kann.) Dennoch, wenn man diese Möglichkeit der Post-Production schon bei der Motivwahl bedenkt, kann man nochmal ein gutes Stück aus den Aufnahmen rausholen.
Auch sonst sehr schöne Bilder, der Mangel an Kontrast (Ist das so? Mein Eindruck als Foto-Laie.) passt zur Stadt.
Naja Post-Production würde ich das nicht nennen, eher Vergesslichkeit ;-) Und ja, die Fotos sind eigentlich zu dunkel und hätten für einen ausgeglicheneren Kontrast und helleren Farben gut und gerne noch zwei Minuten im Entwickler bleiben können. Ich finde sie so aber auch sehr gelungen.
Ehrlicher Beitrag. Darum klasse. Und vielleicht ein wenig, weil ich dieses Gefühl nur zu gut kenne. Daher sollte man bestimmte Trips nur einmal machen – die Enttäuschung ist sonst groß (gut, NY gehört jetzt nicht unbedingt dazu).
Aber, ketzerische Frage: Sind es nicht immer die Momente, in denen man sich nicht als Beobachter sondern vielmehr als Teil des Ganzen fühlt, auch die Momenten, welche einem die einzigartigen Erinnerungen bescheren? Mir geht es jedenfalls so.
Diesmal: Trotz guter Fotos gefällt der Text noch mehr.
Vermutlich ja, nur hatte ich das all die Jahre wohl vergessen oder anders empfunden. Es ist auch nicht schlimm, ganz im Gegenteil, ich bin nicht enttäuscht von New York, ich weiss jetzt nur, was die Stadt mir gibt. Oder auch nicht.
Bin mal hierher gestolpert. Der Beitrag gefällt mir als Liebhaber analoger, unvolkommener, selbstgemachter, verschwommener, fehlbelichteter, dennoch emotionaler, aussagekräftiger Bilder, sowie Gummibärchen, ausgezeichnet! Die Bilder an sich find ich klasse, die Story dazu rückt die ganze Szene nochmal in ein anderes Licht und bringt viel Stimmung rüber. Wirklich schön geschrieben.
Biste denn nun zufrieden mit dem ersten Messsucher? Bei mir hats vor ein paar Monaten angefangen und naja, es ist ein Virus.
Grüße aus Franken
seb
Ehrlich gesagt: Nein. Ich benutze sie viel zu sehr als Schnappschusskamera, viel zu wenig arbeite ich kontrolliert. Dazu kommt, dass die Fokussierung der Agfa extrem hakt und es eigentlich keine Freude ist, mit ihr zu arbeiten. Es war, muss ich so sagen, ein Fehlkauf. Ich liebäugele ein wenig mit einer Yashica 35 Electric, vielleicht springt dann ja der Messsucher-Funke über.
Könnte gut sein, aber bedenke, die Yashi ist im Vergleich zu den schönen “kleinen”, die man so im Kopf hat (Rolleis und Olympui, -pusse) schon ein Klopper. Hatte die auch kleiner im Kopf und hab erstmal doof geschaut. Spaß machen tuts aber allemal. Und allzu teuer sind die Dinger ja auch nicht…
Toller Artikel und das Gefühl was du beschreibst, lieber ein Teil der Stadt zu sein als Tourist, kenne ich nur allzu gut.
Die Bilder finde ich spanned und extrem cool, ich sauge sie auf. Sie vergrössern die Vorfreude auf die Stadt welche im Herbst 2 Wochen mit meinen Augen und Linsen bestaunen darf…….
Wow, tolle Geschichte die natürlich mit den Bildern zusammen umso mehr wirkt oder auch vielleicht anders rum ? Naja egal, ich finde das der Fixierer nicht abgewaschen wurde gibt den Bildern hierbei noch mal einen eigenen viel intensivieren Touch auch wieder in Verbindung mit deiner Geschichte.
Also ganz schnell: Ich mags. ;)
Danke :-)
Cristoph, Bild Nr. 5 und dieser Satz: “Ich bin in der tollsten Stadt der Welt und bemerke es nicht einmal.”
Mehr hätte es für mich nicht gebraucht und das hätte mir auch mehr Freiheit bei einer eigenen Geschichte gegegeben-Wenn du verstehst was ich meine.
Dieser Satz in Verbindung mit Bild Nr. 5= Weltklasse.
… nach Dachterasse irgendwo in Williamsburg sehen die Fotos aber nicht aus. New York ist eine faszinierende Stadt, die von teils beeindruckenden Individuen bewohnt wird, und keine Kulissenstadt.Wo sind die Menschen??
Ich habe die Story gestern gelsen und habe die Bilder nicht sehen können, warum auch immer. Ich war begeistert. Heute nun sah ich die Bilder und bin hin und weg.
Nicht nur fasziniert von der Stadt New York und von den Bildern selbst, sondern hast Du in mir auch die Lust nach Analogfotografie geweckt.
Vielen Dank.
Die Story liest sich sehr angenehm und ich bekomme Fernweh. Die Fotos gefallen durch die Bank, auch wenn sie für mich sehr ungewöhnlich sind.