
Ich kann mit Fotos von Kindern nicht viel anfangen. Nachvollziehen, warum man welche haben möchte, sicher, aber wenn ich irgendwo spielende oder lachende Kinder im Studio hocken sehe schalte ich direkt weiter. Ich glaube, mir gefällt diese Unnatürlichkeit daran nicht, denn egal wieviel Freiraum man den Kindern auch lässt, egal wieviel Geduld man aufbringt, am Ende ist es immer ein gestelltes Foto einer heilen Welt, ohne dass ich etwas Interessantes darin sehen könnte. Von Babys fange ich besser gar nicht erst an.

Vielleicht finde ich aber gerade deswegen Immediate Family von Sally Mann aus dem Jahre 1992 faszinierend. Es ist einfach ehrlich. Der Bildband besteht aus 65 Schwarzweiss-Fotos ihrer drei Kinder, die alle unter zehn Jahre alt sind. Die meisten Fotos wurden in und am Ferienhaus der Familie gemacht, wo die Kinder meist nackt unterwegs waren, und zeigen typische Kindheitsmomente wie das einfache spielen, im See schwimmen, Blödsinn machen, verkleiden, aber auch ernstere Themen wie Unsicherheit, Einsamkeit, Verletzungen, Sexualität und Tod. Das Buch löste beim Erscheinen eine heftige Kontroverse bis hin zur Anschuldigung der Kinderpornographie aus, ein Foto ihrer vierjährigen Tochter Virginia wurde vom Wall Street Journal gar nur zensiert gezeigt. Mann dagegen sah in ihren Aufnahmen eine ehrliche Sicht einer Mutter auf ihre Kinder – die Kritiker gaben ihr Recht. Das Time Magazine kührte Mann 2001 zu “America’s Best Photographer” und hatte dies über Immediate Family zu sagen:
Mann recorded a combination of spontaneous and carefully arranged moments of childhood repose and revealingly — sometimes unnervingly — imaginative play. What the outraged critics of her child nudes failed to grant was the patent devotion involved throughout the project and the delighted complicity of her son and daughters in so many of the solemn or playful events. No other collection of family photographs is remotely like it, in both its naked candor and the fervor of its maternal curiosity and care.


Es ist ein toller, ein faszinierender, ein interessanter Bildband, den ich jedem wärmstens empfehlen kann.
Ich kann mich Deinem Artikel eigentlich nur anschließen. Letztes Jahr bin ich irgendwann im Netz über Sally Mann gestolpert und habe mir daraufhin ebenfalls Immediate Family gekauft. Es ist ein wirklich sehr schöner Bildband mit sehr eindrucksvollen Fotos, den ich sehr gerne in meinem Bücherregal stehen habe. Mit Sicherheit wird es auch nicht das letzte Buch von ihr sein dass seinen Weg in meine Sammlung finden wird.
Auch sehr zu empfehlen: “What remains” als DVD. Ein sehr schöner Einblick in Sally Manns Arbeitsweise und Interviews mit Ihren Kindern.
Sweet, werde ich mal nach Ausschau halten, danke fü den Tipp!
Kommt mir bekannt vor. Danke für’s erinnern. Die Bilder sind einsame spitze.
Ich finde Bilder von spielenden, lachenden Kinder alles andere als uninteressant. Kommt einfach darauf an, welchen Zugang der Fotograf gewählt hat… Und von wegen gestellt: Niemand ist vor einer (Film-) Kamera so authentisch wie ein Kind.
PS. Vier von den fünf Fotos, die Du hier vorstellst, könnte man als ziemlich “gestellt” bezeichnen. Ich mag sie trotzdem allesamt – eben weil es auf den Zugang ankommt. ;-)
Klar, es ist eine persönliche Einstellung dazu; ich kann dem Motiv einfach nichts abgewinnen, sei es als Betrachter oder als Fotograf. Wenn andere “süüüß!” schreien schüttel ich nur den Kopf…
Dass die Fotos von Mann gestellt sind wird so sein, dann aber auch wieder nicht. Es ist nochmal was anderes, wenn du Kinder in ein Studio stellst und eine fremde Person sie fotografieren lässt, oder wenn du als Mutter Fotos von deinen Kindern in gewohnter Umgebung machst.
Immer wieder großartig ihre Fotos!! wauuu
Ich musste lachen bei “Von Babys fange ich gar nicht erst an..”. Kann ich verstehen..
Wobei Kinder im Alter von 3-5 großartig zu fotografieren sind, weil sie sich ausprobieren und spontan sind.
Man muss ja sehr vorsichtig sein, wenn man heutzutage Kinder fotografiert.. und ich persönlich habe nach ein paar Fotos schon fast das Gefühl, mich erklären zu müssen.. irgendwie..
Was die Welt aus uns gemacht hat..
Die Bilder sind großartig!!
M.
Ich hab diese Buch und “At twelve” von ihr. Beide sind wunderbar. Ich war immer ein Fan ihrer Bilder und ich schaue mir sie immer wieder gerne an. Vile der Bilder sind mit einer Großformatkamera gemacht. Wer weiß was eine siolche Kamera für ein Können abverlangt, der schätzt die Bilder noch ein bischen mehr ;-).