
Über einen Twitter-Tipp von Kai bin ich gestern auf This Is Wide Angle gestoßen, ein noch recht junges, aber wirklich gutes Blog über Fotografie von Marc Weber. Und da gibt es einen Beitrag, Photograph without a cause, der für mich heraussticht, und den ich euch nur empfehlen kann:
Jedes Bild ist Information und die formale und ästhetische Qualität eines Bildes unterstützt nur, mehr nicht. Eine Fotografie kann technisch noch so perfekt sein, die Bildgestaltung so gut wie es nur geht und andere gestalterische Möglichkeiten noch so ausgefuchst, im Grunde kann es bei dem allen nur darum gehen, dass das, was man mit dem Bild vermitteln wollte verdeutlicht wird.
Diesen Aspekt vermisse ich bei fast allen Diskusionen, denn es dreht sich alles nur um das formal Oberflächliche und oft habe ich den Eindruck, dass viele fotografieren, weil sie Fotografie machen wollen, die ihrem Sinn von Ästhetik entspricht und wissen nicht, dass sie das Pferd von hinten aufzäumen.
Über diese Passage musste ich sehr lange nachdenken, denn er hat (teilweise) Recht. Ich habe meinen Flickr-Stream nochmal Revue passieren lassen, überlegt, ob und was ich mit meinen Fotos eigentlich vermitteln möchte. Ergebnis: selbst wenn ein Foto keine Message für andere hat, so ist es für mich doch eine visuelle Erinnerung an Vergangenes. Okay, einiges würde ich heute vermutlich anders machen, aber jeder hat ja mal klein angefangen, und das auch nur am Rande. Abgesehen davon widerspricht es sich auch nicht unbedingt mit dem Fotografieren um des Fotografieren willens, ich denke ja eher, dass es Segen und Fluch zugleich ist. Ohne die Kamera hätte ich so manchen Ort sicher nie mit eigenen Augen gesehen, hätte mein Blick für die Kleinigkeiten um mich herum sich wohl nicht so ausgeprägt. Gleichzeitig betrachte ich Fotos aber auch verstärkt von einer technischen Seite, was dann wohl die erwähnte Oberflächlichkeit ist. Ich finde das nicht weiter schlimm, ganz im Gegenteil. Nachbearbeitung ist schließlich auch eine Kunst, ich quatsche gerne über Kameras, mich interessieren die EXIF-Daten von fremden Fotos, alles Dinge, die mit der Aufnahme an sich erstmal gar nichts zu tun haben. Trotzdem hat Marc recht, wenn er schreibt, dass dann die Gefahr besteht, dass das Wesentliche ein wenig aus dem Fokus rückt. In der Hinsicht waren meine Blogbeiträge vor etwa 18 Monaten vielleicht sogar noch einen Ticken ehrlicher, als ich noch keine Ahnung vom Fotografieren hatte und einfach nur die Motive schön fand.
Marcs Beitrag kommt auch zu einer Zeit, in der ich überlege, wie es mit dem Blog weiter gehen soll, Stichwort Redesign bzw. Realign, aber auch die inhaltliche Ausrichtung. Martin hatte vor kurzem eine Umfrage gemacht, in der er sozusagen nebenbei den Unterschied zwischen Fotoblogs und Fotografieblogs beschrieb. Ich hab dem zu der Zeit nicht viel Beachtung geschenkt, es kam mir aber jetzt wieder in diesem Zusammenhang in den Sinn, und tatsächlich halte ich es für eine wichtige Frage, wo ich mich positionieren will. Das heißt übrigens nicht, dass mir der Status Quo nicht gefällt, ganz im Gegenteil, es könnte nicht besser sein, aber Stillstand ist für mich ein kleiner Selbstmord.
Wohin geht die Reise? Keine Ahnung, das will ich jetzt rausfinden. Stay tuned.
Foto: Sherman Tan
Ich glaube, dass die Frage nach dem Festhalten des Moments zwar wichtig ist – aber eigentlich ist es für mich irrelevant. Denn egal wie schön das Motiv ist – du warst zu jener Zeit dort und hast das Foto gemacht, für mich spricht nur das Bild als Abbild dessen was du gesehen hast. Und mit jeder Aufnahmecharakteristika eines Chips, mit jeder Empfindlichkeit eines Films und mit jeder unterschiedlichen Gradation eines Foto-Papiers wird das Bild, das ich bekomme, niemals das sein, was du gesehen hast.
Somit stellt sich die Frage: Wie kannst du das überhaupt vermitteln, was du erlebt hast. Wie kannst du auf einem Foto das Gefühl der Weite transportieren, wie du an einem elendslangem, gottverlassenen Stand gestanden bist. Oder wie du durch Wolkenkratzerschluchten geschlendert bist und das Gefühl hattest, alles erdrückt dich. All die Gefühle, die du in den Situationen hast, die du festhälst, kannst du eigentlich nur durch die Wahl bzw Ausschnitt des Motivs, Wahl der Brennweite bestimmen. Den Geruch, die Geräuschkulisse kann man halt nicht einbauen.
Was mich dazu führt, was du sagtest: Das Foto ohne Message. DIe Aufnahmen waren ehrlicher.
Das glaube ich dir jetzt nicht. Jedes Foto das du gemacht hast, hast du gemacht. Du hast dich für ein Motiv entschieden und es im Sucher “gestaltet”, hast dir Brennweite und Belichtung überlegt und in der Nachbearbeitung Farben rausgeholt. Was ist denn daran nicht ehrlich. Es ist eigentlich genauso ehrlich wie das Foto, das eine Mutter macht, wenn ihr Kind mit dem Hund spielt. Die Entscheidung jenes Foto zu machen fällt der Mutter bewusster, bei dir aber unbewusst. Trotzdem ist das Fethalten der Realität um nichts weniger “ehrlich”, denn just zu dem Moment, wo du dich entschließt ein Foto zu machen, sei es nun das Zusammenspiel geometrischer Formen in einem Treppenhaus oder ein Baum auf einem verlassenen Acker, sagst du ja zu dir: “Dieses Stück Realität gefällt mir.”
Spannende Frage und ich bin selbiges auch.
This Is Wide Angle ist übrigens wirklich ein guter Blog.
Ich finde diesen Punkt, ein Foto muss/sollte eine Aussage haben und etwas zu vermitteln ein wenig zu extrem. Kann ein Foto nicht einfach nur “schön” sein und gut ist? Sollte sich nicht jeder selber seine Meinung darüber bilden was hinter jenem Foto steckt? Ich kann und will nicht jedes meiner Fotos betiteln und beschreiben damit andere Leute wissen was es dort zu sehen gibt und wieso ich diese Aufnahme so gemacht habe wie ich sie gemacht habe. Manchmal stellt man auch nur irgendwelche Schnappschüsse online weil einem die Symmetrie, das Licht oder die Farben gefallen. Es muss nicht immer hinter jedem Foto eine Aussage stecken – manchmal ist es einfach nur der Spaß dahinter. ;)
Interessante Frage, die ich mir auch manchmal stelle, meist (und beim Fotografieren dencke ich fast nie darüber nach) ist sie mir aber schlicht und einfach zu verkopft.
Muss nicht immer alles eine Aussage haben, manches kann auch einfach (schön) sein…
@tobi: Vorneweg, das war missverständlich, ich meinte Blogbeiträge, die ich vor 18 Monaten schrieb, nicht meine Fotos. Klar kann ich nicht meinen Eindruck vermitteln, außer ich würde es als zusätzliche Beschreibung anfügen. Natürlich will ich das nicht, Kunst liegt im Auge des Betrachters, auch wenn der Spruch ausgelutscht ist. Aber wenn es schon nicht das ist, was ich als Eindruck habe, so möchte man doch trotzdem etwas vermitteln, oder? Der Playboy vermittelt genauso etwas wie der Kriegsberichterstatter, der Beautyfotograf genauso wie der Partyschnappschusstyp. Du drückst bei Flickr auf das Sternchen, wenn dir ein Foto gut gefällt, aber warum. Also nicht warum du aufs Sternchen klickst, sondern warum es gerade dieses Foto ist? Und sei es doch nur weil dir die technische Ausführung gefällt, aber irgendwas muss es ja sein. Ich denke, dass Marc da schon Recht hat, wenn auch nicht vollständig.
@HerrK: sehe ich doch genauso. Es ist schwierig zu beschreiben, aber jedes Foto wird von uns (also von mir jedenfalls) mit einem Hintergedanken online gestellt. Sei es weil mir die Aufnahme gut gelungen ist, weil mir die Nachbarbeitung gefällt, weil mir die Erinnerung an den Moment ein Lächeln gibt. Ich habe im vergangenen Jahr etwa 10.000 Fotos gemacht, nicht mal ein Zehntel davon habe ich veröffentlicht. Die Tierfotos von besagter Frau mit dem Kind haben werden für andere ja auch eher weniger bedeutend sein.
Generell habe ich das Ganze auch im Kontext mit Martins Umfrage gesehen. Ich denke, ich möchte in Zukunft einfach besser herausstellen, warum mir dieses oder jenes Foto so gut gefällt, warum ich euch gerade diesen Fotograf empfehle. Oder möchte ich einfach gar nichts sagen und gar nicht erst in eure Meinungsbildung eingreifen? Ich weiss es noch nicht. Und darum geht es gerade.
Du steckst im Moment in einer Phase: “Du hast Hunger nach mehr oder weniger, du willst den Bildbetrachter bei der Hand nehmen und ihnen auf die Sprünge helfen oder ihnen eben die volle Freiheit bei der Interpretation lassen! Du willst Forschen und tiefer eindringen oder doch nur total situationsbedingt emotional sein.”
Aus eigener Erfahrung: Die Wiederholungswahrscheinlichkeit dieser Phase liegt bei 90%.
@zoomyboy: Harhar, klar, soll ich mal all die Blogposts raussuchen, die ich zu exakt dem Thema hier schon geschrieben habe? :-)
@Jeriko: Okay, da kommen wir der Sache dann schon etwas näher und da gebe ich dir auch Recht. Ja, man kann sich mit den Begriffen “Motivgestaltung” “Tiefenschärfe” und “Farbwahl” immer ein Bild und eine Bewertung von Fotos zurechtzimmern. Notwendig ist es aber nicht, denn der Inhalt sollte ja nicht für einen Fotografen und einen Nicht-Fotografen gleich ersichtlich sein.
Aber in jedem Prozess, in dem man etwas lernt, und damit meine ich hier Grundprinzipien zu verstehen und anzuwenden, wird man in den Dingen, die andere machen, genau diese Grundprinzipien auch vermehrt sehen – weil man selbst darauf in der Lernphase schaut. Und diese Lernphase kann kurz sein oder lang, und da sprechen wir nicht von der Fotografie.
Ich sehe das gleiche im Volleyball. Bevor ich in einem Verein spielte, war das Spiel an sich das einzige was ich davon hatte. Mit dem Moment an, von dem ich zum Training ging, war das Spiel geteilt in viele Dinge: Service, Annahme, Aufspiel, Angriff, Verteidigung. Und dann war das Spiel an sich nicht mehr ein gutes Spiel, sondern ein Spiel mit hervorragenden Angriffen, aber schlechten Services. Und genauso ist es beim Reitsport: Ich sehe das Pferd und den Reiter wie sie etwas machen. Ich sehe etwas, erkenne ob es für mich “gut” oder “schlecht” ausschaut, aber die technische Bewertung kann ich einfach nicht machen weil mir das Verständnis fehlt. Oder beim Wein: Wenn ich noch vor Jahren Wein trank, war er “gut” oder “schlecht”. Dann war er wegen langer Arbeit in Gastronomie auf ganz verschiedene Arten zu beschreiben. Und irgendwann, wenn all diese Dinge in Fleisch und Blut übergegangen sind, dann ist ein Wein wiederum nur mehr “gut” oder “schlecht”.
In all diesen Dingen ist es das Gleiche: Solange man sich in einem Lernprozess befindet, urteilt man über die Dinge, die man lernt viel diffizieler – weil man sich Tag und Nacht beschäftigt. Ist es in Fleisch und Blut übergegangen, denkt man über all die Dinge nicht mehr nach, dann beachtet man sie auch nicht mehr.
Deswegen ist die Kommentier- und Favourisierweise die du ansprichst nicht bedenklich – auf keinste Art und Weise. Ich denke, dass die meisten, die über Fotos in technischer Hinsicht diskutieren eher jung in “Fotojahren” sind. Irgendwann kommt auch der Moment, wo man diese Dinge nicht mehr sieht, und das ist nur eine Frage der Zeit.
@zoomyboy: Daraus besteht das Spannungsfeld, in dem gute Fotografie entsteht.