Montag, 06. September 2010

Filmentwicklung zuhause

Ein Gastbeitrag von Robert Bräutigam. Hauptberuflich im IT-Sektor zuhause, fotografiert aber privat seit seiner Kindheit. Mit 12 bekam er seine erste Spiegelreflexkamera (eine Zenit EM) mit der er hauptsächlich Astrofotografie an einer Volkssternwarte betrieb, wo die Eigenentwicklung von Filmen obligatorisch war. Durch Studium und Beruf rückte die Fotografie bis ca. 2004 ziemlich in den Hintergrund, aber durch Flickr bekam er dann wieder Lust eine Kamera in die Hand zu nehmen und begann einen anderen Blickwinkel auf Fotografie zu gewinnen. Er arbeitet hauptsächlich analog mit Mittelformat- und Kleinbildkameras, greift aber auch gelegentlich zur DSLR. Seine Bilder findet ihr auf Flickr und gelegentlich twittert er auch.

Mit der analogen Photographie ist es ja ein bisschen wie mit Apple: Man sagt ihr schon seit Jahren nach dass sie bald aussterben wird. Seit dem Wegbruch des Massengeschäfts kristallisiert sich jedoch eine langsam wachsende Gruppe unter den ambitionierten Amateurphotographen heraus: Liebhaber der herkömmlichen Photographie, die oft neben einer DSLR auch eine (oder dank Ebay mehrere) analoge Kameras verwenden.

Sobald der Film vollständig belichtet ist, stellt sich die Frage der Entwicklung. Es besteht die Wahlmöglichkeit zwischen Großlaboren (dm, Rossmann) oder Fachlaboren. Großlabore liefern preislich zwar annehmbare Resultate, jedoch sind diese oft mit einer Wartezeit über einer Woche verbunden. Fachlabore sind leider nicht weit verbreitet und arbeiten dann oft zu Preisen, die über dem Kaufpreis des Films liegen.

Selbst zuhause zu entwickeln kann daher eine reizvolle Alternative darstellen: es ist geldsparend (Kosten unter 50 Cent pro Film), zeiteffektiv (in 30-45 Minuten) und es besteht sogar noch die Möglichkeit das Ergebnis zu beeinflussen. So gibt es die Möglichkeit, mit einem speziellen Entwickler einen grobkörnigeren Effekt zu erzielen oder auf eine höhere Empfindlichkeit hin zu arbeiten, die so genannte Push-Entwicklung. Dazu ist keine Dunkelkammer nötig, sondern nur ein Grundsatz an Zubehör, das oft günstig komplett auf ebay ersteigert werden kann. Ich beschreibe im folgenden die Schwarzweiss-Filmentwicklung. Mit leichten Modifikationen kann die Beschreibung auch auf die Farbfilm-Entwicklung anwendet werden.

Eine Grundausrüstung besteht aus folgenden Komponenten:

  • ein sogenannter Filmwechselsack,
  • eine Filmentwicklungsdose (z.B. die klassische Jobo Drum 1520),
  • drei Plastikflaschen (für Entwickler, Stoppbad und Fixierer),
  • ein paar Messbecher (Mensuren, in der Größe 100ml, 500ml und 1000ml),
  • ein Filmdosenöffner (nur für Kleinbild),
  • ein paar Klammern zum Aufhängen,
  • ein Thermometer (beispielsweise ein Tee-Thermometer)
  • und die Chemie, bestehend aus:
    • einem Entwickler,
    • einem Stoppbad
    • und einem Fixierer.

Mein komplettes “Labor” passt in eine Pappbox. Die Chemie gibt es bei diversen Online-Händlern (z.B. www.fotoimpex.de), das Zubehör ist entweder gebraucht auf Ebay oder im gut sortierten (leider langsam aussterbenden) Fotohandel erhältlich. Etwa 50 Euro stellen ein gutes Startbudget dar.

Mithilfe des Filmwechselsacks ist der Film leicht ohne Dunkelkammer in die Entwicklungsdose zu bekommen. Ich verwende einen Wechselsack von Photoflex, der einerseits sehr viel Platz bietet, sich jedoch auch gut und platzsparend verstauen lässt.

Das Einspulen des Films ist meiner Meinung nach der schwierigste Teil der Prozedur, und jeder Anfänger ist gut beraten, dies ggf. mit einem billigen Testfilm aus der Drogerie im Trockenlauf (d.h. nicht im Filmwechselsack) auszutesten.

Neben der Entwicklungsdose wird bei Kleinbildfilm auch eine Schere im Filmwechselsack benötigt, da der schmale Anfangsteil des Films abgeschnitten werden muss, bevor der Film in die Entwicklungsdosenspule eingespult werden kann. Das Ende des Films ist oft mit einem Klebestreifen an der Spule befestigt oder irgendwie eingehakt, er lässt sich aber mit einem kräftigen Ruck von der Spule trennen.

Sobald der Film gemäß der Anleitung der verwendeten Entwicklungsdose eingespult, die Spule in dem Entwicklungstank der Dose und diese verschlossen ist, kann der Filmwechselsack wieder verstaut werden. Nun geht es zur eigentlichen Entwicklung, d.h. es folgen die Schritte Wässern / Entwicklung / Stoppbad / Fixierung / Wässern. Der Tank bleibt dabei natürlich die ganze Zeit verschlossen, zum Einfüllen und Entleeren nimmt man nur die dafür vorgesehene Kappe ab.

1. Wässern:
Hier wird der Film im Wasserbad (ca. 20°C) etwas eingeweicht. Einfach ein paar Minuten stehen lassen und mit dem Tank einige Male auf den Tisch klopfen, damit sich die Luftblasen vom Film lösen.

2. Entwicklung
Am Anfang rate ich dringend zur Verwendung eines typischen Standardentwicklers, beispielsweise Agfa Rodinal oder Kodak D-76. Rodinal, sicherlich einer der ältesten Entwickler am Markt, wird von Agfa Gevaert (gibts noch) in Belgien produziert und ist so ziemlich die billigste Methode um einen Schwarzweissfilm zu entwickeln. Je nach Konzentration belaufen sich die Kosten auf wenige Cent pro Film. Rodinal wie auch D-76 sind sog. “One-Shot”-Entwickler, d.h. sie sind nur einmal verwendbar. Auf http://www.massivedevchart.com sind für alle möglichen Film-, Empfindlichkeits- und Entwicklerkombinationen die Konzentrationen und Entwicklungszeiten aufgeführt. Die Zeiten dort sind üblicherweise für 20°C Entwicklertemperatur angeben. Diese Temperatur solltet Ihr so gut wie möglich einhalten (+/- 1°C). Die Chemie auf die richtige Temperatur zu bringen ist recht einfach indem der Entwickler einfach mit Wasser der entsprechenden Temperatur angerührt oder die Flasche in ein entsprechendes Wasserbad gesetzt wird. Der eigentliche Entwicklungsvorgang beginnt mit dem Einfüllen des Entwicklers in den Entwicklertank. Danach wird der Entwicklungstank einmal pro Minute für ca. 10 Sekunden oder alle 30 Sekunden für 5 Sekunden gekippt. Bei mir reichen die 10 Sekunden für 5 Kippbewegungen, Beispiele für diese Kippbewegung finden sich auf YouTube. Am Ende der Entwicklung sollte der Entwickler so schnell wie möglich ausgekippt und das Stoppbad eingefüllt werden.

3. Stoppbad:
Aufgabe des Stoppbads ist die Unterbrechung des Entwicklungsvorgangs, denn der verbleibende Entwicklerrest im Tank arbeitet bei Kontakt mit dem Film weiter. Also muss entweder sehr viel Wasser oder einfach ein fertiges, auf Zitronensäure basierendes Stoppbad verwendet werden, das so gut wie nichts kostet und präziser arbeitet. Dieses wird einmal eingefüllt, der Tank ein paar mal gekippt und dann kann das mehrfach verwendbare Stoppbad zurück in den Kanister.

4. Fixierung:
Als Fixierer kann jeder beliebige am Markt befindliche Fixierer verwendet werden, es gibt meines Wissens nach keine Auswirkung auf die Bildqualität sofern man ausreichend frische Chemie verwendet. Fixierer ist ebenfalls mehrfach verwendbar.

Für die Dauer der Fixierung gilt folgende Faustregel: Mindestens so lange fixieren wie entwickelt wurde, bei manchen Filmen etwas länger (beispielsweise TMax 400, den fixiere ich doppelt so lange). Befindet sich nach dem Trocknungsvorgang ein Grauschleier auf dem Film, sollte ggfs. Nachfixiert werden. Der Fixierer sollte ebenfalls bei Raumtemperatur sein.

5. Wässern:
Das abschliessende Wässern ist dazu da um die letzten Chemiereste vom FIlm zu spülen. Je besser bzw. länger gewässert wird, desto länger ist angeblich die Haltbarkeit und Archivierbarkeit des Films. Ich verwende einen zum Jobo-Tank passenden Sprudeleinsatz, der einfach am Wasserhahn angeschlossen wird.

Nach dem Wässern sollte der Film noch kurz in einen Meßbecher mit Wasser getaucht werden, dem ein Tropfen Spülmittel beigefügt wurde. Das setzt die Oberflächenspannung des Wassers herab und erleichtert das schlierenfreie Trocknen. Ich hänge meine Filme für ca. 2 Stunden im Bad an einem Regal zum Trocknen auf. Feuchter Film ist sehr empfindlich, die Emulsion kann leicht beschädigt werden. Ich verzichte aus dem Grund auch völlig auf den Einsatz von Abstreifern.

Das wars schon, euer erster Film ist fertig. Jetzt kann er gescannt oder mit Hilfe eines Vergrösseres davon Papierabzüge gemacht werden. Mit den gleichen Materialien können auch Farbfilme (Negativ oder Dia) selber entwickelt werden. Die einzigen Unterschiede zur Schwarzweissfilmentwicklung sind die höheren Temperaturen (über 30°C, müssen auch genauer eingehalten werden) und dass es mehr Zwischenstufen bei der Entwicklung gibt.

Hier noch drei Beispiele von eigenen Entwicklungen:

Und ein paar nützliche Links:

5 Kommentare

  1. Thomas

    Da ja jeder Selbstentwickler auf seinen Prozess eingefahren ist, gerade über das Stoppbad kann lang diskutiert werden, beschränke ich mich auf ein paar kurze Hinweise auf Dinge, die mir beim Lesen als mögliche Ergänzungen aufgefallen sind.

    Gerade beim Dosieren von Rodinal finde ich meine 25ml-Mensur für das Abmessen der kleinen Entwicklermenge (10ml pro Film) sehr hilfreich.

    Da sich die Jobo-Cascade nicht mit meinen Armaturen verträgt, wässere ich nach der sogenannten Ilford-Methode. D.h. Dose mit Wasser füllen, 5mal Kippen, Ausschütten. Wieder füllen, 10mal Kippen, wieder Ausschütten. Das ganze noch mit 20 und 40 mal Kippen wiederholen und die Filme sind bei weniger Wasserverbrauch auch sauber ausgewässert.

    Statt Spülmittel verwende ich für das Schlussbad Netzmittel z.B. Agfa Agepon. Ich mag keine Duft- und sonstigen Inhaltstoffe des Spülmittels auf meinen Filmen. Gerade in Gegenden mit kalkhaltigem Wasser hat sich demineralisiertes Wasser (das Zeug, das man im Supermarkt für das Dampfbügeleisen bekommt) für dieses Bad bewährt. Seitdem ich das verwende, habe ich keine Kalkflecken mehr auf dem Film.

    Bevor ich die Filme ins Bad hänge lasse ich vorher die Dusche kurz laufen. Der Wasserdampf zwingt die Staubteilchen in der Luft zuverlässig zu Boden.

  2. Tom

    Herzlichen Dank für diesen sehr erhellenden Beitrag! Nachdem jetzt bereits mehrmals meine SW-Filme nicht befriedigend im Großlabor entwickelt wurden und Fachlabore zu hohe Preise haben, bin ich erst letzte Woche von einem Fachlabor darauf hingewiesen worden, dass ich das doch günstig selbst machen könnte. (Nettes Fachlabor :)

    Ich werds wohl mal angehen!

  3. wolke

    ach ja, erinnert mich an vergangene zeiten im “fotoklub-orwo lebt!” – wie der name schon sagt, haben wir alte orwo filme mit alten chemikalien in alten apparaturen entwickelt und es war großartig. ein freund und mitglied des fotoklubs hat seine passion zur filmentwicklung auch während und nach seinem studium nicht vergessen und nun in einen alten kleinbus ein fotolabor eingebaut: http://www.veskogoesel.de/

  4. Björn

    Toller Artikel!
    Kommt genau zur richtigen Zeit!
    Bin auch drauf und dran mir ein Labor einzurichten,
    dann aber auch mit Vergrößerer.
    Finde die Ergebnisse aus dem Großlabor zu unbefriedigend und auch zu teuer.
    Fachlabor habe ich allerdings noch nicht getestet.
    Danke!

    Gruß Björn

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