
Auf dem Dach von tape.tv, nachdem das Konzert schon längst vorbei war, fummelten wir noch mit unseren Kameras rum – aus dem Kopf fallen mir zehn Kameras von acht Personen ein – und irgendwann kam auch die Frage auf, ob man Photographie lernen könnte. Klar! Oder? Ich lerne ja auch noch jeden Tag dazu, gerade bei der Analogphotographie gibts noch ein paar völlig neue Aspekte für mich, und fertig ist man doch eigentlich nie. Aber das war wohl nicht die Antwort, die mit der Frage beabsichtigt war.

Es ist doch so, die Technik hat man schnell raus. Sehr schnell sogar. Mit learning by doing, allein schon durch ausprobieren und vergleichen, und mit ein wenig Interesse fürs Photographieren kriegt man das alles ziemlich fix auf die Reihe. Aber es ist nur die Technik, und sie ist eigentlich der unwesentliche Teil. Ich kann die beste Ausrüstung haben, wenn mir das Auge für das Motiv fehlt nützt es alles nichts. Bis zu einem gewissen Grad kann man auch das lernen, sicher. Neulinge kriegen zum Beispiel schon recht früh die Rule of Thirds eingebläut, oder die diversen anderen Hinweise für gute Bildkompositionen. Aber dieser letzte Schritt, das, was einen aus der Masse rausstechen lässt, das Auge für das Motiv, nein, für das großartige Motiv, was nur die wenigsten erkennen können, das kann man nicht lernen. Damit möche ich übrigens nicht sagen, dass jede Aufnahme das Killermotiv haben muss, ganz und gar nicht, denn wie ich hier schon anmerkte, es geht um das eigene Profil, dass einen ganz genauso erkennbar macht. Und um den Spaß an der Sache, der sich nicht mit Technik messen lässt – jedenfalls nicht immer.

Hin Chua hat genau dieses Auge. Seine Photoserie They called me a corporate whore, die in der Zeit von 2005 bis 2007 entstanden ist, als er im Finanzviertel von London gearbeitet hab, ist stark. Voller Leben. Die kleinen, aber mächtigen Details der Straße. Die Natürlichkeit einer teilweise unnatürlichen Welt. Dass die Aufnahmen in schwarzweiß sind verstärkt den Gesamteindruck nur noch. Nehmt euch ein klein wenig Zeit, wirklich, denn jede Aufnahme verdient es, genauer betrachtet zu werden. Kaum zu glauben, dass Hin erst vor ein paar Jahren mit dem Photographieren angefangen haben soll… thanks an Too Much Chocolate für diesen tollen Fund!
Wahrscheinlich mag ich unter anderem auch deswegen Beauty-Photographie nicht: Sie ist pure Technik und lässt jede Natürlichkeit vermissen.
hej, wiedermal sehr treffend verfasst. ich kann leider nur zustimmen. und ich denke, dass sich dann wenn alle die technik beherrschen und trotzdem weiter machen und sich weiterentwickeln, die “echten” augen zeigen. wie du sagst, kann es jeder recht schnell lernen, gerade seit dem es digitalkameras gibt. aber dabei zu bleiben und sein auge zu schulen, dass ist die lange schule des fotografen. ich stehe aus diesen gründen auch etwas gespalten einem fotografiestudium gegenüber…
Um das gewisse Etwas in ein Bild zaubern zu können, braucht man das Gefühl dafür – den bestimmten Blick. Ich finde, dass Fotographie viel mit Leidenschaft und Gefühl zu tun hat – Technik wird dabei doch zur Nebensache! wenn man das, was man durch die Linse sieht fühlt, überwiegt das emotionale Talent der Technik – immer! hilfreich sind gewisse Techniken dabei nach wie vor – aber wo ist das nicht so… doch ist und bleibt das Gefühl – das Herz – die Schlüsselkomponente zu einem gelungenden Bild…
Im Endeffekt ist es meiner Meinung nach davon abhängig wen Du fragst. Fotografen, die für das Tagesgeschäft von Zeitungen fotografieren und Bilder von Pressekonferenzen, Polizeieinsätzen etc. liefern, werden Dir die Frage nach der Erlernbarkeit mit einem eindeutigen “Ja” beantworten. Die Technik ist erlernbar, die Optik, die von Zeitungen erwünscht ist, ist ebenfalls erlernbar und Motivwahl ist vorgeschrieben.
Fragst Du jedoch Fotografen, die Serien wie “corporate whore” (sehr schön übrigens) schießen, dann steht da ja ein ganz anderer Prozess dahinter. Das Thema ist selbstgewählt und benötigt Inspiration und Kreativität. Die Motive stehen nicht fest sondern sind davon abhängig im richtigen Moment das richtige Auge für die Situation zu haben. Also schon eher das, was Du beschreibst. Auch wird für solche Aufnahmen sicher die Nachbearbeitung ganz anders angegangen.
Dass aus beiden Herangehensweisen großartige Fotos entstehen können sieht man an Serien wie der von Dir verlinkten aber auch am Big Picture von boston.com oder der jährlichen Preisvergabe an das Pressefoto des Jahres. Ich denke tatsächlich, dass man “das Auge” erlernen kann. Man hat es natürlich einfacher, wenn man ein bisschen Menschenkenntnis und Intuition mitbringt, um Situationen einzuschätzen, aber wenn man nur lange genug fotografiert, wird man irgendwann “das Auge” für den richtigen Moment, den richtigen Winkel und das richtige Motiv entwickelt haben.
muss mich jetzt hier auch einmal zu Wort melden… verfolge diese Homepage jetzt schon einige zeit über meine rss feeds und bin immer wieder über die Artikel und Themen begeistert.
Habe von diesem Fotograf leider bis jetzt noch nie etwas gesehen und bin wirklich froh ihn über jeriko entdeckt zu haben – wirklich faszinierende Bilder mit einem sehr guten blick für das richtige Motiv – kann da nur zustimmen! Auch die anderen Serien finde ich wirklich großartig – after the fall ist wirklich sehenswert…
Zum Thema – kam auch erst vor relativ kurzer Zeit zur Fotografie und habe auch festgestellt, dass die Technik mit der notwendigen Begeisterung relativ schnell erlernbar ist – in der heutigen Zeit, durch das Internet, stehen
jedem genügend Möglichkeiten zur Verfügung, sich dieses Wissen anzueignen.
Das Auge – wie du es nennst – ist meiner Meinung nach, abhängig von Talent, Übung und Erfahrung… Da gilt es einfach, sich selbst zu motivieren, zu üben und sich weiter zu bringen…
Also, danke für den Artikel!