Freitag, 25. Juni 2010

Gute Photos kann man nicht erzwingen

Es gibt Sachen, da mag es sich lohnen, den inneren Schweinehund zu bezwingen. Beim Laufen zum Beispiel, diese eine Runde im Park noch dranzuhängen. Oder sich überhaupt zum Laufen aufzuraffen. Morgens doch schon nach dem fünften Snooze aufstehen, nicht erst nach dem zehnten. Oder gar nicht. Da lohnt es sich tatsächlich. Beim Photographieren? Nein.

Meine Abendplanung sah nichts vor, ich hatte allerdings auch nicht wirklich Lust auf irgendwas. Warum also nicht die Kamera schnappen und in den Abendstunden Berlin erkunden? Auf der Suche nach Locations habe ich also in Google Maps rumgeklickt, am Ende hatte ich eine Idee, wie ich das Kanzleramt in der goldenen Stunde eventuell schön in Szene setzen könnte, merkte aber hier schon, dass ich eigentlich gar nicht so richtig wollte. Egal, die gute Laune würde schon kommen, wenn ich da bin! Alles in den Rucksack gepackt, aufs Fahrrad geschwungen, es geht los. Aber schon bei der Hinfahrt zog es sich zu, und eigentlich war schon klar, dass aus der goldenen eher eine graue Stunde werden würde. Egal! Das wird schon!

Wurde es nicht. Denn anstatt der schönen Location vor einem malerischen Himmel bot sich mir eine graue Pampe und ein Kanzleramt, vor dem sich ein Baugerüst auftat. Ich glaube, die paar Menschen, die vor mir im Gras lagen und den Abend genossen mussten mich für irre halten, als ich leicht verzweifelt los lachte. Das kann doch nicht wahr sein! Scheisse! Und jetzt?

Der Hauptbahnhof war ganz in der Nähe. Irre, neben dem Brandenburger Tor und dem Alex sicher das meistphotographierte Dings in Berlin, da wird es mir doch sicher gelingen, noch einen ganz neuen Aspekt rauszuholen – eigentlich wusste ich noch vor der Aufnahme, dass das nichts wird. Egal! Stativ ausgepackt, Kamera drauf, losgeschossen, Ergebnis begutachtet. Aber egal was ich auch versuchte, entweder war der Himmel- über oder das Gebäude unterbelichtet – mal ganz davon abgesehen dass selbst mit der besten Nachbearbeitung das Bild immer noch totlangweilig geworden wäre. Das war jetzt schon klar. Egal!

Eine letzte Idee hatte ich noch, ein Winkel vom Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, der etwas ungewöhnlich ist. Die goldene Stunde ist mittlerweile dunkelgrau geworden, was aber keinen Effekt auf die Wärme hatte. Fahrradbedingt schwitzte und stank ich wie nichts, hatte schon längst keine Lust mehr, aber ich wollte dieses eine, verdammte, gute Photo. Am Ort der Wahl angekommen, wieder alles aufgebaut, und ein erstes Photo gemacht. Das Gebäude hebt sich kaum von der Umgebung ab, und mangels Beleuchtung hatte es exakt gar keine Highlights. Es blieb bei dieser einen Aufnahme. Egal!

Zuhause bewahrheite sich dann das, was ich eh schon erahnte: Nicht ein einziges der sage und schreibe elf Photos, die ich heute abend geschossen habe, ist etwas geworden. Sie sind schon längst im digitalen Nirvana gelandet. Besser ist das.

Und die Moral von der Geschicht’? Es ist nicht egal. Gute Photos kann man nicht erzwingen. Das ist die Lektion, die ich aus dem Abend mitnehme.

Photo: Foto Lervolino

9 Kommentare

  1. Jeriko

    Dass “gut” im Auge des Betrachters liegt weiß ich natürlich – aber glaubt mir, die waren echt nichts.

  2. Herr Olsen

    Mag sein, dass man gute Fotos nicht erzwingen kann – “Unverhofft kommt oft” gilt aber ebenfalls. Deshalb ziehe ich im Zweifel trotzdem los.

  3. zimtsternin

    Tja mein Lieber. Ich würde dann mal sagen, dass deine eigenen Ansprüche gestiegen sind.
    Bei mir ist das aber auch so. Es gibt Tage, da läuft es dann jedoch trotzdem. Da ist noch irgendwie was da. Und es gab aber auch schon Treffen, da hab ich meine Kamera gar nicht ausgepackt, weil ich wusste, dass es für mich keinen Sinn macht. Und das habe ich auch nie im Nachhinein bereut. Gibt’s einfach.

  4. Jeriko

    Jep, gibt solche und solche Tage. Gestern war eben ein solcher, an dem einfach gar nichts gelingen wollte. Der nächste wird schon wieder besser werden :-)

  5. Laney

    mir ist schon lange kein gutes foto mehr gelungen :-(
    ich erzwinge aber auch nix. ist halt manchmal so..

  6. wax

    Diese Lektion musste ich schon selbst oft lernen. Lustigerweise habe ich es trotzdem immer wieder erzwingen wollen. Die Enttäuschung danach ist meist recht gross. Irgendwann habe ich es kapiert und es gelassen. Dummerweise habe ich nun seit Monaten die Kamera nicht in der Hand gehabt. Die Unlust wächst und wächst und ich habe keine Ahnung was ich dagegen tun kann.

  7. Patricia

    Beim nächsten Mal laufen Dir lauter tolle Motive vor die Linse – wie sagt es Lisa Simpson: “Im Leben gleicht sich alles aus.”

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