Bisher habe ich mich erfolgreich davor gedrückt, vor allem wohl, weil ich einfach Schiss hatte, was in einem ungünstigen Fall passieren würde. Ich hab mir einfach eingeredet, dass mit dem mir zur Verfügung stehenden Arsenal an Brennweiten sowas ohnehin nicht möglich wäre, schließlich will man die Menschen in den meisten Fällen ja in einem unbeobachteten Moment erwischen. Aber diese Woche kam einfach alles zusammen: zum einen ein Tele-Objektiv, dass es mir ermöglicht, aus einer gewissen Entfernung heraus zu agieren, auch und vor allem aber die Mails mit Dom Cruz, der mir sehr ausführlich erzählte, wie er an Menschen heran geht, und der mir damit auch ein wenig Mut gemacht hat. Karma wollte es wohl so. Und mir wird schon keiner den Kopf abreissen. Hoffentlich.
Die Sonne schien und die Ecke ums Brandenburger Tor herum war entsprechend gut mit Menschen gefüllt. Mein Gedanke war, dass Touristen ja auch alles und jeden photographieren, und wie du mir so ich dir, oder so ähnlich. Für mich ganz klar, jeder sollte wissen, dass er gerade von mir photographiert wurde, ich hoffte nur bei allem, was mir lieb ist, dass ich es jedem erst im Nachhinein sagen müsste, anstatt auf frischer Tat ertappt zu werden. Tja, Pech gehabt.

Sie stand auf der anderen Straßenseite an einer roten Ampel, und eigentlich hätte mir ja klar sein müssen, dass sie sofort sieht, was ich da veranstalte. Sauber mitgedacht Christoph, ganz groß. Mein Herz rast, ich gehe die Optionen durch: so tun, als wäre nichts gewesen, an ihr vorbei gehen und weiter machen? Keine Chance. Wegrennen? Ja klar, wie steh ich denn dann da? Die Vorschau erscheint im Display, sie hat direkt in die Kamera geschaut. Natürlich. Okay, es gibt nur noch eine Möglichkeit. Ich gehe direkt auf sie zu und spreche sie an, nicht umgekehrt. Ich lächle, oder zumindest versuche ich es, versuche freundlich zu wirken und sehe dabei wahrscheinlich wie ein Idiot aus. Hi, ich hab sie gerade photographiert, ob das okay wäre? Ihr Skepsis wich schnell Interesse, wir unterhalten uns kurz, zeige ihr die Aufnahme, erkläre ihr kurz, was ich damit vorhabe und gebe ihr am Ende meine Karte. Sie lächelt, während sie weiter geht. Wenn mein Adrenalinpegel sich nicht bald wieder beruhigt, fange ich an zu hyperventilieren. Ruhig jetzt, ist doch alles gut gegangen! Feuerprobe bestanden.

Es wurde einfacher. Das mit dem Adrenalin wollte sich zwar nicht legen, aber es war leichter, die Worte zu finden, auf die Menschen zuzugehen, mit ihnen zu reden. Im Nachhinein betrachtet war es, denke ich, sogar ein bisschen mehr als nur ein Photo. Immerhin habe ich die Personen ja nicht nur durch die Kamera kurz kennengelernt, sondern auch von Angesicht zu Angesicht. Ich will nicht behaupten, dass es nie Probleme geben wird, so naiv bin ja nicht mal ich, aber mit Freundlichkeit und Offenheit über das, was man da tut, kommt man schon echt weit. Das habe ich für mich heute mitgenommen.
Ein paar weitere Aufnahmen gibt es bei Flickr