Freitag, 14. Mai 2010

Victoria Holguín und meine Gedanken zur Privatsphäre in der Photographie

Verrückt, eigentlich wollte ich Victoria Holguín hier im Zusammenhang mit ihren Photos von Bogota vorstellen, die die Farbenpracht von Kolumbiens Hauptstadt zeigt und sie damit in einem ganz anderen Licht erstrahlen lässt. Aber dann sind mir in ihren Photostream die Bilder ihrer “Partes“-Serie aufgefallen, die mich über die Privatsphäre von Menschen hat nachdenken lassen.

Es ist ja so, dass jeder Mensch eine persönliche und eine intime Zone um sich hat, in die ein Fremder nicht eindringen darf oder sollte, es sei denn, er kriegt die Einwilligugn dazu. Es gibt ganze Beiträge darüber, wieviel Distanz wir zu Personen in bestimmten Situation wahren sollen, um nicht unangenehm zu wirken. Ich bin da ein wenig ambivalent eingestellt, generell steigt mein Blutdruck aber auch ganz gut an, wenn Personen sich einfach so in meine intime Zone begeben (bei manchen würde ich es mir natürlich auch wünschen…). Bestes Beispiel war, wenn früher Arbeitskollegen meine Arbeit begutachtet haben, dabei aber ihr Gesicht fast schon auf meiner Schulter geparkt haben. Ich habe allergrößten Respekt vor der Privatsphäre eines Jeden, erwarte das im Gegenzug aber auch von anderen bei mir.

Worauf ich aber hinaus will ist diese Einwilligung, die ich oben genannt habe. Jeder muss für sich entscheiden können, wieviel er bereit ist, mit anderen zu teilen. Dann gibt es aber beispielsweise den Bereich der Street Photography, in dem einen diese Entscheidung häufig abgenommen wird, was ich problematisch finde. Ich hatte erst vor kurzem in meinem Feedreader einen Photographen, der ganz fantastische Straßenaufnahmen von einzelnen Personen mit einem Teleobjektiv gemacht hat, Momentaufnahmen eben, die fast wie aus einem Film wirkten. Ich habe mich dann aber dagegen entschlossen, ihn hier zu zeigen, weil er die Personen auch danach nicht wissen lässt, dass sie gerade photographiert wurden. Ich gehe da von mir aus, nur weil ich mich in der Öffentlichkeit befinde heisst das ja nicht, dass ich von alles und jedem abgelichtet werden will. Nicht ohne Grund stelle ich meine Photos, auf denen Personen klar erkennbar sind, unter ein Copyright anstatt unter Creative Commons (das ist übrigens auch der einzige Grund), einfach weil ich nicht möchte, dass mit dem Vertrauen, dass mir Menschen entgegen gebracht haben, in dem ich sie photographieren durfte, Schindluder betrieben wird.

Vor diesem Hintergrund fand ich die Photos von Victoria unglaublich spannend, da sie sozusagen eine Gratwanderung darstellen. Ja, wir befinden uns längst in ihrer intimen Zone, aber nur, weil sie es gestattet und weil sie allein immer noch bestimmt, wieviel davon preis gegeben wird – Teile eben, Partes. Das Photo ganz oben drückt diesen Sachverhalt perfekt aus: Stop, bis hierhin, aber kein Stück weiter. Natürlich weiss ich, dass das auf jedes Photo mit Personen darauf zutrifft, und unterschwellig habe ich den Gedanken ja eh schon immer gehabt, aber es ist mir erst hier so richtig, wirklich bewusst geworden.

Wie sieht ihr das? Mach ich mir zuviele Gedanken? Berechtigt?

Victoria Holguin hat einen Photostream bei Flickr sowie ein Portfolio bei Behance, außerdem befüllt sie noch ein Tumblelog.

6 Kommentare

  1. w

    nö, du machst dir definitiv nicht zu viele Gedanken. Super Artikel, danke.
    Besonders interessant finde ich ja beri dem Wikipedia-Link , daß es je nach Nationalität ganz unterschiedlich große durschnittliche Intimdistanzen gibt.

    Und irgendwann fällt mir auch das andere Wort für Intimdistanz wieder ein…

  2. Ralf-Jürgen Stilz | photoappar.at

    Ich mache das mit den CC-Lizenzen und Fotos mit Personen drauf genauso. Falls man nicht ein Modell-Release hat, das eindeutig CC-Lizensierung der Fotos vorsieht, sollte man sowieso recht vorsichtig sein.

    Street Photography scheint besser zu funktionieren, wenn sich das Modell nicht beobachtet fühlt. Und hinterher um Erlaubnis zu fragen, macht eben mehr Arbeit. Tut man das nicht, ist man – zumindest hier in D – aufgeschmissen. Ob das gut oder schlecht ist, weiss ich gar nicht so genau. Irgendwas dazwischen wäre wahrscheinlich optimal.

  3. Jeriko

    @Ralf-Jürgen Stilz | photoappar.at: Unbeobachtet finde ich (erst mal) völlig in Ordnung, es soll ja in den meisten Fällen eine natürliche Situation festgehalten werden. Es hat für mich aber auch mit Respekt zu tun – den rechtlichen Aspekt habe ich ja völlig außen vor gelassen – dass ich die Person wissen lasse, dass sie eben photographiert wurde, und ihr damit auch die Möglichkeit gebe, entscheiden zu können, ob das für sie okay ist oder nicht. Und das bisschen Mehrarbeit mache ich gerne.

  4. Jenny

    Ich – als Nicht-Fotograf – stimme Dir da völlig zu. Ich sehe es aus dem gleichen Grund wie Du: Ich wollte nicht irgendwo plötzlich mein Foto wieder entdecken (vor allem mal im Netz), von dem ich nichts weiß. Einfach so etwas ohne jegliche Einwilligung zu zeigen, finde ich der Person über respektlos.

    (Und auch so, weit weg von der Kunst, finde ich das unverschämt. Facebook, Blog und so Kram.)

    Und das mit der intimen Zone, ja. Definitiv. Ganz schlimm sind auch Menschen, die einen dauernd anfassen müssen. Nur mal so.

  5. Ariana

    Ein sehr interessanter Beitrag – ich habe über die verschiedenen Distanzen noch nie im Zusammenhang mit der Fotografie nachgedacht. Ich denke gerade durch die Fotografie verschieben sich die möglichen Distanzen wieder ein bisschen – wenn z.B. ein Unterwäschemodel sich von mir sehr nahe ablichten lässt, so befinden sich die Betrachter später zwar physisch sehr weit weg von ihr – dringen jedoch dennoch in ihre Privatzone ein. So etwas regt zum Nachdenken an.

  6. Andi Licious

    Aloha,
    also ich mag die Bilder sehr, auch viele weitere aus dem Stream. Ich mag sowieso Bilder sehr, bei denen einfach nur Teile des Körpers gezeigt werden, Anschnitte. Ich finde das bringt jede Menge Spannung mit sich. Wie auch in diesem Fall. Daumen hoch & danke schön :)

    Cheers, Andi

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