Donnerstag, 22. April 2010

Das Original

Vor zwei Wochen wurden in Berlin die Gewinner und Nominierten der letztjährigen Sony World Photography Awards im Rahmen einer Vernissage ausgestellt, zu der ich freundlicherweise ebenfalls eingeladen wurde. Allesamt fantastische Aufnahmen, jeder ein Meister seines Genres. Und ich war hocherfreut darüber, unter all den Photos auch das Bild von Tony wieder zu entdecken, dem Heroinsüchtigen aus Vancouver, portraitiert von Claire Martin, ihn bzw. die Aufnahme mal einem völlig anderen Umfeld zu sehen. Und wie toll es doch wäre, das Original an meiner Wand hängen zu haben. Und im nächsten Moment musste ich darüber schon wieder nachdenken.

Was ist überhaupt das Original?

Also, gibt es das Original in der digitalen Photographie überhaupt? Bei Gemälden, klar. Ein Künstler hat es gemalt, und mag es auch völlig exakte Kopien davon geben, so wird es immer nur dieses eine Original geben, an den der Künstler selbst den Pinsel, Stift oder was auch immer angelegt hat. Es ist einfach völlig unmöglich, dass es von einem Motiv ein zweites Original gibt. Sammler zahlen ja genau aus diesem Grund riesige Summen, es geht ihnen auch um das Original, nicht nur um das Motiv. Oder um es kurz zu machen: Original und Kopie ist hier klar definiert.

Bei der analogen Photographie würde ich das auch noch so halb bejahen. Also, sicher wird das Ergebnis einer Negativentwicklung jedes Mal ein kleines bisschen anders sein, trotzdem besitze ich als Photograph ja immer noch die Negative und kann sozusagen die erste, die echte Kopie machen, und gleichzeitig auch kontrollieren, wieviele erste, wieviele echte Kopien es geben soll. Alles danach sind zwar auch Kopien, aber egal wie gut die Maschine dahinter ist, es wird immer Verlust geben, bis zu einem Punkt, an dem man schon klar sagen kann, es handelt sich um eine Kopie. Spontan fällt mir das Beispiel Cory Arcangel ein, der Iron Maiden’s The Number Of The Beast 666x hintereinander als MP3 kodiert hat. Das klingt dann so:

Und in der digitalen Photographie? Dort gibt es keinen Verlust, selbst die 1000te Kopie der 1000ten Kopie wird immer noch exakt so aussehen wie das erste Photo, da es bei dem Prozess nicht mehr um den Inhalt, das Motiv geht, sondern nur noch um Nullen und Einsen. Ich stelle meine Bilder fast in Originalgröße bei Flickr ein, mindestens jedoch groß genug, dass sich jeder davon einen Abzug in A4 drucken könnte – also hat nicht jeder von euch ein Original?

Ich bemerke bei meinen Gedanken, die auch noch weit darüber hinaus gehen, die ich aber irgendwie auch nicht wirklich geordnet kriege, gewisse Parallelen zur Urheberrechtsdiskussion, die im Moment in Deutschland ganz gut wütet, andererseits kann ich mit meinen Annahmen ja auch völlig falsch liegen. Wie seht ihr das? Gibt es das digitale Original?

10 Kommentare

  1. Pierro

    “I like” Deinen Gedankenansatz. Zum Beispiel ist es bemerkenswert, welche Bildergebnisse man mit
    der schlichten iPhone Cam erzeugen kann. Alle samt an sich ein Original. Via email,
    was auch immer, versendet man “nur” eine Kopie dessen, denn das Original im herkoemmlichem Sinne
    waere meiner Ansicht nach, die digitale Bilddatei samt den Meta Exif Daten …

  2. Yannick

    Diese doofe Bild da oben musste ich über 1 Jahr im Kunst Jahreskurs behandeln. o_O

  3. Volker

    Ich denke, dass es “das Original” immer noch gibt. Zumindest in der Kunst, wo der Künstler ja mit dem Verkauf der Original sein Geld verdient. Ich denke, dass es sich gar nicht so sehr von der analogen Zeit unterscheidet. Die Bilder werden als Unikat (Print) einmalig oder in kleinen Printserien verkauft. Den Weg ins Netz findet die Datei nur in einer Auflösung, mit der sich keine nennenswerten Prints erstellen lassen.
    Die Handelware auf dem Kunstmarkt ist immer noch das gedruckte Foto. Und es liegt am Künstler, zu gewährleisten, dass seine ursprüngliche Datei nicht kopiert werden kann. Und wenn er sie dafür in einem Bankschließfach einschließen muss.
    Für alle anderen Bilder gebe ich dir Recht. Hier verschwimmt der Original-Gedanke doch ziemlich.

  4. Stephan

    Ich hab mir ja genau das Bild gekauft, bei dem du jetzt auch überlegt hast. Und das ist nochmal ein anderer Fall. Claire hat das Bild mit ihrer Hasselblad aufgenommen, die Negative gescannt und dann Digital gedruckt. Claire hat mir damals geschrieben, dass sie das Foto in verschiedenen Größen druckt, aber von jeder Größe “nur” 30 Stück.

    Für mich stellt sich das Original in diesem Fall noch anders dar. “Original” ist es, weil ich es direkt von der Fotografin bekommen habe. Es ist original weil es das erste professionelle Foto ist, das ich gekauft habe. Ich habe direkt mit Claire kommuniziert, mit ihr verhandelt, habe das Bild beim Zoll abgeholt und denen gezeigt, dass es keine Drogen sind und leise gelacht als ich den Rahmen des Bildes bei IKEA wieder erkannt habe.

    Sicherlich kann man das auch strikt wissenschaftlich definieren. Ich möchte aber diesen emotionalen Ansatz auch mal ins Spiel bringen. Die Erinnerungen die ich mit dem Bild verbinde machen Sie für mich zu einem Original und sein Wert ist (neben dem Geld was ich bezahlt habe) zu 90% der sentimentale Wert aus.

  5. Jeriko

    @Volker und @Stephan: Okay, wenn man auf den Printbereich zurück geht relativiert sich das ganze schon wieder etwas, stimmt. Vielleicht liegt es auch an mir, aber ich verbinde mit Original eben auch Unikat, also einzigartig, also einzig, eben so, wie es bei Gemälden der Fall ist. Und es hat ja auch nichts, aber auch gar nichts mit dem Motiv an sich zu tun, eine Kopie vermittelt ja auch das gleiche Bild.
    Ich habe mich eben nur gefragt, ob im digitalen Zeitalter mit der stets 100% gleichen Kopie das Original sich, also als Ursprungsbild überhaupt noch vorhanden ist, will das aber ganz bestimmt nicht mit dem Wert, sei es materiell oder ideell, gleichsetzen!

  6. Stephan

    Hm … ich bin versucht ja zu sagen, aber je länger ich drüber nachdenke desto sinnloser wird der Begriff Original. Ich finde es aber auch schwer das vom Wert zu trennen. Man könnte jetzt sehr penibel sein und so argumentieren, dass das Original das erste Paket Daten ist, welches dieses Bild repräsentiert, ergo die RAW-Datei auf dem Fotoapparat. Dann wäre aber schon das Bild, welches sich der Fotograf auf die Festplatte zieht eine Kopie. Das interessante an RAW-Dateien ist dann aber wiederrum, dass diese an sich, ohne einen relativ spezielles Programm, welches diese anzeigen kann noch kein Bild ergibt. Außerdem ist es noch vollkommen variabel, eben wie bei einem negativ kommt es da auf die “Entwicklung” an, erst danach hat mein ein definiertes Bild mit festgelegten Attributen à la Weißabgleich, Belichtung etc. JPGs können aber auch nur von bestimmten Programmen dargestellt werden …

    Meine Fresse da könnte man ja stundenlang weitermachen. Ich denke aber man muss sich hier mal verschiedene Szenarien vor Augen führen und bis ins Detail durcharbeiten um sich dann für eins entscheiden zu können.

  7. tobi

    Natürlich gibt es ein Original, das ist das was die Kamera aufnimmt, sei es nun JPEG oder RAW. Aber es gibt auch Kopien, und in der Hinsicht ist es so, wie es auch im gesetzestext heisst: Verlustfreie Kopiermethode. Eher also schon ein Klon, eine exakte 1-zu-1 Kopie.

  8. DerBenni

    Mal Abseits der eigentlich Digital-Frage: Was ist eigentlich wenn ein Maler das gleiche Bild mehrmals malt, so wie Munch bei seinem “Schrei”? Das sind dann beides Originale, die sich kaum unterscheiden, aber eben doch irgenwo?
    Könnte man dann auf die Fotografie übertragen mit zweimal direkt hintereinander auf den Auslöser drücken…

  9. sesc

    Also ich würde die RAW Datei aus der Kamera mit dem Negativ gleichsetzen und die daraus entwickelten Bilddateien als Originale. Erst wenn die Auflösung oder Bildqualität (z.B. durch Kompression) verringert wird kann man ja eine Kopie als solche erkennen und auch erst dann macht es einen Unterschied ob man ein Original oder eine Kopie des Bildes hat.
    Ein Druck ist für mich nur Original, wenn er vom Fotografen stammt, da dieser dann das Labor, Papier/Leinwand etc. ausgesucht hat und ich davon ausgehen kann, dass der Druck auch der Vorstellung des Fotografen entspricht. Interessant fände ich es allerdings, wenn jemand eine gedruckte Kopie anfertigen lässt, die durch andere Material-/ Entwicklungsart einen anderen Effekt erzielt, ist das dann schon ein Remix?
    Zusammengefasst gibt es für mich im digitalen Zeitalter also nicht mehr DAS Original aber in bestimmten Fällen immer noch einen Unterschied zwischen Original und Kopie.

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