
Susan aus Edinburg stellt eine durchaus berechtigte Frage, ob wir nicht irgendwann besessen sind davon, alles in Bildern festzuhalten, dass wir an einen Punkt gelangen, an dem wir nur noch schauen, aber nicht mehr leben? Busted. Teilweise jedenfalls. Habe ich meine Kamera bei mir, und das ist mittlerweile fast jeden Tag der Fall, so erwische ich mich gerne dabei, wie ich mehr nach möglichen Motiven Ausschau halte als, naja, das was ich eigentlich tun wollte. Ich finde es nicht schlimm, ganz im Gegenteil, eigentlich nehme ich meine Umwelt dadurch ja bewusster wahr. Aber ich denke auch nicht, dass sie das damit sagen wollte.
Das Photo da oben kommt von Susan. Schauen wir nur, so sehen wir eine verschwommene Aufnahme, die bei den meisten von uns wohl im Papierkorb gelandet wäre. Und dann lese ich die Bildüberschrift, “The street where I used to live“, und auf einmal ist es großartig. Verschwommene Erinnerungen, nicht nur an den Ort, aber an längst vergessene Zeiten. Ich habe tatsächlich versucht, Details ausfindig zu machen. Hat natürlich nicht geklappt.

So schön, und doch ein kleiner Schlag in meine Magengrube. Ein Bild kann mehr als tausend Worte sagen, nur können diese Worte für jeden anders sein.
Nur zwei Beispiele aus dem Flickr-Stream von Susan aka Tiny Evil Hog, den ich euch wirklich ans Herz legen kann. Fast 2.700 Photos aller Art, fast täglich kommen neue dazu, fast jedes kann eine kleine Geschichte erzählen. Viel Spaß beim Lesen. Und thanks a lot an Yewknee für diesen fantastischen Fund!
Aloha,
wie, du würdest derart tolle, unscharfe Aufnahmen wegschmeißen?
Okay, vor drei, vier Jahren hätte ich das wohl auch noch getan, wo auch bei mir noch alles knackscharf sein MUSSTE und nur geringste Abweichungen von der Norm ein klares No-Go waren… doch der Stil ändert sich, der Mensch ändert sich. Mir gefällen ihre Bilder richtig gut, hatte ich sie sogar schon unter meinen Buddies… sie trifft genau meinen Geschmack. :)
Viele Grüße, Andi
Einer der schönsten Tage in meinem Argentinienurlaub war, als ich die Kamera morgens im Hostel vergessen habe und nicht mehr alle 100 Meter zum fotografieren halten musste.
Wie war der Urlaub? – Keine Ahnung, die Bilder sind noch in der Entwicklung… (uralter Witz aus Analogzeiten).
Hab den “Ich. Muss. Alles. Fotografieren”-Zwang zwar noch nicht so ganz erfolgreich abgelegt, aber immerhin schon deutlich reduziert. Und was soll ich sagen? Es ist einfach unglaublich entspannend. Und das erste Unscharf-Bild gefällt mir total, auch ohne Überschrift.
Hatte demletzt bei The Notwist das selbe Gefühl. Ich hatte alles dabei, 2 Objektive, 3200er Filme etc pp. Aber dann war das Konzert einfach zu großartig, um da vorne rumzuhampeln und nicht mehr auf die Musik achten zu können.
@Andi Licious: das meine ich ja mit Schauen vs. Leben. Im Moment würde ich es wohl einfach nur anschauen und als misslungene Aufnahme betrachten. Das Storytelling kommt hoffentlich mit der Zeit.
@Pablo: :-)
@r0ssi: Photos anderen zeigen ist davon ja unabhängig, denn ein Bild kann ja wirklich mehr sagen als tausend Worte. Aber der Urlaub (oder was auch immer) sollte ja erst mal genossen werden, Photos kommen danach. Ich denke gerade an längst vergessene Abende mit Kumpels, wo ich auch nur mit der Knipse rumgelaufen bin, anstatt erst mal meinen Spaß zu haben.
@Lia: Ich noch nicht. Kommt aber noch :-)
@Tom: So ging es mir bei der re:publica, obwohl da eher technische Grenzen das Problem waren. Am Ende wollte ich aber auch lieber die Zeit genießen als ständig nur Photos zu machen.
@Jeriko: Hab mal noch bissl gegrübelt. Ich denke, der Moment, wo mir das das erste Mal so richtig aufgefallen ist, dass Fotografieren unangebracht ist, war, als an einem Silvester von einem Abend insgesamt 2000 Fotos rumschwirrten (6,7 Kameras auf 30 Leute). Seitdem sind zumindest Parties bei uns mit einem weitgehenden Fotografieverbot belegt :)
Sowas finde ich auch spannend. Gerade das erste Bild mit diesem wunderbaren Titel, ganz groß.
Sehr schöner Beitrag!
Ich nehme meine Kamera übrigens NIE mit. Also ausser, wenn ich explizit zum Fotografieren das Haus verlasse. Das funktioniert ganz gut.
Ein sehr interessantes Thema, das du da ansprichst. Früher hatte ich tatsächlich das Gefühl, vor lauter Fotografieren selbst gar nicht mehr an der Situation teilhaben zu können. Inzwischen hat sich das aber gebessert. Teilweise erkenne ich einfach auch schon vor dem Einstellen und Abdrücken, ob sich das Motiv lohnt oder nicht. Ich bin, wenn man so will, etwas effektiver geworden.
Andererseits kann ich nicht behaupten, dass der Ärger, die Kamera zuhause liegen gelassen zu haben und einer genialen Aufnahme zu entgehen, erträglicher ist.