
Ich habe Into The Wild nur angefangen, weil ich Emile Hirsch mag. Wirklich, ich halte ihn für einen guten Schauspieler, ich mochte ihn in The Girl Next Door, in dem übrigens auch die bezaubernde Elisha Cuthbert mitspielt, und der mehr ist als nur eine blöde Teenie-Liebeskomödie oder ähnliches ist, ich habe ihn geliebt als Jay Adams in Lords of Dogtown, der in einer imaginären Top 10 Liste meiner Lieblingsfilme ganz bestimmt auch auftauchen würde, ich fand ihn überzeugend in Alpha Dog, was ich übrigens auch von Justin Timberlake sagen kann… wo war ich? Richtig, ich mag Emile Hirsch. Und deswegen habe ich Into The Wild geschaut. Ich wusste, bis auf die Kurzbeschreibung, nichts.
Ich wollte Alexander Supertramp sein. Ich will es immer noch. Es gibt diese Tage, an denen ich mich wie Christopher McCandless fühle, der ausbrechen will, all das hinter sich lassen, woanders von vorne anfangen. Ich bin in den letzten Jahren mehrmals umgezogen, wohne an Orten, lebe dort aber nicht. Ich besitze nicht viel. Ich kann es nicht genau sagen, aber manchmal bilde ich mir ein, dass ich diesen unterschwelligen Gedanken habe, es wäre, weil ich irgendwann wirklich neu beginnen will. Ich hatte dieses Gefühl bereits einmal, damals, als sich mein Studium gerade verabschiedet hat, Wohnung und Freundin weg waren und ich auf der Couch meines besten Kumpels geschlafen habe. Viele wären in dem Moment vielleicht in Panik geraten, ich konnte glücklicher nicht sein, war ich doch bis auf ein paar Dokumente frei. Und ich habe allen Ernstes zu diesem Zeitpunkt überlegt, auszuwandern. Naiv, ich weiß. Andererseits…

Hate to think of a wild man like you in a cage
Es gibt eine kurze Stelle in dem Film, in dem Alexander seinem Freund Wayne einen Brief schreibt, der gerade vom FBI festgenommen wurde, und der mit diesen Worten beginnt. Mit Cage ist in dem Fall tatsächlich etwas physisches, die Gefängniszelle gemeint, für mich bedeutet dieser Satz aber viel mehr, er drückt den ganzen Film aus, die ganze Einstellung Supertramps, der symbolische Ausbruch aus einer Welt, die uns einschränkt, die wir vielleicht gar nicht wollen. Der goldene Käfig, sozusagen. Und auch wenn mir klar ist, dass Gail Albert Halaban mit seiner Photoserie “Out My Window NYC” etwas völlig anderes im Sinn hatte, die Verbindung zwischen der Privatsphäre eines jeden einzelnen mit dem unpersönlichen Ganzen, dass eine Stadt erst mal ausmacht, gleichzeitig aber auch jeden Menschen definiert – mir kam als allererstes dieser Satz aus Alexanders Brief wieder in den Sinn. Und das ist das Schöne: Photos, Photoserien, sie können für jeden etwas anderes bedeuten. Und ich wurde wieder an den für mich wichtigsten Film erinnert.

Die ganze Serie gibt es im Portfolio von Gail Albert Halaban. Gefunden bei Exposure Compensation.
Ich finde, Into The Wild und alles was mit dieser Story zusammenhängt ist verdammt überromantisiert und falsch. Und es gibt den falschen Eindruck der Dinge wider. Der Typ war ein Egobolzen ohne Erfahrung oder Vorbereitung, und genau dafür wird er gefeiert.
Das heisst nicht, dass der Film schlecht war. Aber diese Romantik und dieses Heldentum und dieses “einer hat’s halt geschafft” geht mir tierisch auf die Nerven.
.. übrigens hast du da aber einen wunderbaren Zusammenhang zwischen Fotos und Film gefunden. :)
Ich kann ja und glaublich gut oberflächlich sein. Into The Wild ist ein grandioser Film weil: die Musik von Eddie Vedder stammt, man jede Sekunde des Films auch ausdrucken und als Poster an die Wand hängen könnte, die Story sehr packend ist, und weil Eddie Vedder die Musik dazu beigesteuert hat. Ja, das ist doppelt wichtig.
Ich wollte auf dem Weg aus dem Kino aber weder meine Tasche packen, noch sonstwas, sondern nur zwei Bier trinken, ich war durstig.
@S: Genauso wie Che Guevara heute als Held der Revolution gefeiert wird, auch wenn er gnadenloser Kommunist war und im Vorfeld wusste, dass Bolivien ihn umbringen wird, so dass man ihm Naivität vorwerfen kann. Trotzdem ist er ein interessanter Mensch gewesen. Es ist, denke ich, immer eine Frage der Perspektive. Und ob er ein Egoist war, keine Ahnung – macht es ihn denn zu einem, wenn er seinen Traum verfolgt?
@Kai Müller: Vielleicht hätte ich den Film unter anderen Umständen anders aufgenommen, mag sein (und ich weiss, dass so ein Satz unfassbar kitschig und dämlich klingt…). Ich will ja auch nicht den Kampf gegen die Maschinen beginnen, bloss weil ich Terminator für einen guten Actionfilm halte. Aber bis zu dem Zeitpunkt wurde mein Leben weitestgehend durch andere bestimmt und gelenkt, und Into The Wild stellte dazu einfach den krassen Kontrast dar. Im Nachhinein bin ich froh, wie alles gelaufen ist, ja, und ich hätte mich auch sicher nicht an Supertramp orientiert (DAS wäre nun wirklich blöd!), aber für einen kurzen Moment war Spanien wirklich verlockend.
Für mich auch einer der wichtigsten Filme, aber aus einem anderen Grund. Als ich ihn sah, beeindruckte mich, dass McCandless seine Unzufriedenheit nicht einfach runterschluckt und sein Luxusleben weitergelebt hat, sondern nach seinen Prämissen handelte, dabei auf alle möglichen gesellschaftlichen Privilegien verzichtete – bis zu letzten Konsequenz. Wie er das letztlich getan hat, mag fragwürdig sein, aber dass er sich nicht beirren, aufhalten und anpassen lassen hat, ist großartig. ‘Wenn ich doch auch nur ein bisschen mehr danach handeln könnte, was mich glücklich und unglücklich macht’, dachte ich, ging aus dem Kino und fing an, mein Leben zu ändern. Bloß nicht stehen bleiben.
Das Bild mit dem Käfig ist schön.
Ich kann es teilweise nachempfinden, was du schreibst, aber auch nur teilweise. Denn einerseits kenne ich das Gefühl ganz gut. Dieser Stress, dieser Alltag in der Großstadt, dieses einengende Leben. Mir der Fotowalk mit dem Stilpiraten Steffen vor einigen Wochen zum Beispiel sehr sehr gut. Wir sind rausgegangen, 2 1/2 Stunden durch den Schnee gestampft und haben die Natur genossen.
Aber ganz raus, ganz weg will ich gerade eigentlich nicht. Ich mag das Leben in der Großstadt. Und das Käfiggefühl, was die Bilder oben visualisieren sollen, kann ich nicht wirklich nachempfinden. In NY habe ich mich so frei gefühlt, wie selten in meinem Leben. Auch hier in Hamburg fühle ich mich ausgesprochen wohl, richtig zufrieden. Das hat wohl auch was mit den Lebensumständen zu tun. zZ ist alles gut!
Was ich aber auf jeden Fall unverzichtbar finde, ist sich eine Auszeit nehmen zu können. Auch wenn es mal nur eine halbe Stunde an der Elbe ist oder auf dem Balkon. Aber eine kurze Auszeit ist für mich die absolute Freiheit.