
Da ist was dran, aber dazu muss ich wohl ein wenig ausholen, damit es verständlicher wird. Wie es der Zufall nämlich so wollte befanden sich my girl und ich am Montag im Wartezimmer eines Arztes für Allgemeinmedizin. Keine Sorge, uns geht es gut, und darum geht es hier ja auch gar nicht. Ich habe seit etwa zwei Jahren keine Arztpraxis mehr von innen gesehen, einfach weil ich nicht krank geworden bin. Und ich hatte komplett vergessen, was für ein Alternativuniversum dieser Ort eigentlich ist.
Mein erster Gedanke war leichte Paranoia. Ich mein, da sitzen lauter kranke Leute mit mir in diesem kleinen Raum, da muss ich doch automatisch mit krank werden! Ich vermute eine leichte Verschwörung der Ärzte dieser Welt: gesunde Menschen als Begleitung in Wartezimmer stecken, krank werden lassen, direkt mit behandeln. Genial. Aber ganz bestimmt nicht das, was ich wollte. Luft anhalten hielt ich für ein probates Mittel.
Und dann diese Ruhe. Die Leute unterhalten sich nicht. Tun sie es doch, dann wird geflüstert, in der Hoffnung, dass die anderen Wartenden es nicht mitbekommen, was ja mal ziemlich schlecht mitgedacht ist, denn durch die von ihnen selbst forcierte Ruhe bekommt man sogar das Trippeln einer Fliege auf der Haut mit. Im übertragenen Sinne, versteht sich. Andererseits werden ja auch sämtliche Tätigkeiten, die mit Lautstärke zu tun haben, verboten. Natürlich musste mich just in diesen zwei Stunden jemand anrufen. Dazu muss man wissen, dass ich eigentlich nur nachts von Johnny angerufen werde, wenn er kurz vorm Schlafen gehn noch eine super Idee hat, die er sofort besprechen muss, weil er Angst hat, sie bis zum nächsten Morgen vergessen zu haben. Aber nein, an diesem Nachmittag erhielt ich einen ganz normalen Anruf, der mit einem Todesblick der Rezeptionistin (sagt man das so?) und meiner Freundin quittiert wurde. Wieder was gelernt.
Wir hatten jedenfalls keine Lust auf diese Todesstille. Oder wenigstens ich hatte es nicht. Also blödelten wir rum, lachten, quatschten über dies und jenes und zogen uns dabei ganz bestimmt den Zorn sämtlicher Wartenden zu, weil wir es gewagt hatten, die heilige Stätte des Wartezimmers zu entweihen. Sei’s drum, irgendwie mussten die Stunden ja rumgebracht werden. Was sollten wir auch anderes machen außer lachen, drei Stühle weiter saß eine Frau, die geschnarcht hat. Und die dabei nicht schlief. Ihr müsst euch das mal vorstellen, diese Todesstille, und mittendrin immer ein schnaaarRRRCCH!!! von der älteren Dame. Oh, sie haben uns bestimmt gehasst.
Aber – und ab hier wirds wirklich unschön – das schlimmste war das Radio. Das Radio, das in einer normalen Umgebung nicht wahrnehmbar wäre, da aber hier jeder schon mal für die ewige Ruhe übt, ungefähr so laut wie ein Konzert von Manowar. Bloß dass hier nicht Manowar lief sondern Abba. Abba. Dancing Queen. Wusstet ihr eigentlich, dass KISS es dieses Jahr nicht in die Rock’n'Roll Hall of Fame geschafft haben? Nein, stattdessen werden Abba dieses Jahr einziehen. Abba. Es gibt kaum etwas schrecklicheres als Abba. Außer vielleicht Abba in einem Wartezimmer eines Arztes für Allgemeinmedizin in eigentlich kaum hörbarer Lautstärke, dass sich dennoch ohne Umweg übers Trommelfell mit einem Presslufthammer im Gehirn verewigt. Und natürlich Wham’s Last Christmas. Was – oh wunder – als nächstes Lief. Da sitzen wir also seit etwa zwei Stunden, als Blödeleien sind gemacht, die schnarchende, aber nicht schlafende, Dame von nebenan ist auch nicht mehr lustig, wir wollen endlich nach Hause und dann laufen Abba und Wham im Radio. In Gedanken stelle ich mir eine Playlist für Wartezimmer vor, angeführt von Atari Teenage Riot’s Sick to Death, Arch Enemy’s Dead Eyes See No Future, irgendwas von Napalm Death und beendet mit Slayer’s Here Comes The Pain.
Und um dann aber doch mal die Verbindung zu dem Tweet von @danielleicher hinzukriegen: Natürlich musste ich mein Wartezimmer-Leid mitteilen. Die Totenstille. Die schnarchende, aber nicht schlafende Dame. Abba. Wham. Diese gefühlt unendlich dauernden zwei Stunden. Denn, naja, geteiltes Leid ist halbes Leid. Wisst ihr ja.
Kann ich gut nachvollziehen. Ich find das auch immer sehr befremdlich, was in Wartezimmern so abgeht. Da gelten vollkommen andere Regeln. Ganz seltsam finde ich, dass bei meinem Arzt immer ne Schale mit Plätzchen rumsteht. Ich ess doch keine Kekse aus nem Wartezimmer, wo Hinz und Kunz draufgekeucht haben und mit ihren Griffeln drin rumgewühlt haben. Nur bei den Comics kann ich nicht widerstehen – die nehm ich dann doch in die Hand.
Lesestoff muss schließlich sein. Dabei fällt mir das Wartezimmer des Hausarztes meiner Kindheit ein. Der hatte allen Ernstes standardmäßig die Praline ausliegen…