
So schnell hatte er die Straße sicher noch nie überquert. Da, ich habs getan. Ich hab das Ende dieser Geschichte bereits vorweg genommen. Heutzutage leben wir doch alle irgendwie auf der Überholspur, und wenn wir dann doch den Fehler machen und uns für längere Zeit mit nur einer Sache beschäftigen rasen all die anderen, womöglich wichtigen Dinge einfach an uns vorbei. Falls also gerade akuter Zeitmangel herrscht, bitteschön, die Quintessenz wurde bereits verraten.
Es war ein sonniger, trockener Morgen im Oktober. Das muss tatsächlich so erwähnt werden, zum einen, weil es den Zeitraum schon grob vorgibt, zum anderen, weil das Wetter dieses Jahr eher bescheiden war. Oh, natürlich hatten wir heiße Tage, also so richtig heiße Tage, wo man es kaum aushalten konnte, aber so generell war der Sommer 2009 doch eher bescheiden. Meteorologen werden am Ende des Jahres wahrscheinlich verkünden, dass die Durchschnittstemperatur dieses Jahr um 1°C niedriger lag als im Jahr zuvor. Eine hübsche Umschreibung für “2009 stand das deutsche Wetter dem typisch britischen Wetter in nichts nach”. Ich habe ja gelegentlich so das dumpfe Gefühl, dass das irgendwie in den Genen liegt, dass der Deutsche grundsätzlich immer über das Wetter meckern muss. Dieses Jahr kann ich ihm aber ein wenig Wahrheit nicht absprechen.
Es gab auch schon wesentlich wärmere Oktober, ich erinnere da nur an 2006, wo man selbst Anfang November noch im Shirt unterwegs sein konnte, ohne dabei zu frieren. Fairerweise muss man anmerken, dass der nachfolgende Winter auch extrem warm war, mit Temperaturen selten unter dem Gefrierpunkt. Oktober 2009 dagegen ist so typisch, wie ein Monat im Herbst nur sein kann, abgesehen natürlich von der prognostizierten 1°C niedrigeren Durchschnittstemperatur. Zieht man all diese Informationen in Bedacht, so war besagter Morgen tatsächlich verhältnismäßig warm und angenehm.
Ich kann den Zeirahmen auch noch besser einschränken, es handelte sich nämlich um einen Montag. Also der erste Arbeitstag, der ja gerne mal verflucht wird. Hier nicht. Er, also ich in der Vergangenheit, hat nämlich einen tollen Job, den er gerne ausübt, der ihm auch am Wochenende im positiven Sinne keine Ruhe lässt, und bei dem er sich freut, am Montag wieder aktiv weiter machen zu können. Umfragen zu Folge ist Arbeitnehmern der Spaß an ihrem Job noch wichtiger als die Frage des Geldes. Ich bin mir nicht sicher, wann ich das gelesen habe, ich vermute mal, es ist schon was länger her, wenn man sich diese Wirtschaftskrise und all die Arbeitsplatzverluste anschaut. Ich schätze mal, heute kommt zuerst die Sicherheit, dann der Spaß, dann das Geld. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass viele Leute keinen Spaß an ihrer Arbeit haben, wenn der Montag so häufig verteufelt wird, da er einen aus der wohlverdienten Sonntagsruhe reisst.
Läge der Fokus also nur auf ihm, dann wäre es egal, um welchen Tag es sich handelt. Um aber fair zu bleiben gehen wir einfach davon aus, dass Montage scheisse sind. So wie dieser hier.
Und tatsächlich fing dieser Montag auch nicht gut an. Das begann schon mit dem Sonntag davor, an dem er literweise Pepsi Light in sich reinschüttete, einfach weil nichts anderes verfügbar war und er es nicht so hat mit Leitungswasser. Das führt aber dazu, dass das mit dem Nachts schlafen nicht mehr ganz so gut klappt. Die Zeiten, als Koffein nur Placebo-Wirkung hatte sind dann doch schon etwas länger vorbei, so dass er erst gegen halb zwei zur Ruhe kam und damit so knappe fünf Stunden Schlaf hatte. Entsprechend grumpelig war er drauf.
Wir befinden uns übrigens an einer Kreuzung. Keine Kreuzung im “klassischen” Sinne, nein, es handelte sich um eine Straße mit nur einer Verkehrsrichtung sowie einer Ampel für die Fußgänger. Und da stand er auf der einen Seite, grumpelig, wie er war, und wartete darauf, dass es Grün wird. Auf der anderen Seite hatte sich eine Schulklasse und ein älterer Herr, dem Augenschein nach Mitte oder Ende Vierzig positioniert. Die Schulklasse wird sich vermutlich in einer der vielen Hostels einquartiert haben, die es in dieser Gegend gibt. Vermutlich wurden sie heute morgen vom Lehrer aus den Betten gejagt, nachdem sie die erste Nacht in der großen Hauptstadt mit Party machen verbracht haben. Vermutlich läuft das kognitive Verhalten noch auf Sparflamme.
Der ältere Herr, dem Augenschein nach Mitte oder Ende Vierzig, war sichtlich genervt von der Jugend neben ihm. Er trug eine rote Helly Hansen Jacke. Er, also ich, hätte in diesem Moment jede Wette abgeschlossen, dass seine Frau, also die des älteren Herrns die sich perfekt ergänzende Jacke desselben Herstellers an der Garderobe hängen hat, dass sie diese auch beim gemeinsamen Ski-Urlaub tragen um ihre Gemeinsamkeit zum Ausdruck zu bringen, dass er ziemlich akkurat ist in allem, was er tut, und dass er vermutlich das langweiligste Leben führt, das er, also ich, sich in dem Moment vorstellen konnte.
Ob er gleich irgendetwas Dummes tun würde? Ich habe ja ohnehin langsam das Gefühl, als wäre es gerade die ältere Gesellschaft, die von der Annahme ausgeht, sie hätten sich jetzt soundsoviele Jahre gut benommen, dass es dann jetzt doch mal an der Zeit wäre. Die nichts auf den Straßenverkehr geben, aber lauthals brüllen, wenn andere wegen ihnen in die Bremsen steigen müssen. Die im Supermarkt jegliche Höflichkeit vermissen lassen und sofort nach einer weiteren Kasse brüllen, weil die Gefahr besteht, sie müssten 3 Minuten länger warten, da vor ihnen noch eine alleinerziehende Mutter mit einer Flasche Orangensaft und einer Packung Windeln (im Sonderangebot) und ein Student mit einem Sixpack Bier stehen. Der Mensch verbringt den Großteil seines Lebens mit Warten, da kommt es auf die paar Minuten auch nicht mehr an. Und die über die Jugend von heute schimpfen, die ja so unverschämt ist und gar keinen Respekt mehr hat und sowas hätte es früher ja nicht gegeben und die müsse man am besten vor sich selber schützen. Yeah, right. So wie die Schulklasse, die dort an der Ampel stand und brav darauf wartete, dass es Grün wird, während ihm sichtlich der Kragen platzt. Diese Bestien.
Und er setzt an. Ich sollte noch erwähnen, dass Fußgänger an dieser Ampel schon mal länger warten müssen, die Straße ist nun mal vielbefahren. Manchen dauert es dann einfach zu lang, so wie dem älteren Herrn, Mitte bis Ende Vierzig, gekleidet in der roten Helly Hansen Jacke. Den Blick stur nach vorne gerichtet, keinen Blickkontakt, Hauptsache weg von diesen jugendlichen Blagen widersetzte er sich den Regeln der Straße und ging normalen Schrittes bei Rot über die Ampel. Anfänglich. Bis einer der Jungs aus der Schulklassengruppe aktiv wurde:
“ROOOOOOOT!!!!”
Busted. So schnell hatte er die Straße sicher noch nie überquert. Dem Grinsen sämtlicher Anwesenden wich er peinlichst genau aus.
Irgendwie versprach das, doch noch ein guter Montag zu werden.
Photo: Darren Smith
Das Foto in Kombination mit der Geschichte ist klasse :D Möcht auch so ein grimmig guckendes Knubbelmännchen haben!
Wow, tolle Geschichte!
So etwas dürftest du ruhig öfter schreiben.
was florian sagt.
und wo ist hier gleich noch mal das favsternchen? ;)