“Jeriko”, habe ich mir gedacht, “Jeriko, geh mal lieber ein bisschen früher hin, sonst stehste die ganze Zeit im Regen.” Dumm nur, dass ich nicht der einzige mit dieser unheimlich guten Idee war. Immerhin konnte ich mir so noch die Schwarzmarktpreise zu Gemüte führen – los gings bei 80€, am Ende gingen Karten für 130€ weg. Regulär hat die Karte 39,75€ gekostet – ein wenig den Flaschensammlern zuschauen, die bei solchen Events wahrscheinlich mehr zusammen kriegen als am ganzen Tag davor und ein Pärchen aus Erfurt kennenlernen, die auf gut Glück die 300km nach Berlin gekommen sind, weil sie auch noch keine Karten hatten. Der Einlass selber ging dann erstaunlich schnell, die Treppe nach oben zur Halle sowie nur ein Eingang ließen allerdings schon erahnen, wie lange es später wohl dauern wird, hier wieder rauszukommen. Was solls, darum gings ja nicht.
Ein DJ am Anfang hat im Gegensatz zu einer Supportband ja eigentlich nur Vorteile, man kann sich vom Stil her genau am Main Act orientieren, die Chance ignoriert zu werden ist eher gering und Umbaupausen gibt es dadurch auch nicht. Das Set war dann euch erste Sahne, es hat genau das geschafft, was es auch soll: Die Menge anheizen. Blöderweise war der Höhepunkt irgendwo in der Mitte erlangt, so kurz nach South Central’s Higher State, und danach merkte man schon, dass jetzt eigentlich mal The Prodigy auf die Bühne kommen könnten, zumal DJ Tanith (der auch twittert) sich hinter einem Boxenturm versteckt hat und man so die ganze Zeit nur eine leere Bühne sah. Aber was sag ich, ich hatte meinen Spaß, vor mir der Späthippie, der in wirrsten Bewegungen zum Sound abging, neben mir die drei Jungs, die schon jetzt nix mehr hält, damit aber mal so überhaupt nicht nerven, hinter mir die Kleine, die einen genau wissen ließ, dass das exakt ihre Musik ist. Yeah, der DJ hat seine Aufgabe schon gut gemacht, nur eben ein wenig zu lang, für meinen Geschmack zumindest.
Alles natürlich nix gegen The Prodigy. Boah, dass die gesamte Halle, also wirklich jeder abgeht habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen, was aber auch kein Wunder ist bei dem, was da vorne auf der Bühne abgeht. Die Songs vom neuen Album haben sich absolut als Moshpit-tauglich erwiesen, was ja eigentlich auch kein Wunder ist, schließlich ist man sich seinem Stil ja treu geblieben, ansonsten gabs eine Mischung der größten Hits. Keith und Maxim schienen gut drauf zu sein, so genau kann ich das nicht sagen, mit meiner Kurzsichtigkeit kann ich ja gerade mal drei Leute weit sehen, alles darüber hinaus wird von meiner Fantasie bestimmt. Außerdem war ich ja sowieso damit beschäftigt, mir einen Teil meiner Rippen prellen zu lassen mir die Nase am Vordermann blutig zu schlagen, die jetzt fröhlich vor sich hinschwillt, soviel Endorphine wie schon lange nicht mehr zu produzieren und sowieso und überhaupt die fuckin’ time of my life zu haben! Ich mein, das waren The Prodigy! Jeder, der mit den Jungs was anfangen kann, der weiss, was da gestern abend über die Bühne gegangen ist – im wahrsten Sinne des Wortes! Ich mag das Wort Hexenkessel ja nicht, aber genau das war es, unglaublich heiß, anstrengend, intensiv und vor allem absolut geil!
Frei von Kritik bleibt natürlich auch dieses Konzert nicht. Schade fand ich, dass es keine Beleuchtung von vorne gab. Sicher, die LED Wall hinter der Bühne sollte ja auch zur Geltung kommen, dadurch sah man dann aber meist auch nur die Schatten von Keith und Maxim. Egal. Das von der Always Outnumbered Never Outgunned kein Song gespielt wurde kann man verschmerzen und auch verstehen, ist ja schließlich das einzige Album von The Prodigy, an dem nur Liam Howlett beteiligt war. Dass die Experience aber auch komplett ignoriert wurde, ja nicht mal Out of Space gespielt wurde, das war dann schon ein klein wenig ärgerlich, auch weil das gesamte Set eher kurz war, etwa 70 Minuten oder so. Absolut entschädigend dafür war aber “Stand Up”, der letzte Song vom neuen Album und stilistisch komplett anders, hat sowas Fatboy Slim-iges mit einem fetten Beat dahinter, jedenfalls war die Band schon längst abgegangen, die Saalbeleuchtung wieder an, der Song kam auf halber Lautstärke direkt von CD, und trotzdem gingen die Leute noch ab wie nix, mich eingeschlossen. Schöner Abschluss eines fantastischen Abends.
Bilder: Oslo Gig vom 27. Februrar 2009, geschossen von fjellREV1
…mal ehrlich, das letzte Album (und insbesondere die Single) ist doch nur ein erbärmlicher Rip-Off von Pendulum. Und Stadion-Drum and Bass/Techno/And now I Scream ist doch künstlerisch echt ne Nullnummer.
@Tom: Ähm – dann überleg mal bitte, wer denn zum Großteil Pate für den Sound von Pendulum stand. Immerhin sind Prodigy schon viel länger im Geschäft, haben ganze Genres begründet und sich mit ihrem neuen Album höchstens selbst kopiert, was sie meiner Meinung nach richtig gut gemacht haben.
Was das Konzert angeht: Ich hab Prodigy leider noch nicht live erleben können, und auch oft genug gehört, dass sie live grottenschlecht sein sollen. Aber das sind vermutlich auch alles wieder die Leute, die mit ihren Alben seit Fat Of The Land nix mehr anfangen können. Würd mir auf einem Konzert aber trotzdem ein paar Stücke aus AONO wünschen…
Wer Prodigy mit Pendulum vergleicht, hat schlicht und ergreifend keine Ahnung und stellt sich ein musikalisches Armutszeugnis aus. Der Titeltrack ist der einzige, der ein klitzkleines Bisschen daran erinnern möge, aber beiweitem kein Rip-Off ist. Und schon mal gar kein Drum’n'Bass. Es gibt keinen einzigen weiteren Track auf der Platte, der auch nur annähernd nach Pendulum klingt.
Schade, bei mir hat es nicht mehr geklappt. Hätte mir das gerne gegeben, zumal den einen Prodigy-Gig, den ich mal gesehen hatte, so ziemlich das mieseste war, was mir je live unterkam. Aber die werden ja auch älter.
Der Deejay war übrigens der Tanith, der noch munter von vor Ort twitterte.
@Saint: Ah super, danke für die Info, habs direkt mal im Beitrag ergänzt
schöner bericht! ich muss sagen das das konzi wirklich allererste sahne war.auch die athmosphäre der location war super. ganz anders als noch 2005 bei der always outnumbers tour in der columbia halle. huxlexys rockt ungemein. und von überall super sicht! fand auch, dass ca 75 minuten konzert länge ein wenig kurz sind und so einig alte songperlen fehlten. aber egal, die wichigsten songs waren dabei und stimmung war allererste sahne. nur die leute ganz hinten auf der empore standen da teilweise ein bisschen blöde rum. ansonsten rockten alle mächtig mich. wiedereinmal (war aber auch 2004 so) bin ich klitschnass vollgeschwitzt nach hause gefahren. jetzt so nach fast einem tag später muss ich sagen: ich konnt schon wieder mal hin. take to the hospital hat live mächtig gerockt. leute heute noch in köln sind und freitag in münschen: freut euch drauf!!!!!!!!!!!!!! prodigy is back!! und ich hoffe, es gibt dann auch mal bald ne live dvd!!!!!!!!!!!!!!! bitteeeeeeeee!!!!!!!!!!!!!1
@ Sorry Tom;
Nur mal ehrlich, was erwartet jeder wenn er sich ein Prodigy Album holt? Ein zweites Fat Of the Land oder Music For The Jilted Generation? Ich jedenfalls nicht, und ich wurde mehr als nicht enttäuscht, weil ich da vielleicht auch etwas unbefangender rangegangen bin.
Das Berliner Konzert war für mich leider erst das erste, und ich muß echt gestehen eine solche Liveathmosphäre hatte ich vorher noch nie auf einem Konzert erlebt gehabt. Und Live fand ich die neuen Stücke besser als die alten, weil sie die Stimmung mehr als nur gut repräsentierten. Kann jedenfalls nur jeden empfehlen sich das anzusehen, und da reichen auch nur die 75min, weil länger hält man das auch nicht aus in einer solchen Athmosphäre sich zu bewegen, wie oben schon gesagt, man ist mehr als nur durchgeschwitzt…