Dienstag, 30. Dezember 2008

Der Anruf

Das Handy klingelt.

Tatsächlich klingelt es. Der Klingeltonterror ist an glücklicherweise an mir komplett abgeprallt, bei Sweety dem Küken kriege ich Brechreiz und der verrückte Frosch erzeugt bei mir ähnliche Aggressionen wie James Blunt. Das Klingel in Klingelton hat seine Bedeutung doch schon lange verloren. Mein Handy ist aber kein Statussymbol, mit dem ich mich präsentieren muss, ich will damit telefonieren und ab und zu mal eine SMS verschicken. Seit Jahren habe ich dasselbe Hintergrundbild, seit Jahren denselben Klingelton aus dem Film Crank. Und genau dieser Klingelton ertönt gerade, das Handy vibriert, tanzt auf dem Schreibtisch, bewegt sich Richtung Kante. Das Display zeigt mir den Anrufer. Sie.

Ich nehme nicht ab.

Mit dem Klingelton aus Crank befinde ich mich ja in guter Gesellschaft, und ich finde es immer wieder erstaunlich, dass nur die Wenigsten überhaupt wissen, woher dieser Klingelton kommt. Dürfte übrigens auch auf den Frosch zutreffen, kaum einer weiß, dass der Sound aus einem kleinen Flash-File kommt, und ich wette, dass der Autor nicht einen müden Cent von den sicherlich gigantischen Einnahmen gesehen hat.

Es klingelt wieder. Ich nehme nicht ab.

In meinem Kopf bilden sich Szenarien, wie das Gespräch verlaufen könnte. Was die Themen sein könnten. Schwachsinn. Es gibt nur das eine Thema im Moment, das, was ich beim letzten Gespräch so aprupt abgebrochen habe. Weil ich nicht mehr wollte. Wollte mich nicht im Kreis drehen, ständig dasselbe sagen müssen und dabei das Gefühl haben, gegen eine Mauer zu reden. Nicht alles muss immer an Ort und Stelle geklärt werden. Sie sah das anders.

Es klingelt wieder. Ich nehme nicht ab.

Das Handy hat mittlerweile ganz schöne Gebrauchsspuren abbekommen. Beim Kauf sah es einigermaßen edel aus, mit dem verspiegelten Rand und dem Display, dass man im ausgeschalteten Zustand nicht sehen konnte. Das konnte allerdings nicht über die im Vergleich zum Vorgänger billige Verarbeitung und die unglaublich schlechte Steuerung hinweg täuschen. Ich hätte das Gerät damals intensiver ausprobieren müssen, dann wäre es sicher ein Anderes geworden.

Es klingelt wieder.

Hör auf! Ich werde nicht abnehmen! Ich will es gerade nicht, ich kann es gerade nicht. Es ist nicht nur dieses eine Problem, es ist das Ganze, was unweigerlich auch zur Ansprache kommen würde. Wir sind zu verschieden. Der Volksmund sagt zwar, dass Gegensätze sich anziehen, es muss aber doch wenigstens eine kleine Schnittmenge geben. Wir hatten uns jeweils anderes anderes vorgestellt und mussten beide erkennen, dass es nicht so ist. Eigentlich war alles schon vorbei, gelaufen, finito. Es war alles gesagt, alles getan. Mein Verstand hat das schon erstaunlich klar verstanden, nur mein Herz, oder zumindest glaube ich, dass es mein Herz ist, das streubte sich noch gegen den Gedanken. Ich habe Angst, ich will nicht wieder allein sein. Irgendwo, tief hinten im Kopf vergraben, versteckt sich der Gedanke, dass damit noch viel mehr verloren gehen wird. Und wenn ich das Gespräch nicht annehme, dann kann ich das Unvermeidliche noch ein wenig heraus zögern. Noch ein wenig so tun, als wäre alles in Ordnung, wie am ersten Tag, an dem ich die ganze Welt hätte umarmen können. Alles ist in Ordnung. Bis zum nächsten Anruf.

Es klingelt nicht mehr.

Das Display zeigt einen verpassten Anruf.

3 Kommentare

  1. Yeti

    Poesie… Das kenne ich zu gut… Aber derzeit sogar andersrum, man will garnicht erst etwas starten von dem man selbst weiß, dass es nicht gut gehen wird… nur die Gegenseite nicht…

    Sehr gut geschrieben! Klasse!
    Yeti

  2. _kordeldepp

    jetzt weiss ich wie das ist, wenn ich dich versuche zu erreichen und du gehst wieder mal nicht ran!

  3. Ivory_Tusk

    genauso bei Tweety dem Küken.

    habe neulich Disney’s Robin Hood im original gesehen und weiß jetz auch wo der Sound zu diesem Klingelton herkommt. Auch wenn ich da keine Träne weine, hat Disney bestimmt von Jamba oder sonstwem keinen Pfennig bekommen.

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