Zwei Piloten auf dem Weg zu ihrer heiligen Mission rufen Osama bin Laden an, um zu klären, wie viele Jungfrauen für ihren Selbstmordanschlag im Paradies auf sie warten werden, kurz bevor das Cockpit von wütenden Passagieren gestürmt wird. Szenenwechsel, ein Fensterreiniger an einem New Yorker Wolkenkratzer, das Flugzeug befindet sich im Sturzflug auf ihn zu. Willkommen bei Postal, dem Film zu dem gleichnamigen Videospiel, in dem ein übelgelaunter Mittelklassetyp mit allerlei Waffen Amok läuft. Boll hat die Prämisse und ein paar der durchgeknallten Details beibehalten – als Beispiel sei hier die Katze als Schalldämpfer genannt – während er das Ganze in einen Post-11. September-Kontext und gleichzeitig in einen Kanal für seinen Ärger gegenüber seinen Kritikern hievt.
Ein namenloser, absolut gewöhnlicher Typ hat einen Scheißtag. Im Wohnwagen lebend, von seiner Frau ständig verarscht, im Jobinterview ausgelacht, sein Sozialhilfescheck wird abgelehnt, stimmt er dem angeblich todsicheren Plan seines Onkels zu, eine Schiffsladung von “Krotchy”-Puppen zu klauen. Natürlich fliegt alles auf, und so wird er wegen Mordes von der korrupten Polizei sowie einem aufgebrachten Mob gejagt, bis er sich zwischen den Jüngern vom Doomsday Kult, ein Scam seines Onkels, sowie einer gut ausgestatteten Zelle der Taliban, die eigene Ideen für die Puppen haben, wieder findet. Und das Ende der Welt scheint nah, wenn Osama seinen guten Freund George Bush anruft und ihn um Hilfe bittet.
Als Comedy ist Postal komplett unbrauchbar, sämtliche Witze sind eher Rohrkrepierer, die nicht mal die Freunde von Fäkalhumor zufrieden stellen dürften – und davon gibt es wirklich mehr als genug. Fairerweise muss man anmerken, dass das auch auf andere Filme zutrifft, beispielsweise die Scary Movie Reihe. Als politische Satire sticht Postal dagegen heraus, wenn auch sehr krude. Im Blick ein Allerweltsörtchen, dass zerrissen ist von unterschiedlichen Arten von Fanatismus und Fundamentalismus, angeführt von einem Idioten, untergraben von einer Wut, die auf sämtliche Situationen mit einer unangemessenen Menge von Gewalt reagiert. Subtil wird hier sicher nicht vorgegangen, andererseits kriegt man hier wenigstens mehr als lahme Witze geboten.
Boll selber hat sich einen wichtigen Kurzauftritt gegeben: In Lederhosen gekleidet verkündet er, dass seine Filme mit “Nazigold” finanziert werden, bekundet seine Vorliebe für kleine Kinder und prügelt sich mit dem Videogamedesigner Vince Desiderio, der das Spiel Postal gemacht hat. Natürlich ist es nicht der echte Boll, stattdessen eine monströse Karikatur seiner selbst – der anstößige Deutsche, den jeder hasst. Man bekommt das Gefühl, er gefällt sich in dieser Rolle, und nimmt es auch mit einer gehörigen Portion Humor. Und viel mehr noch erlaubt ihm diese Rolle, mit bisher in dieser Form noch nicht gesehen Material zu provozieren. Humorbefreit, ja, aber man staunt schon darüber, wie weit er geht: Behinderte werden zur Schau gestellt, Einstellungen zu Rassen manipuliert, kleine Kinder umgebracht, es gibt Sex mit Tieren, Antisemitismus, und wie oben schon angedeutet Jokes über die Opfer vom 11. September. Ohne Rücksicht auf Verluste hat Boll sich so ziemlich jedem politisch-sensiblen Thema angenommen, während andere Regisseur es noch nicht mal wagen würden, darüber nachzudenken. Trey Parker und Matt Stone können sich Saddam Hussein und Satan als schwule Liebhaber vorstellen, aber nur Boll kann Bush und bin Laden darstellen, wie sie händchenhaltend dem Sonnenuntergang entgegen hüpfen. Es ist fast wie Dr. Strangelove im Krieg gegen den Terror – außer natürlich, dass Boll kein Stanley Kubrick ist. Und niemals werden wird.
Leider macht das allein den Film nicht sehenswert. Durch die Bank weg geschmacklos ist er auch, um mal ein Zitat zu nehmen “ein Platz, wo das Lachen gestorben ist”. Wenn man mit Humor auf Niveau unter Zimmertemperatur etwas anfangen kann, meinetwegen, allen anderen kann ich eine Stippvisite bei I Can Has Cheezburger empfehlen: Ebenfalls Katzen, dafür lustig.