
Photo: scarlatti2004
Falls man doch einmal das dringende Bedürfnis verspüren sollte, die anderen Leute in dem Zug, in dem man sich gerade befindet, ein bisschen besser kennen zu lernen, dann sollte man einfach nur dafür sorgen, dass man mitten in der Nacht irgendwo im Niemandsland raus geschmissen wird. Klappt wunderbar. Aber stop, ich greife vorweg, drehen wir das Rad der Zeit doch um etwa eine Stunde zurück, es ist jetzt circa 00:45 Uhr, Samstag Abend, oder Sonntag morgen, wenn man unbedingt kleinkariert sein möchte, und zoomen wir uns heran, an einen kleinen Bahnhof in Heppenheim.
Ein schöner, kleiner Bahnhof, zugegeben, nachdem dieser ja vor mehreren Jahren anlässlich der Hessentage komplett neu gemacht wurde. Hell, modern, mit diesem schicken gelben-orangefarbenen Licht, ganz im Gegensatz zu den grellen Straßenlaternen, und eigentlich könnte man hier recht entspannt auf seinen Zug warten, wäre da nicht diese Kälte, der alle wartenden Menschen gerade zu trotzen versuchen. Na gut, da habe ich wohl ein wenig übertrieben, mit mir waren es dann nur noch drei weitere, und ich glaube ich war der einzige der wirklich fror, hatte ich das Wetter doch gänzlich unterschätzt und war nur mit einer leichten Jacke unterwegs. Aber mir gefiel der Gedanke, dass es den anderen auch so gehen könnte, dass sie ein klein wenig Kälte auf sich ziehen, ergo von mir weg halten. Placebo-Effekt, ich weiß, und nicht mal der hat funktioniert.
Oh wie passend, dass drei Minuten vor Eintreffen des Zuges noch eine Durchsage gemacht wird. Ich finde es zwar bemerkenswert, dass um diese Zeit an diesem Ort für gerade mal vier Leute noch ein Mitarbeiter der Bahn in seinem Kabinchen hockt, aber dennoch, als geübter Bahnfahrer reichen bereits die ersten Worte “Auf Gleis 2, bitte beachten sie…”, um den Rest des immer gleichen Konstrukts einfach zu ignorieren und sich innerlich nur noch zu fragen “Wie viele Minuten Verspätung?”. Ob die Bahn dort an Kosten sparen könnte? “Auf Gleis X, 10 Minuten!” Alles wesentliche gesagt, dass der Zug keine 10 Minuten früher kommen wird dürfte klar sein, Verständnis muss ich ja so oder so haben, und über die Entschuldigung reden wir mal besser nicht. Oh, es war dann übrigens eine halbe Stunde Verspätung. Nachdem ich meine Füße ohnehin nicht mehr gespürt habe und nicht mal Gedanken an Hawaii oder dergleichen halfen, kam es darauf aber auch nicht mehr an. Wir hatten ja doch keine Wahl, es war ja schließlich der letzte Zug.
Kleiner Sprung nach vorne, es ist halb zwei in der Nacht, und ich lasse mich in einen der freien Sitze des frisch eingetroffenen Zuges fallen. Licht! Wärme! Und der in diesem Moment schönste Gedanke, dass ich nicht einmal gezwungen bin, umzusteigen, direkte Durchfahrt bis Mannheim, gleichzeitig auch Endstation. Dazu solltet ihr wissen, dass die Nacht davor kurz war, und wenn ich kurz schreibe, dann meine ich wirklich, wirklich kurz, der Alkohol von diesem Abend tat sein übriges, so dass ich im Handumdrehen vor mich hin döste, und erst nach einer halben Stunde hellhörig wurde, als im Gegensatz zu den üblichen Ansagen vom Band, welchen kleinen Bahnhof wir denn als nächstes ansteuern, sich der Schaffner zu Wort meldete: “Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund von Bauarbeiten fährt dieser Zug nur bis Mannheim-Friedrichsfeld. Auf dem Bahnhofsvorplatz warten Busse als Schienenersatzverkehr, die sie nach Mannheim Hauptbahnhof bringen werden.” Again, nicht wirklich überzeugend, in meinem Kopf bildet sich eine Ansage a la “Sehr geehrte Fahrgäste, während sie sicher einen schönen Abend hatten oder noch haben werden sitzen wir hier in einem kleinen Loch und müssen arbeiten. Um sie also noch mal so richtig anzupissen lassen wir den Zug einfach irgendwo stehen und karren sie noch in Bussen durch die Gegend. Vielleicht… Mit freundlichen Grüßen, ihre Deutsche Bahn! HARHAR!” Dazu das schreckliche Wort, Schienenersatzverkehr. Bisher habe ich wirklich nur ein Mal erlebt, dass das wirklich funktioniert, das war letzte Woche in Berlin. Wir sind aber nicht in Berlin, sondern mitten im Nichts. Ich wehre mich innerlich noch, den Zug zu verlassen, die wohlige Wärme, aber es hilft ja nichts. Auf dem Weg zum Vorplatz Blickkontakt mit einer jungen Frau gehabt, in ihren Augen spiegeln sich meine Gedanken wieder, sie denkt exakt das Gleiche.
Das Rad der Zeit hat soeben Klick gemacht, es ist wieder Gegenwart. Die Kamera hält auf eine Gruppe von 18 Menschen, die in Mannheim-Friedrichsfeld auf dem Bahnhofsvorplatz steht und sich kein bisschen darüber wundert, dass weit und breit kein Bus zu sehen ist. Oh wie einfach wäre es doch gewesen! Hier kommt der Part des Kennenlernens. Da gibt es selbstverständlich die, die sofort an die Decke gehen, und das auch lautstark zum Ausdruck bringen, dann wiederum diejenigen, die durch ein paar Witze versuchen, die Stimmung zu heben, schließlich sitzen wir ja alle im selben Boot, was aber nicht wirklich funktioniert. Das Pärchen, das sich ein klein wenig abseilt, gerade weit genug weg, um einen kleinen privaten Moment zu haben, aber trotzdem noch so nah, dass man sofort wieder bei der Gruppe sein kann. Die rational Denkenden, die schon die Alternativen im Kopf durchgehen. Die Partygängerinnen, die Schutz vor der Kälte suchen, da die Wahl der Kleidung nach optischen, weniger nach zweckmäßigen Punkten gemacht wurde. Die Backpacker, die seit fast einer Stunde auf diesem Bahnhof festsitzen, weil sie nicht mal einen Bus versprochen bekommen haben. Ich, der sich sich das ganze ein wenig amüsiert anschaut, während die Kälte langsam wieder Einzug hält. Sie, die auf dem Bahnsteig steht, ihre Zigarette raucht, und dabei den Eindruck vermittelt, als sei sie die Ruhe selbst. Und nicht zu vergessen, der Schaffner, bzw. Zugbegleiter 50 17, wie wir noch raus finden sollten, der mit uns ausstieg, und der mir wirklich leid tat ob mancher Anspielungen. Er kann ja doch nichts dafür, dass da vor uns eine Baustelle auf den Schienen ist.
Und so vergehen die Minuten. Nachdem der Schaffner, pardon, nachdem Zugbegleiter 50 17 die Ruhe weg hatte und sich sofort ans Telefon hängt konnten wir zumindest schon mal in Erfahrung bringen, wo denn der Bus abgeblieben ist. Es stellte sich heraus, dass die Einfahrt zum Vorplatz zugeparkt war. Der Busfahrer dachte sich dann eben, er fährt halt wieder zurück. Ich versuche mir das einfach noch mal vorzustellen, wie das so wäre, wenn ich dieser Busfahrer wäre, wenn ich wüsste, dass da ein paar Menschen auf mich warten, weil sie sonst keine Möglichkeit mehr haben, in dieser Nacht von diesem Bahnhof weg zukommen, und wie ich dann trotzdem seelenruhig von von dannen ziehe. Mein nächster Gedanke hatte etwas mit einem Stock im Arsch zu tun, und damit meine ich nicht das Sprichwort. Ein kurzer Blick in die Runde, ja, so ziemlich jeder hier hatte wohl ähnliche Gedanken. Ein kleines Grinsen kam auf meine Lippen. Dann kam allerdings schon die frohe Kunde, dass mehrere Taxis unterwegs seien, was die Situation immerhin ein wenig entspannte. Nicht bedacht wurden jedoch die drei Fahrräder, und bei denen man sich verständlicherweise weigerte, diese hier zulassen. Es half alles nichts, zumindest zwei der Taxis wurden noch während der Anfahrt wieder zurückgeschickt und durch ein Großraumtaxi ersetzt. Des Kennenlernen, hier geht es weiter, ich fand es durchaus bemerkenswert, dass wir zwar alle in dieser entsetzlichen Kälte waren, trotzdem ohne zu Zögern dem Plan zustimmten, dass Großraumtaxi kommen zu lassen, obwohl uns das sicher eine weitere Viertelstunde kosten würde. Also fast alle, ihr erinnert euch an die Beschreibung derjenigen, die sofort an die Decke gegangen sind? Das waren auch genau die, die sofort das erste Taxi für sich beanspruchten. Naja, damit kann man leben.
Die Geschichte könnte hier natürlich vorbei sein, wäre da nicht noch der Anruf von der Zugleitung gewesen, dass der Bus jetzt doch noch kommen würde, man die Taxis also nicht mehr brauchen, und demzufolge auch nicht bezahlen würde. Bus, Taxi, verdammt nochmal egal, solange überhaupt irgendetwas kommt! Eine weitere Minute später, ein weiterer Anruf, der Busfahrer hätte sich gemeldet, er käme immer noch nicht auf den Vorplatz. Man darf es kaum glauben, aber diese Autos, die da vor etwa einer halben Stunde standen und die Einfahrt zuparkten, die waren wirklich noch da! Ich halte Ausschau nach Captain Obvious, kann ihn aber nicht entdecken. Die Taxis werden also zurückgeholt, diesmal endgültig. Ich bewahre mir meine gute Laune, was soll ich auch sonst machen, meine noch zum Schaff… Zugbegleit… ach ist ja auch egal, na jedenfalls meinte ich noch, dass Bahn fahren jedes Mal aufs neue ein Erlebnis wäre. Und oh boy hat der losgelegt, er hätte ja gar nicht mit aussteigen müssen, aber er wusste sofort, dass geht im Leben nicht gut, und ohne ihn hätten wir dort wirklich gar nichts ausgerichtet bekommen. Die “da oben”, die kümmern sich ja einen Dreck um sowas, die Hunde. Wow. So einen Ausbruch habe ich auch schon lange nicht mehr mitbekommen.
Lieber Zugbegleiter 50 17, ich rechne dir das wirklich hoch an, dass du uns alle trotzdem noch irgendwie nach Mannheim gekriegt hast, obwohl es nicht mal dein Job war. Mein Beschwerdeschreiben werde ich jetzt aber trotzdem abgeben. Keine Sorge, du kommst darin nicht vor.
Nirgends sonst ist es so schön im Nachhinein über solche Geschichten zu lachen als bei der Bahn – danke, schöne Anekdote.
Aber sag mal, werden bei Euch solche eher kreativ geparkten Autos nicht abgeschleppt? Der Busfahrer hätte doch nur mal kurz die Polizei… aber egal.
nette Story :) … was machst du übrigens in Heppenheim, was gibts denn da?
zu dem “hätte der Busfahrer nicht einfach …” : also jemand der so faul is, dass er bei parkenden Autos einfach umdreht, statt seinem Job nach zu kommen, glaubst du der macht sich dann den Aufwand mit der Pozilei? :)
Da gabs das Altschülertreffen der Odenwaldschule, bei dem ich mich auch einen Abend lang hab blicken lassen. Und ja, die Beschwerde dreht sich auch hauptsächlich um besagten Bus, alles andere kann halt passieren.