An meiner Wand hing mal ein Abreisskalender. Das war vor mehr als zwei Jahren. Er war zu dieser Zeit wichtig für mich, obwohl er weder besonders schön war. Oder lustig, wie es die meisten dieser Kalender bzw. deren Sprüche auf der Rückseite der einzelnen Blätter sind. Es war kein richtiger Kalender, also nicht für das aktuelle Datum, sondern ein Zähler, ein Reminder. Und trotzdem, damals fand ich es toll, jeden Morgen ein Blatt abreissen zu können.
Irgendwann habe ich damit aufgehört. Abgehängt wurde er trotzdem nicht, als ständige Ermahnung daran, dass der Tag kommen wird, an dem doch wieder ein Blatt fallen wird. So dachte ich zumindest. Er hat sich dann aber ziemlich gut in die Wohnung integriert, so gut, dass ich in überhaupt nicht mehr beachtet habe, und das, obwohl er nur ein paar Zentimeter von meinem Arbeitsplatz weg hing. Ich wollte ihn auch nicht beachten. Das letzte Blatt kannte ich auswendig, ohne es anschauen zu müssen, gleichzeitig stand es für einen Fehler, den ich gemacht habe, an den ich mich nicht mehr erinnern wollte (und doch jeden Tag wurde) und den wieder gut zu machen Zeit kosten würde.
Das war wie geschrieben vor zwei Jahren. Im letzten Herbst hat der Nagel, an dem der Kalender hing, nachgegeben, und der Kalender ist unter lautem Getöse hinter dem Schreibtisch, direkt neben dem Subwoofer gelandet. Ich wollte ihn nicht aufheben, er sollte dort liegen bleiben. Es war egal, wieviel Staub er aufnehmen würde, wie stark die Blätter durch das Alter aufbleichen würden, und das ich diese Stelle des Bodens eigentlich nicht mehr saubermachen konnte. Ich hätte ja auch einen neuen besorgen können, aber irgendwie wollte ich, dass es genau dieser Kalender ist, an dem ich eines Tages doch wieder ein Blatt abreissen könnte.
Und dieser Tag ist heute.