Sonntag, 27. Juli 2008

Alle Macht dem User

c’t: Aber es kann doch nicht richtig sein, dass Künstler für die von ihnen kreativ erzeugte Musik nichts mehr erhalten.

Weinberger: Ist das so? Welche Musik wird denn raubkopiert? Die von großen Stars. Nagen die am Hungertuch? Und die kleinen Nachwuchskünstler? Die verschenken ihre Musik ganz bewusst, damit sie einmal berühmt werden.
Doch das ist sehr schwarzweiß gezeichnet. In Wirklichkeit habe ich keine Ahnung, wie die Musikindustrie das Problem auf Dauer lösen kann und was dort passieren wird. Sie haben natürlich Recht: Es gibt ein Urheberrechtsproblem. Wir kommen wieder zum Thema Angst. Wenn die Kreativen Angst haben, ihre Inhalte öffentlich zu machen, dann reduziert das die Menge an kreativer Leistung. Das darf nicht sein.
Ebenso ist ein zig Jahre gültiges Urheberrecht genauso falsch. Nicht nur die Rechte der Künstler sind schützenswert. Auch die der Allgemeinheit. Wir alle profitieren davon, dass Künstler einander kopieren und von anderen erzeugte Inhalte weiter entwickeln.
[...]
c’t: Die Ideen basieren doch auf Wertvorstellungen, die unsere Kinder nicht mehr haben. Müssen wir ihnen wieder erklären, was Urheberrechte sind?

Weinberger: Sie können es versuchen und werden großartig scheitern. Die Musikindustrie versucht das doch seit Jahren mit dem Stigma “Piraterie”. Das ist doch eine intensive Form der Erziehung. Und? Nichts.
Werte lassen sich doch nicht proklamieren. Sie entstehen aus einem gesellschaftlichen Konsens heraus. Zumindest in liberal organisierten Systemen. Und Wert heute heißt eben: Gebt den Usern, Kunden, Lesern, Hörern einen Teil der Macht zurück, die ihr ihnen genommen habt. Ein ganz alter Wert übrigens, mit Namen: Freiheit.

Da sitze ich völlig verkatert im Zug auf dem Weg nach Hause, nachdem wir die ganze Nacht durchgefeiert haben, und blättere eher lustlos in der aktuellen Ausgabe der c’t herum. Schlafen wäre so viel angenehmer, leider gleicht der Zug eher einem Viehwagen mit geschlossenen Fenstern und nicht vorhandener Klimaanlage, aber das ist eine andere Geschichte. Und dann blättere ich um, ein Interview mit David Weinberger, der vorher nicht auf meinem Radar war, kommt zum Vorschein, und mit jedem weiteren gelesenen Wort schwindet die Müdigkeit und innerlich denke ich nur noch “Ja, doch! Ja! Verdammt nochmal ja! Die Grundaussage dabei ist, dass Regeln im Netz keinen Sinn machen, ja sogar schadhaft sind, während Chaos wirklich gut ist, da man es immer wieder neu ordnen kann und muss. Alle(!) Macht dem User.

Wenn ihr 3,30€ übrig habt, kauft euch die Ausgabe, es lohnt sich. Sein Buch liegt ab heute jedenfalls auf meinem Nachttisch. Für nicht sehr lange, wie ich mal annehme.

7 Kommentare

  1. BrutusD

    öhm. in welcher ct auf welcher seite steht denn das Interview?

  2. el-flojo

    Danke fü den Tipp. Das Buch kommt direkt mal auf die Wunschliste.

  3. René

    Danke für den Buchtipp, ist bestellt. Vorher muss ich aber noch Dawkins fertiglesen und alle Argumente von ihm posten ;)

  4. Christian

    Hmm, er schreibt „einen Teil der Macht, die ihr ihnen genommen habt“, du schreibst „alle Macht“. Was denn nun?

    Ich gebe zwar auch gerne Sachen frei, die ich gemacht habe, aber die größte Wertschätzung, das meiste Feedback gibt’s immer zu Sachen, die bezahlt werden mussten.

  5. Jeriko

    Ich konnte ja nur einen Teil des Interviews zitieren, daher ist es ein wenig aus dem Kontext gerissen: Weinberger macht sich Gedanken, dass dem Internet durch zu viel Regulierung, wie es aktuell schon stattfindet und in der Zukunft vermutlich noch heftigst ausgebaut wird, selbigem nur schadet. Grob betrachtet ist es ja seit Anbeginn das größte Social Network überhaupt, und erst seit ein paar Jahren schicken sich ein paar Große an, die Kontrolle darüber zu übernehmen. Stattdessen soll weiterhin der Benutzer entscheiden, wie er sein Internet haben will. Und dabei geht es nicht nur um Urheberrecht & Co., und was man auch für illegale Dinge mit dem Internet anstellen kann – aber eben auch.

    Gegenfrage, du beziehst das mit dem Feedback aber nicht auf den finanziellen Aspekt, oder?

  6. Christian

    Okay, da sind wir uns dann weitesgehend einig. Sicherlich kann es nicht darum gehen, Medienkonzerne glücklich zu machen – und das geschieht ja im Moment hauptsächlich durch die Art, wie Copyrights etc. gehandhabt werden. Das ganze Thema ist superspannend. Für kleinere „content producer“ ist die Haupteinnahmequelle nach wie vor Werbung, alternative Geschäftsmodelle sind erst in den Anfängen. Trotzdem gibt es genug große Konzerne, die sich am Internet und den content producern gesundstoßen. Da muss sich was ändern.

    Das mit dem Feedback war nicht auf die Finanzen bezogen, genau – nur auf den Aspekt, dass der Empfänger meiner Erfahrung nach etwas mehr wertzuschätzen weiß, wenn er etwas dafür bezahlen musste.

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