Mittwoch, 05. März 2008

Meine zwei Cents zum Wandel der Musikindustrie

Conscience Cleared

Radiohead haben letztes Jahr eine kleine Revolution gestartet, in dem sie ihr neues Album zuerst ausschließlich übers Internet veröffentlicht haben, wobei jeder für sich entscheiden konnte, wieviel er bezahlen wollte – inklusive der Option, es kostenlos zu downloaden. Andere haben nachgezogen, ganz aktuell haben Nine Inch Nails ihr neuestes Album mit einem ähnlichen Bezahlmodell veröffentlicht, aber allen ist gemein, dass der Mittelsmann – das Label – außen vor bleibt. Nun sind Radiohead und Nine Inch Nails nicht gerade unbekannt, und vielerorts fragt man sich, ob das auch für kleinere Künstler funktionieren kann. Wieso nicht?

Bleiben wir kurz bei NIN: Der erste, kostenlose Teil von Ghosts wurde auch bei den größeren Torrent-Trackern dieser Welt zur Verfügung gestellt - von Trent Reznor persönlich. In der Beschreibung dazu steht, dass man die komplette Fassung ebenfalls dort finden wird, wenn man nur will. Und das einfach nur als Feststellung, nicht als Anklage.

Undoubtedly you’ll be able to find the complete collection on the same torrent network you found this file, but if you’re interested in the release, we encourage you to check it out at ghosts.nin.com, where the complete Ghosts I-IV is available directly from us in a variety of DRM-free digital formats, including FLAC lossless, for only $5.

Mit anderen Worten: Man akzeptiert einfach, dass sich die Verbreitung via Filesharing nicht aufhalten lässt, also begegnet man ihr stattdessen mit attraktiveren Angeboten: 5$ (nach aktuellem Kurs lächerliche 3,20€) für die Download-only Variante einer Doppel-CD sollte dafür Anreiz genug sein. Selbst die reguläre Doppel-CD kostet gerade einmal 10$ (6,50€).

Vielleicht sollte man auch anfangen, den Preis weniger als ein Tauschgeschäft zu sehen (ich zahle und kriege dafür etwas) als vielmehr eine Art Anerkennung für den Künstler. Am Montag waren die Server von Ghosts hoffnungslos überlastet, trotzdem ist der Download-Link für das Album nur einmal gültig. Mein Download ist natürlich abgebrochen, also habe ich mir das Album über The Pirate Bay gezogen, ohne Reue, schließlich hatte ich dafür bereits bezahlt. Warum aber soll das nicht auch andersrum funktionieren? Erst hören, dann einen angemessenen Betrag an den Künstler abgeben? Finanziell sollte sich selbst eine solche Methode lohnen, wenn man bedenkt, dass beim regulären Vertrieb via Label pro verkaufter Einheit nur ein lächerlicher Betrag an den Künstler ausgezahlt wird. Oder anders: Selbst wenn man nur 2$ an den Künstler abgibt, dürfte das schon mehr sein, schließlich erhält er den vollen Betrag.

Zurück zum kleinen Musiker, bei dem sich alle Sorgen machen, ob er damit überleben kann, schließlich ist er bei weitem nicht so bekannt. Allein, er wird es auf beide Arten – der alte, “klassische” Vertrieb sowie der hier genannte neue – nicht bekannter werden. Die Majors hauen jede Woche hunderte von neuen Singles raus, bei denen nur die allerwenigsten überhaupt einen Erfolg vorweisen können, auf welche Art auch immer. Klappt es nicht, dann wird er fallen gelassen. Punkt. Promotion wird dabei nur für die Künstler betrieben, bei denen sich finanziell auch etwas rausschlagen lässt. Auf der anderen Seite ist der Hörer, dessen Art und Weise der Informationsbeschaffung sich über die Jahre geändert hat. Früher waren es noch die Musiksender, die auch neue Musik vorgestellt haben, heutzutage bleibt man dort immer auf der sicheren Seite und spielt Tag für Tag denselben Kram – Neuheiten ade. Printerzeugnisse a la Rolling Stone Magazine bleiben natürlich, aber ich behaupte mal, dass vor allem die jüngere Generation von Hörern heutzutage größtenteils über das Internet neue Musik kennenlernt, sei es durch Filesharing, Plattformen wie Last.FM oder ähnliches. Die Musikindustrie hat diesen Trend verschlafen bzw. ist nach wie vor nicht bereit, diesen für sich zu adaptieren, der Künstler jedoch kann es ohne weiteres für sich nutzen. Über Last.FM & Co. kann der Künstler entdeckt werden, die Musik wird selber angeboten, zu einem Preis, der für beide Seiten fair ist – im Extremfall eben auch kostenlos. An den Verkaufszahlen mag das nicht unbedingt etwas ändern, finanziell kann es sich aber wie oben schon beschrieben durchaus lohnen. Sicher erfordet das mehr Arbeit vom Künstler, aber das Ergebnis am Ende sollte dafür entschädigen. Je schneller man also das Internet für sich adaptiert, desto erfolgreicher sollte man am Ende dastehen.

Eine andere Möglichkeit wäre eine Musik-Flatrate, beispielsweise wie Last.FM es eingeführt hat: Der Kunde zahlt einen monatlichen Festbetrag und kann dafür soviel Musik hören, wie er will. Der Künstler wird dabei nach angehörten Songs bezahlt. Für selbigen kann sich sowas durchaus lohnen, schließlich muss er nichts weiter tun als seine Songs bei Last.FM einzustellen (und ggf. ein bisschen Werbung dafür zu machen), der Rest ergibt sich dann. Eine Netzflatrate wäre auch denkbar, also ein Aufpreis auf den regulären Internetanschluss, der einem Zugang zu einem Musiknetzwerk ermöglicht, Ausschüttung an den Künstler dann ähnlich wie bei Last.FM. Legales Filesharing sozusagen. Für den kleinen Mann dürfte sich das ebenfalls lohnen: Wenn mir alle Musik dieser Welt (im übertragenen Sinne…) zu Füßen liegt kann ich auch in vieles reinhören, ob es mir gefallen könnte – im CD-Laden meines Vertrauens dürfte mich der Verkäufer nur blöd anschauen, wenn ich da mit 100 CDs auf einmal zum Probehören antanzen würde. Vielleicht bin ich da auch gutgläubig, aber ich denke, dass die meisten Filesharer sich nur deswegen ihre Musik aus anderen, inoffiziellen Quellen besorgen, weil sie die Preise überzogen finden. Wären diese angepasst, dürften es sich so einige zwei Mal überlegen, ob das Erzeugnis nicht vielleicht doch den ein oder anderen Euro wert ist. Ein netter Nebeneffekt könnte übrigens sein, dass damit auch die generelle Qualität der Musik steigen könnte – wer will schon Geld für totalen Schrott ausgeben? Warum gerade die Majors darauf noch nicht angesprungen sind ist mir nach wie vor schleierhaft.

Das ganze Geschäft befindet sich im Moment in einem Umbruch; unsere Generation ist mit dem Internet aufgewachsen, wir kennen es teilweise gar nicht mehr anders, und über kurz oder lang wird der Vertrieb von Musik auf Datenträgern nur noch ein Nischengeschäft sein, während das wirkliche Geld im Netz gemacht wird. Dass bei diesem Wandel der ein oder andere auf der Strecke bleiben wird lässt sich wohl nicht vermeiden, und ist wohl auch Grundlage dieser Diskussion über den kleinen Künstler, aber ich behaupte einfach mal, dass in ungefähr 10 Jahren jeder kleine Musiker im Internet vertreten sein wird und sich dort vermarktet. Und damit Erfolg haben wird.

14 Kommentare

  1. el-flojo

    Das kann ich nur unterschreiben.
    Das ganze Geschäftsmodell basiert doch momentan auf Abschreckung und Gier. Anders kann ich das nicht mehr bezeichnen. Das Schlimme an der “klassischen” Vertriebsversion ist ja, dass ich einen Künstler nicht unterstützen kann ohne gleichzeitig die Musikindustrie zu unterstützen und zu bestärken.
    Der Weg kann und muss deshalb so aussehen, wie auf der Grafik.
    Abwarten. Wir leben in einer spannenden Zeit!

  2. Andre

    Guter Post und sehr wahr. Wird Zeit, dass sich auf dem Gebiet was ändert. Klar wird es für Künstler unter Umständen schwieriger sich am Markt zu halten. Andererseits hat der Verbraucher dann viel direkter die Möglichkeit zu bestimmen was er will, und was nicht. Wodurch sich im Endeffekt deutlich weniger Crap auf dem Markt halten würde. Das wäre doch mal etwas.

  3. Markus

    Schöner Artikel!
    Das Prinzip der Direkt-Vermarktung lässt sich sicherlich auch auf kleine(re) Bands übertragen. Ich hab’s bisher stets so gehalten, dass ich CDs von kleinen, lokalen Bands prinzipiell nicht für Freunde o.Ä. gebrannt habe, da mir der Aufwand & die Arbeit der Bands stets bewusst war. Sowas “verrät” man nicht (finde ich zumindest).
    Daher wäre die Möglichkeit, der Band zumindest einen kleinen Betrag zukommen zu lassen, natürlich super. Woher ich die Stücke habe bliebe dann ja relativ egal. Diese “Anerkennung” würden sicherlich auch genügend Leute zahlen.
    Voraussetzung ist und bleibt dabei natürlich immer qualitativ hochwertige Musik. Wie Andre schon schreibt: Vielleicht schrumpft der Markt sich ja gesund.

  4. Falk

    Die Grafik da oben find ich trotzdem falsch. Oder glaubt wer ernsthaft, Mr. Reznor oder Herr Yorke machen das alles ganz allein mit ihren Bandkollegen im stillen Kämmerchen?

  5. Jeriko

    Sicher nicht, das zeigen ja schon die Credits im PDF der NIN-Scheibe. Und natürlich ist der Gedanke, die Labels könnten an der aktuellen Situation zugrunde gehen, völlig utopisch, dafür gibt es immer noch mehr als genug “Stars” denen nur das Geld wichtig ist, nicht ihr Produkt (so es denn überhaupt ihr Schaffen ist…). Der Middle Man ist aber auch heute noch der Hauptverdiener in dem ganzen Prozess, ist aber andererseits auch nicht bereit, auf die neue Situation angemessen(!) zu reagieren. Und letzten Endes leidet darunter dann der Künstler.

  6. Falk

    Ich find die Diskussion darüber, wie sich ein Partner der Künstler “aufzuführen” hat verdammt wichtig. Denn du sprichst ja grad auch unbekanntere Bands an, die auf jede nur mögliche Hilfe angewiesen sind. In noch stärkerem Maße, wie schon etablierte Bands. Das es ein Unding ist, daß die Mittelsmänner den größten Teil von Einnahmen erhalten, ist unbestritten…Genau darin besteht ja meiner Meinung nach auch das Manko und das damit verbundene schiefe Weltbild Vieler, was ein Label eigentlich macht. Aber kommt Zeit, kommen neue Labels – ich versuchs ja derzeit auch grad zu realisieren ;)

  7. Jeriko

    Es ist wohl einfach die Gier, die dahinter steckt. Nur mit CD-Verkäufen werden heute wohl die wenigsten Künstler reich, da streicht der Mittelmann den größten Teil ein – ich erinnere da nur an den Fall von Year Zero in Australien, wo das Label zugegeben hat, die CD teurer in den Laden zu schmeissen, bloss weil die Fans es trotzdem kaufen würden. Reznor hat von den Mehreinnahmen natürlich nichts gesehen.
    In der Folge sucht man sich andere Einnahmequellen, beispielsweise durch Erhöhung der Preise für Konzertkarten oder Merchandising. Das ärgert aber wiederum den Fan. Teufelskreis.

    Und das mit der Hilfe… ich bin mir da eben nicht so sicher. Also aktuell ist das unbestritten, ja, aber wer weiss, wie das in 10 Jahren aussehen könnte, wenn das Internet bei wirklich jedem im Alltag angekommen ist und dort dann auch das Hauptgeschäft gemacht wird. Ich kann zumindest für mich sagen, dass ich neue Musik bzw. Künstler nur(!) noch übers Internet finde, hauptsächlich Last.FM, Musikblogs etc. Dafür brauchen die Künstler dann aber keine Labels mehr. Um Musik zu produzieren reicht teilweise schon heute ein einzelner Computer anstatt einem kompletten Studio. Und so weiter… Wie schon oben geschrieben, der Wandel ist nicht unbedingt schmerzfrei – aber das waren Wandel ja noch nie.

  8. Falk

    Beschränk es nicht nur auf CD-Verkäufe. Von Musik machen wird kaum wer reich – ich würd es auf den Nenner bringen. Und wenn ein Newcomer Musik macht, um Geld zu verdienen, soll er es gleich lassen. Das kann und darf nicht die Intention sein. Aber egal, wie die Technik voranschreitet – ein Musiker wird nicht automatisch auch diese Techniken und Möglichkeiten nutzen können oder wollen. Sei es aus purem Zeitmangel, technischer Unversiertheit oder einfach auch Scheu davor. Du wirst immer Gründe finden können, warum ein Musiker das selbst nicht kann. Und wie bitte soll er sich um seinen mySpace, last.fm oder was weiss ich Account kümmern, wenn er auf Tour ist. Und das vielleicht die meiste Zeit, weil das immer auch noch eine der sichersten Methoden ist, die Menschen da draussen zu erreichen? Und ein guter Produzent lässt sich auch nicht durch einen PC ersetzen – das sind immer alles auch Menschen, die Musik lebendig werden lassen. Ganz so einfach find ich es dann eben doch nicht…

  9. Matthias

    Aber vielleicht ändern sich einfach nur die Machtverhältnisse zugunsten des Musikers. Er kann ja ein Label oder wen auch immer dafür engagieren, seine Accounts zu pflegen, Promotion zu machen usw. Aber dieser Dritte ist wird dafür dann vom Musiker bezahlt und nicht umgekehrt. Das setzt natürlich auch ein Umdenken beim Musiker voraus, bei Trent Reznor hat das ja schon eingesetzt. Vermutlich hat er nicht selbst die Webseite aufgesetzt und sich um die Rechner-Infrastruktur gekümmert, das hat ein Dienstleister übernommen. Labels werden also vielleicht in Zukunft mehr denn je Dienstleister für die Musiker werden. Nur mal so als Idee …

  10. Falk

    Labels werden also vielleicht in Zukunft mehr denn je Dienstleister für die Musiker werden.

    So seh ich das ja auch, nur müsste das mal wer den Indies verraten. Allerdings geht damit aber auch ein Großteil des Risikos, wie Produktionskosten und Kosten für Marketing, wieder zu den Bands über. Und genau das haben die meisten anscheinend auch noch nicht wirklich realisiert…

  11. Cait

    Wenn es solch ein System irgendwann tatsächlich mal geben sollte, dann hätte ich sowas von gar kein Problem damit, meinen Lieblingskünstlern jede Woche einen Euro zukommen zu lassen. Wenn man bedenkt, wie viele Lieder von Outkast ich schon bis zum CD-Sprung gehört habe… o_O

  12. .campino2k

    Also… Ich hätte mir das Album gerne in doppelter Fassung direkt bestellt, für einen Bekannten und für mich. Wenn ich aber nach Deutschland 13,ebbes $ an Gebühren für Shipping&Handling habe, pro Album (bei einer Ich-bestell-das-zusammen-Bestellung), vergeht mir da irgendwie die Lust. 20$ für die CDs und 26$ für s&h. Das ist selbst beim momentanen Dollar-Euro-Kurs etwas bescheiden.

  13. Jeriko

    campino das Album soll ja auch ganz normal in den Handel kommen. Ob dann aber ebenfalls ein 10$ Preis dabei rauskommt darf wohl bezweifelt werden…

  14. barbex

    Ich hab zwar nicht wirklich Ahnung von Muisk, aber ist Jonathan Coultan http://www.jonathancoulton.com/ nicht ein gutes Beispiel, wie man heute als Musiker ohne Label überlebt?
    Sämtliche Songs kann man kostenlos auf der Webseite herunterladen, trotzdem kommen die Leute zu seinen Konzerten und kaufen dort die CD. Konzerte werden auf der Webseite mit einer Art Bestellliste organisiert, wenn sich 100 Leute in einer Stadt eingetragen haben, kommt er.
    Hier ist ein Interview mit ihm http://www.themerlinshow.com/ep/002-interview-jonathan-coulton
    ist veilleicht ganz interessant.

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