Vielleicht ist dem ein oder anderen noch Audiogalaxy ein Begriff, eine weitere Tauschbörse, als Napster gerade auf dem Höhepunkt war. Bei Letzterem ergab sich für mich aber immer das Problem, dass man zwar ohne weiteres die neusten Hits von den Backstreet Boys, N'Sync und wie sie alle hießen, downloaden konnte, wenn es aber um Genres abseits des Mainstreams - Metal - ging, war meistens Ebbe. Audiogalaxy dagegen bot wirklich alles, zwar über ein schrottiges Download-Programm, aber darüber konnte man locker hinweg sehen. Mein altes Analog-Modem musste damals ganz schön schuften, und es war an und für sich schön, eine riesige Auswahl an Musik zu haben. Wenn ich schätzen müsste, ich würde sagen, knapp die Hälfte von all den Downloads habe ich nie gehört. Aber wenn man abends mal wegging, der DJ einen Song auflegt, der sofort ins Blut ging, man kommt nach Hause, schaut schnell nach, tatsächlich, man hat den Song bereits und kann ihn nochmal hören. Ja, das war ein schönes Gefühl.
Irgendwann hat die Festplatte den Geist aufgegeben. Und der anfängliche Schock ob all der verlorenen Musik wich schnell einer gewissen Gleichgültigkeit. Es war ja nicht so wichtig, mein Leben hängt nicht davon ab, wie es zum Beispiel bei wichtigen Dokumenten der Fall gewesen wäre, und schlimmer noch: Ich konnte mich bis auf fünf oder sechs Alben nicht mal daran erinnern, was dort alles gespeichert war. Es war mir wohl einfach egal.
Ungefähr zu der Zeit kamen auch die ersten besseren Nebenjobs, und die Kohle wurde dann für CDs ausgegeben. Der Einkauf ist für mich ein bisschen wie ein Ritual: Beim Händler des Vertrauens in den Neuheiten stöbern. Die Vorfreude auf dem Weg nach Hause, im Gepäck die frisch erworbenen CDs. Das erste Anhören, das Stöbern im Booklet, das wirkliche Befassen mit der Musik, den Stellplatz im Regal aussuchen, die Zufriedenheit im Allgemeinen. Kein Download, egal ob legal oder illegal, kann mir all das geben, und das ist auch der Grund, warum ich, obwohl durchaus internet-affin, erst ein einziges Mal online Musik gekauft habe. Ich habe alle meine CDs mindestens einmal gehört; fragt man mich nach einem Album, kann ich "Ja" oder "Nein" sagen, nicht "Weiss nicht, muss ich mal nachschauen...". CDs kaufe ich zwar nach Geschmack, aber bewusst: Will ich eine Album, dann will ich es auch um der Musik willen, nicht einfach weil ich es haben will. Ich will nicht bestreiten, dass das mit Einkäufen in iTunes auch möglich ist, aber es ist eben nichts für mich.
Wenn mir Kumpels ihre iPods unter die Nase halten und auf die 20.000 Songs oder so darauf verweisen, dann kann ich das verstehen. Es geht ihnen dabei um eine möglichst große Auswahl, nicht darum, alles zu kennen. Der Zeitpunkt, an dem ein Song mal relevant sein könnte, der kann sich ja noch ergeben. Nur: Ich brauche diese Auswahl nicht mehr permanent bei mir, das Internet bietet mir zu jedem Zeitpunkt mehr als genug Möglichkeiten, meinen Horizont zu erweitern.
Eine Antwort auf nilzenburger's mehr als lesenswerten Beitrag zur Kunst, die atmen will.