Donnerstag, 11. Oktober 2007

Ich wollte ja eigentlich was schreiben, warum das Geschäftsmodell der Majors nicht wirklich tot ist

Conscience cleared

Und vielleicht mache ich das auch noch, aber jetzt gerade bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Ich mein, waren das zwei Wochen, oder waren das zwei Wochen!? Erst kommen Radiohead und überlassen es dem Fan, wieviel er für den digitalen Download ausgeben möchte, also, wenn gewünscht, auch kostenlos. Das Experiment scheint geglückt zu sein, laut Gigwise haben die Jungs bereits 1,2 Millionen (nochmal: 1,2 Millionen!) Alben verkauft. Selbst wenn jeder nur 10 Cent bezahlt hätte, wären das immer noch 120.000$, die direkt an Radiohead gehen.

Dann springen Oasis und Jamiroquai auch auf diesen Zug auf und kündigen an, ihre nächsten Alben ebenfalls als Download mit freier Wahl des Kaufpreises anzubieten. Wie’s mit Jamiroquai heute aussieht weiss ich nicht, aber Oasis sind sicher keine kleinen Jungs!

Anfang dieser Woche dann verkündet Trent Reznor, sein Deal mit Interscope ist vorbei. Das letzte Album Y34RZ3R0R3MIX3D kommt am 20. November, danach ist er ein freier Mann. Und jetzt auch noch Madonna, die einen Deal mit einem Konzertpromoter in Los Angeles über drei Alben, Touren, Merchandise etc. abschliessen will. Ist zwar nicht das gleiche, zeigt aber, dass man heutzutage die Majors nicht mehr braucht, um seine Musik an den Hörer zu kriegen.

Pop star Madonna is close to leaving her long-time Warner Bros. Records label for a wide-ranging $US120 million (A$134 million) deal with concert promotion firm Live Nation [...] Madonna would receive a mix of cash and stock in exchange for allowing Live Nation to distribute three studio albums, promote concert tours, sell merchandise and license her name.
Sidney Morning Herald

Und ich wollte ja sowas anbringen wie, dass das meiste Geld doch über die Massen gemacht werden, so dass einzelne Künstler zur Not auch unter den Tisch fallen können. Dass es Musiker wie 50 Cent und Kanye West gibt, die sich einen Wettstreit liefern, wer mehr Alben verkaufen kann, und natürlich rennen die Fans dann auch direkt los, sicher zum Gefallen der Labels. Dass es Marionetten wie Britney Spears gibt, die zwar heute zugegebenermaßen keiner mehr hören mag, die aber mal sehr erfolgreich, aber am Ende doch nur ein von vorn bis hinten perfekt designtes Produkt war. Singen und tanzen musste sie, der Rest wurde für sie übernommen. Dass es Musiker wie Metallica gibt, die auch mal eine komplette Tauschbörse verklagen, weil dort Songs von ihnen gefunden werden. Dass die Labels auch andere, mitunter zweifelhafte Möglichkeiten haben, an Geld zu kommen. Und so weiter und so weiter.

Aber das Ding mit Madonna… also ich sags mal so, die Zeichen sind gesetzt, und sie zeigen unmissverständlich in eine Richtung. Aber bis diese von den Labels auch eingeschlagen wird, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen. Leider.

13 Kommentare

  1. Enk

    Tja, was soll ich sagen: Hab bei Radiohead das erste Mal in meinem Leben einen kostenpflichtigen Musikdownload genutzt (wobei der ja noch nicht mal “pflichtig” war, hab aber trotzdem bezahlt). Das ist einfach ein fairer Deal für alle. Auch wenn das noch optimierungsfähig ist, ein vernünftiges Booklet hätte man als pdf schon noch beilegen können.

  2. Jeriko

    Ich hör sie ja auch nicht, aber: Sie ist ein Megastar – und das Mega ist sicher nicht übertrieben! Und wenn so jemand seinem Label den Rücken kehrt, um alternative Vertriebswege zu nutzen, dann bedeutet das einiges.

  3. robert

    Durchaus. Wobei ich bei all dem Hass – oder besser: Der Ablehnung der Majors, die ich in vielen vielen Belangen durchaus gerechtfertigt sehe, immer Bedenken habe, da ja gerade die Majors es auch schaffen können bis dato unbekannte Bands zu völlig gerechtfertigtem Ruhm zu pushen. Eben durch die Einnahmen aus anderweitig abgeschlossenen Knebelverträgen. Zwiespältige Angelegenheit und ich bin mir auch noch nicht mir selber einig, ob ich den kriechenden NIedergang der Majors nun feiern soll oder nicht.

  4. Falk

    Robert, du meinst ja sicher die (neudeutsch) Gatekeeper-Funktion der A&R? Halte ich persönlich auch für ein Relikt aus besseren Zeiten für diese monströsen Werbemaschinen a.k.a. Major. Was mich viel mehr verwundert, wie krampfhaft sich die ganzen Indies derzeit noch an ihr altbewährtes und imho obsoletes Geschäftsmodell klammern, anstatt über die oben angesprochene Masse mit recht geringem Aufwand die Perlen im Fantest herauszufischen. Grad das ist doch deren Chance oder nicht?

    Und zum noch vorhandenen Geschäftsmodell: Für die Majors bleibt doch eine große Masse belangloser und untalentierter Möchtegern-Stars übrig, die in der Zielgruppe 12-14 noch für Umsatz sorgen.

  5. Jeriko

    @Falk: Dein letzter Satz bringt es auf den Punkt und ist ja auch schon in meiner Überschrift enthalten: Es wird auch in Zukunft mehr als genug Plastik geben, dem es nur sekundär um die Musik als solche geht, mehr um das schnelle Geld. Man schaue sich nur Tokio Hotel an, das sind Cash Cows par excellence! Oder als Negativbeispiel wieder Fräulein Spears: Die kriecht schon am Boden, und trotzdem versucht man sie noch ein bisschen zu melken. Oder aber andere Märkte werden erschlossen, Stichwort Klingeltöne.

  6. Falk

    Ich denke und hoffe, daß wir derzeit eine Trennung beobachten dürfen. Wieder hin zur Musik als solches, welche eine Wert für die Menschen besitzt. Selbst wenns nur ein ideeller sein sollte. Und genau über diese Verständnis wird es zukünftig als Künstler mit Ambitionen möglich sein, die Menschen zu erreichen, die einen mögen. Auch ohne die ganze Maschinerie, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen. Ich denke auch, daß der Umbruch, den wir herbeigesehnt und jetzt erleben dürfen, mehr Chancen als Gefahren in sich birgt. Dass dabei einige ob ihrer Borniert- und/oder Unwissenheit auf der Strecke bleiben, ist zwar schade, aber auch kein Beinbruch – was eigentlich nur heißt, daß mir das Gejammer der kleinen Firmen zwar in den Ohren liegt, ich dagegen aber auch nichts tun kann, wenn sie rückwärtsgewandt agieren.

  7. robert

    Falk:
    Ja, das meine ich. Aber irgendwie habe ich halt Bauchschmerzen dabei, wenn man sich diese Möglichkeit verbaut (auch wenn sie momentan nicht genutzt wird). Kann ich nichtmal richtig begründen.

    Jeriko:
    Aber ist nicht gerade mit dieser leise anfangenden Reform des Musikmarktes momentan in uns allen auch ein bisschen die verzweifelte Hoffnung versteckt, dass dadurch Musik wieder zu etwas zählbarem, zu etwas wertvollem wird und es Bands wie gerade Tokio Hotel in Zukunft deutlich schwerer haben werden so groß zu werden, weil der Hype wegfällt und sich Qualität wieder vor Quantität setzt? Sonst hätte das ja alles nix gebracht :)

    Generell denke ich, dass wir abwarten sollten. Jede Entwicklung bringt erstmal negativere und positivere Seiten mit sich – Veränderung halt. Wie ich schon anmerkte bin ich mir noch nicht ganz so sicher, ob ich den jetzt eingeschlagenen Trend vollkommen gut finden soll.

    Wenn sich Bands komplett selber vermarkten können dank des Internet, dann erreichen sie sicherlich schneller und direkter ihre Zielgruppe. Trotzdem werden sie auf lange Sicht nicht das Geld und die Connections(never underestimate business lunchs ;)) haben, um sich auch in der Offline Welt einen Namen zu machen. Man darf nämlich nicht vergessen, dass ein toller Webshop pro Band absolut nichts bringt, wenn die Platte nicht im Laden steht und von Leuten erworben werden kann, die kein Internet haben (solls ja noch geben).

    Sicherlich werden wir beide Extreme (nur offline . nur online) der Vermarktung nicht finden, aber es ist ein schmaler Grat, der Kompromiß der da gefunden werden muss.

  8. Falk

    wenn man sich diese Möglichkeit verbaut

    Jetzt muss ich doch nochmal nachhaken – du meinst die Möglichkeit, daß es Menschen gibt, die die Funktion eines Talentscouts haben, gute Musik finden, fördern und später vermarkten? Denn die gibts noch, nur sitzen die selten bis kaum in schick eingerichteten Büros ;)

  9. robert

    Falk:
    Nicht nur Talentscouts. Ich meine eher die Möglichkeit, dass es ja dochmal passieren kann, dass eine Band wie Tokio Hotel ein paar andere gute Bands quersubventioniert, die ohne den finanziellen Erfolg von gehypten Mistacts keine Chance hätten einen Vertrag zu kriegen.

  10. Falk

    Okay, du erwähnst da einen der Aspekte, den ich auch kritisch betrachte. Denn Musik (bekannt) machen heißt eben auch, neben viel Zeit, Geld zu investieren. Allerdings wage ich durchaus in dem Punkt zu widersprechen, daß es nur durch Quersubventionierung möglich ist, talentierte Bands erfolgreich zu machen. Ich denke einfach, wir betrachten hier das typische Henne-Ei-Prinzip, die Belanglosigkeit des Mainstream ergibt sich doch nicht ausschliesslich aus dem Käuferwillen. Diese sind doch durch Medien sozialisiert, die sich eben auch kaum noch die Mühe machen, Themen vorzugeben. Und schwupps sieht sich jeder der Beteiligten (Käufer, MI, Medien) als Opfer des Systems, ist aber doch genauso Täter.

    Will sagen: Eine Rückbesinnung auf Qualität würde sich auf Dauer und lange Sicht viel mehr rentieren, als Quartalsergebnisse über schiere Masse (mit dem einen oder anderen Lichtblick) zu halten. Das jetzt das Netz als Katalysator wirkt, dieses System noch schneller bloßzustellen, welches eben über ein Jahrzehnt für mächtige Renditen sorgte, nehm ich da dankend zur Kenntnis.

  11. Joaquin

    Was man hierbei nicht vergessen sollte, es handelt sich bei diesen Künstlern um jene, die sich über die Majors einen großen Namen in der Welt machen konnten. So ist es nun auch ein leichtes für sich und über die Medien andere Vertriebswege anzukündigen, so dass es bei den Massen Gehör findet.
    Wieviele der kleinen Künstler kennt man, welche ohne die Hilfe eines Majors groß rausgekommen sind und sei es auch nur, nachdem sie zuerst über das Internet auf sich aufmerksam gemacht haben? Gibt es da irgendeinen, der rein ohne Major in den Zwischenschritten, von Null auf Hundert gekommen ist?

  12. Falk

    Joaquin, da hast du vollkommen recht, Beispiele für eine Karriere außerhalb der klassischen Vertriebsstrukturen gibt es *jetzt* noch keine. Aber ich bin mir sicher, daß diese folgen werden. Und ich denk auch, daß es für kleine Bands einen Unterschied macht, statt eventuell 10-20 CDs erstmal nur 10.000-20.000 Downloads oder 100-200 Digitalverkäufe zu realisieren. Blauäugig darf da keiner sein oder sich Illusionen hingeben, daß hier ein neuer Weg aufgezeigt wird, schnell berühmt und reich zu werden ;)

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