Die zweite mündliche Prüfung wurde gerade abgenommen, das Abitur hatte ich zu dem Zeitpunkt so oder so schon in der Tasche, außer ich hätte diese Prüfung mit 0 Punkten komplett versemmelt. Aber das habe ich nicht. So viel Bockmist ich mir dabei auch zusammen geredet habe, wenigstens 1 Punkt war mir sicher. Langsam ging ich aus dem Raum, schloss die Tür leise hinter mir und rannte los zu meinem Date mit Mary Jane. Im Vorbeilaufen all die anderen gesehen, die schon am feiern waren. Egal, Prioritäten setzen! Später dann auf den Goetheplatz zurückgegangen, und gerade lief
Donots – Schools Out
Das war es also. Wir alle hatten unser Abitur in der Tasche, zwar noch nicht offiziell, aber wir wussten es trotzdem. All die Anspannung, die Ungewissheit, ob alles funktionieren würde, der Druck, der auf einem lastet, all die Lernerei – na gut, bei mir nicht unbedingt… – sie war vorbei. Wir feierten ausgelassen vor uns hin, lachten, hatten unseren Spaß, redeten über Gott und die Welt, tranken Champagner, Sekt, Bier, die Musik lief im Hintergrund. Alkohol war tagsüber eigentlich nicht gern gesehen, aber wer wäre denn die Heimleitung, würde sie jetzt einschreiten und uns zur Ordnung ermahnen. Es hätte sowieso nicht funktioniert.
Und doch kam mit dieser Erleichterung, diesen Lebensabschnitt erfolgreich absolviert zu haben, eine neue Ungewissheit: Wie wird es jetzt weitergehen? Viele hatten immer noch keine genaue Vorstellung, wie sie sich ihr Leben wünschen. Zivildienst oder Bundeswehr, freiwilliges soziales Jahr, dann kann man ja immer noch weiter sehen. Studium hier, Ausbildung da, interessant, was die Freunde sich so ausgedacht haben – in dieser Hinsicht war ich ja gänzlich unoriginell und habe dann ein Informatikstudium angefangen, was sowieso jeder von mir erwartet hat. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und auch noch nicht mal das Wichtigste. Mangels Vergleich kann ich nur vermuten, dass ein Abschluss auf einem Internat noch einmal was anderes ist. Wenn man auf engstem Raum zusammen wohnt und nur selten die Möglichkeit hat, dem ganzen ein wenig zu entgehen, dann wird alles automatisch intensiver, vor allem die Freundschaften. Man sieht sich täglich, in der Schule, nach der Schule, abends, man lernt jeden einzelnen besser kennen, als es eine normale Schule je möglich machen könnte. Es entstehen Freundschaften, die an Intensität kaum zu überbieten sind. Alles ist ein wenig wie eine kleine Seifenoper, und das meine ich völlig ernst. Darin unterscheidet sich ein Internat nicht von einer normalen Schule, nur bekommt man es wesentlich schneller und wesentlich direkter mit. Es stärkt aber auch den Zusammenhalt, wenn man weiss, dass man gerade nicht nur drei Jahre Schule, sondern auch drei Jahre Leben zusammen verbracht hat. Und so stehe ich auf dem Goetheplatz, das Bier in der einen, die Zigarre in der anderen Hand, sehe mir meine Freunde an und weiss genau: In zwei Wochen werde ich das Internat verlassen und einige nie wieder sehen. Es ist nun mal so, man findet dort Menschen aus ganz Deutschland (oder noch weiter weg), und man kann sich ja versprechen was man will, von wegen Freundschaft wird ewig halten und wir bleiben in Kontakt und telefonieren häufig etc. Ich war da nicht so naiv, zu glauben, dass das wirklich der Fall wäre. Bei einigen hat es mich überrascht, wie schnell man sich aus den Augen und dem Sinn verloren hat, bei anderen nicht. Das wusste ich an diesem Tag natürlich nicht, und es hat mir ein wenig Angst gemacht. Ich habe nicht nur die Schule abgeschlossen, sondern einen Teil meines Lebens.
Was solls. Fuck it. Das war unser Tag, und wir sollten ihn gefälligst genießen! Die nächste Zigarre war schon angezündet, das nächste Bier aus dem Kühlschrank geholt, und wir feierten weiter. Morgen können wir uns dann ja immer noch Gedanken darüber machen. Und aus den Boxen kamen wieder die Donots.
Mangels Video stattdessen “We’re not gonna take it”, ebenfalls von den Donots
ich weis nicht ob es ein cover von alice cooper ist
aber an meinen letzten schultag dieses Jahr hab ich nach der schule erst mal schools out for summer gehört