Manchmal habe ich das Gefühl, Obdachlose sind die einzigen Menschen auf der Welt, die noch wirklich Zeit haben. Zeit für sich, Zeit für andere. Früher, als ich noch in Köln gewohnt habe, da sah man mich öfter mit den Punks, Obdachlosen, Schnorrern, Pennern, Bettlern, wie sie eben genannt wurden, wenn sie auf der Domplatte saßen. Gerade die haben teilweise die besten Stories, straight from life. In Mannheim passiert das leider nicht mehr allzu häufig, weil ich mir selber kaum noch die Zeit dazu nehme. Eigentlich schade.
Mark ist so einer. So um die Ende zwanzig, Anfang dreißig, man trifft ihn bevorzugt vor der Sparkasse am Paradeplatz an, aus rationalen Gründen: Die meisten Menschen kommen dort vorbei, und bei einer Bank kann man davon ausgehen, dass die Leute mit Geld raus kommen. Keine Ahnung wie wir ins Gespräch gekommen sind, ich glaube es war sein Hund, ein Schäferhund-Mischling, aber es dauerte nicht lang und ich saß neben ihm und wir diskutierten über Gott und die Welt. Er mag seine Situation nicht, aber noch weniger kann er sich als einer von denen vorstellen, die tagtäglich an ihm vorbeilaufen: Gefangen in einem System, dem man sich anpassen muss, wenn man nicht auf der Strecke bleiben will. Er dagegen hat die absolute Freiheit, zu tun und zu lassen, was er will, mal abgesehen von der täglichen Suche nach Geld, um am Leben zu bleiben. Wenn er spricht, seine Geschichten erzählt, dann hat er dieses Glänzen in den Augen, und man weiß sofort, er hat noch richtige Freude am Leben und genießt es in vollen Zügen. Er hat die Zeit dazu. Er hat sich nicht aufgegeben.
Und sitzt man mal für eine Stunde dort, so kriegt man erst ein Gefühl für „die andere Seite“. Menschen, die sonst nur auf den Boden starren, während sie beschäftigt sind, möglichst schnell von Punkt A nach Punkt B zu kommen, nur wenn sie an uns vorbei gehen wird der Blick stur nach vorne gerichtet, um ja nicht in die Verlegenheit kommen zu müssen, Mitgefühl zu zeigen, oder noch viel schlimmer: die Geldbörse zu zücken. Mark bettelt nicht. Er hat seine Kappe vor sich liegen, sicher, aber er spricht die Leute nicht an. Wenn doch jemand ein paar Münzen rein schmeißt, bedankt er sich höflich und wünscht noch einen guten Tag. Es ist keine Floskel, er meint es ehrlich. Ich hatte stellenweise das Gefühl, er hat ein besseres Leben als all die anderen. So komisch das klingen mag – man ist doch heutzutage ständig über irgendwas besorgt, mit irgendwas beschäftigt. Man will immer nur vorwärts, anstatt einfach mal stehen zu bleiben und sich umzuschauen. Man ist auf sich bedacht, vielleicht sein direktes Umfeld, aber alles dahinter ist das große Unbekannte. Mark hat dagegen eine unheimliche Menschenkenntnis, aus dem einfachen Grund, dass er die Zeit hat, sich und seine Umgebung wahrzunehmen.
Ich beneide ihn nicht um seine Situation. Ich bin froh, eine gewisse Sicherheit zu haben, mir nicht täglich Sorgen um die kleinsten Dinge des Lebens machen zu müssen.
Aber ich beneide ihn um seine Einstellung zum Leben.












