Mittwoch, 19. September 2007

Verkorkst.

bluegreenorange
Die Sonne geht gerade auf, eigentlich ein schöner Anblick, wenn man mitten auf einer Wiese steht, es ist ruhig, ja man möchte glatt sagen, es ist friedlich, niemand um mich herum, der mir in diesem Moment auf die Nerven geht, während ich damit beschäftigt bin, ins Gebüsch zu kotzen. Meine Lippe tut weh. Aber warum?

Rückblick, 8 Stunden vorher, etwa 23 Uhr abends, und ich befinde mich auf dem Weg in die Stadt, allein. Es ist samstag abend, und niemand hat Zeit, sei es, weil die neue Freundin wichtiger ist, chronischer Geldmangel, generelle Unlust, die üblichen Ausreden. Mir wars egal – kann ja nicht sein, dass man den einzigen wirklich freien Abend ungenutzt verstreichen lässt, und ich kann mich auch alleine amüsieren, solange ich meine Musik habe. Und Alkohol. Den ich bereits jetzt in ordentlichen Dosen konsumiere. Die Sicht verschwimmt schon ganz leicht, es wird schwerer, sich zu fokussieren, also genau richtig. Am Eingang werde ich von den Türstehern bereits schräg angeschaut. Keine Sorge Jungs, ich mach keinen Ärger, ich will nur meinen Spaß. Direkter Weg zur Bar, einen Doppelten, noch einen, ein Bier. Ist schon ganz gut was los hier, nur die Musik befindet sich noch auf Einstiegsniveau, nicht mein Ding, also die Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen.

In einer Ecke dann Max entdeckt, bester Kumpel aus der Zeit. Sehr gut, wenigstens einer, wenn die anderen schon weinerliche Wussies sind! Zielstrebig, noch war mir das möglich, steuere ich auf ihn zu, jetzt sieht er mich auch, uns liegt ein leichtes Grinsen auf den Lippen, wir wissen beide, warum wir hier sind. Mist, auf halber Strecke noch Dominik gesehen. Dominik war das Brain in unserer Klasse, ein Mensch, der so abartig viel Ahnung von Computern hatte, das man nur ungläubig staunen konnte, ein Mensch, dessen soziale Kompetenz sich auf Internetbekanntschaften beschränkte, und auch dabei geht es nur um Bits und Bytes, ein Mensch, bei dem man sich also schon wundern konnte, ihn hier anzutreffen, vor allen Dingen aber ein Mensch, mit dem man an einem Samstag abend nichts zu tun haben möchte. Ich versuche so zu tun, als hätte ich ihn nicht erkannt, laufe weiter auf Max zu, setze mich zu ihm. Zu spät. Dominik läuft in freudiger Erwartung auf mich zu. Hi, du hier, das ist ja toll, sag mal hast du die Programmier-Aufgabe schon gelöst, also ich hab da ja was richtig elegantes erstellt. Wirklich, das ist ja toll, und in Gedanken wünsche ich mich an einen anderen Ort, an dem es keine Computer gibt, keine Rheinische Akademie, in der man solche Leute trifft, einen Ort mit Litern, ach was, Gallonen von Alkohol. Das war übrigens ein gutes Stichwort, ja sorry Dominik, ich müsste doch mal kurz an die Bar, aber man sieht sich bestimmt nochmal. Hoffentlich nicht. Ein weiter Doppelter, noch ein Bier zum Mitnehmen. Der gerade Gang fällt schwer, die ersten Rempler. Nichts besonderes, die anderen sind ja auch nicht besser.

City LightsDie Musik wird treibend. Auf dem Stuhl hält es mich schon lange nicht mehr, immer wieder zieht es mich zur Tanzfläche, sofern man beim Bangen von tanzen sprechen kann. Alles dreht sich, der Alkohol verfehlt seine Wirkung nicht, der Sound geht direkt ins Blut, ich lasse mich treiben, go with the flow oder so ähnlich. Es ist mir egal, ob ich dabei scheisse aussehe, das ist mein Ding, meine Musik, hier mache ich, was ich will. Alle zusammen, aber jeder für sich. Max tut es mir gleich, am Tisch reden wir über die unsinnigsten Sachen, aber hier ist es so, als kennt man sich nicht. Stillschweigendes Einverständnis beiderseits, wir wissen ja, worum es geht.

Der Gang zur Toilette, über den Hof, ein bisschen Abkühlung, ich spucke leicht, lasse mein Bier fallen. Mist. Prioritäten müssen gesetzt werden, also doch erst wieder rein, einen Kurzen, ein Bier. Die Pissrinne kann man zum Glück nicht verfehlen, alles andere wäre in meinem Zustand schwer geworden. Auf dem Weg nach draußen einen Streit zwischen einem Mädchen und irgendeinem Typ mitbekommen. In Gedanken stelle ich sie mir schon in Reizwäsche vor. Schüchtern wie ich bin, Frauen anreden war noch nie mein Ding, dachte ich mir, als Held, als Retter in der Not kommt man danach sicher irgendwie ins Gespräch. Das Gleichgewicht haltend gehe ich auf die beiden zu. Das Interessante am Alkohol ist ja, das man genau weiss, was man sagen möchte, aber sobald man den Mund aufmacht, kommt nur Scheisse raus. Konzentration! Alles in Ordnung bei dir? Nee, nicht so. Ey Typ, ich glaube es wird Zeit für dich zu gehen. Ich setze einen ernsten Blick auf, kombiniert mit meiner Körpergröße sollte das für einen guten Eindruck sorgen. Dachte ich mir. Die Faust, die mich im Gesicht traf, habe ich gar nicht gesehen, erst als sie ihr Ziel getroffen hat und ich auf dem Boden lag, wurde mir klar, was gerade passiert ist. Ich schmecke Blut. Sie lächelt mich an, alles in Ordnung bei dir. Hey klar, ist doch Kinderkacke, also, zu mir oder zu dir. Ich verkneife mir den Satz. Jaja, geht schon. Danke. Ich raffe mich auf, aber sie ist schon zwei Meter von mir weg. Great. Aufs Maul bekommen für nichts. Auf zur Bar, eine Serviette fürs Blut, ein Bier fürs Gehirn. Ich kann Max nicht mehr finden, wahrscheinlich ist er gegangen.

Die Musik wird immer besser. Die Lichter verschwimmen, ich habe einen leichten Tunnelblick, sehe nur noch das, was ich sehen will. Ich befinde mich nur noch auf der Tanzfläche, verschütte Bier, remple andere an, werde angerempelt. Der Umgang wird aggressiver, der eine dort drüben, der geht mir ganz besonders auf den Sack. Ich will gerade auf ihn zu, Klartext reden, der Weg wird mir versperrt. Wo hab ich das Gesicht schon mal gesehen? Richtig, der Türsteher. Es sei Zeit für mich, zu gehen. Blödsinn, ich hab doch gerade erst angefangen. Ich werfe ihm irgendwelche Sachen an den Kopf, zumindest glaube ich das, wer weiss schon genau, was ich da von mir gab. Es war nichts Angenehmes, der etwas rabiate Umgang mit mir, der angeschlagen wurde, als man mich zum Ein- bzw. Ausgang beförderte, lässt mich das vermuten. Ich brüll ihm noch irgendwas hinterher und wanke langsam von dannen. Auf dem Weg noch das süße Mädchen wiedergesehen, wie sie Arm in Arm mit dem Typ abzieht. Ach fuck it.

Alles dreht sich. Eine Straßenbahn, sie wird mich schon irgendwohin bringen. Endstation, wo zur Hölle bin ich? Oh, Wesseling. So gar nicht der Ort, wo ich eigentlich hin wollte. Langsam, ich will ja nicht schon wieder umkippen, kurz mal an der Laterne festhalten, das Gebüsch da sieht einladend aus.

Gegenwart. Der Magen ist leer, das Gehirn wird noch Stunden mit der Verarbeitung des Alkohols beschäftigt sein. An einer Pommesbude noch ein Bier für den Weg.

Fotos: Ari Bakker u. Sean McGrath

8 Kommentare

  1. r0ssi

    guter trip. dieses alleine besoffen in clubs rumstolpern auf der suche nach – ja was eigentlich? kenne ich, vermisse ich heute nicht mehr. lmh, oder? ist auch scheisse geworden…

  2. Jeriko

    Ja, LMH. Ich war aber schon lange nicht mehr da, keine Ahnung wie’s da heute so läuft. Zu meiner Zeit war oben noch die EBM/Darkwave Abteilung, aber die gibts ja schon lange nicht mehr…

  3. deeli

    während ich das gelesen hab, dachte ich noch so…ah, die live. und dann…weisste ja gar nicht, ob der aus köln kommt. dann: rheinische akademie…gut, denke ich, also doch.
    und weisst du, warum lmh klar war? wegen dem über den hof ins klo stolpern.
    man man man. man macht hier echt zuviel mit..

    lieben gruss.

  4. fishcat

    Ich wollte gerade fragen, wo du da gewesen bist, aber das wurde ja schon geklärt. :)
    In der LMH läuft eigentlich nur noch Emo oder Nu Metal (zumindest würde ich, die Musik normalerweise in “gut” und “scheiße” unterteilt, so kategorisieren ;)) – nicht empfehlenswert.

    Falls du nochmal hier sein solltest, solltest du eine der Nachtrock-Veranstaltungen mitnehmen… das ist musikalisch zumindest mein liebstes hier.

    Ach so, nebenbei: das neue Design gefällt mir! :)

  5. rene

    Yeah, Mann! Rawk!

    Das Design gefällt, nur untenrum wirkts irgendwie angeklatscht… das muss entweder eindeutiger getrennt werden (wie die sidebar, schick!), oder besser integriert werden… wie weiß ich jetzt aber auch nicht… Achse aufnehmen? Hmmm…

  6. Pablo

    Schickes Design.
    Geiler Artikel. :)

    Kommentarfeld geht im Opera 9.5 nicht btw.

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