Mittwoch, 19. September 2007

10 songs of my life | #4 Gigi D’Agostino – La Passion

Der Titel lässt ja schon schlimmes befürchten, aber keine Sorge, meine bevorzugte Musik bleibt nach wie vor handgemacht. Die Serie heisst aber nicht umsonst “10 songs of my life” – Lieder, die mit Momenten in meinem Leben gekoppelt sind, die ich immer damit assoziieren werde. Manchmal gewollt, häufig aber unfreiwillig. So ein Song ist

Gigi d’Agostino – La Passion

6. Februar 2000, es muss so 1 oder 2 Uhr nachts gewesen sein, genau weiss ich das heute nicht mehr. Wir waren unterwegs in der Stadt, Kneipentour eben. Die Stimmung war ausgelassen, man blödelte ein bisschen herum, war guter Dinge und wollte noch in Mike’s Milchbar, die einzige Kneipe, die unter der Woche um diese Zeit noch auf hat. Und dann war da auf einmal dieser Krach. Unvorstellbar laut, wie wenn Metall auf Metall trifft. Ein Kreischen, ein Quietschen, ein Donnern, und das alles zusammen. Instinktiv, oder vielleicht vor Schreck bin ich in die Hocke gegangen und hab mir die Ohren zugehalten. Keiner von uns wusste damit so richtig etwas anzufangen. Da war aber noch dieses vertraute Geräusch davor, das Geräusch, dass Züge machen, wenn sie die Weiche kurz vor dem Bahnhof passieren. Wir gingen schneller, gen Bahnhof, wir joggten, wir liefen, wir rannten. Unterwegs die ersten Blaulichter an uns vorbei.

Wir wollten keine Schaulustigen sein. Helfen, ich glaube dazu wären wir nicht in der Lage gewesen, und andere können das sowieso besser als wir. Wir zogen es also vor, auf der Schlosswiese in einigermaßen Entfernung zu verharren, geschockt von dem, was wir sahen. Blaulicht, Krankenwagen, Feuerwehrwagen. Verletzte werden weggebracht, neue Verletzte tauchen auf, Blut, weinende Menschen, Schreie, noch mehr Blaulicht. Dazwischen das Kamerateam eines Privatsenders, dass sich nicht entblödete, die Helfer an ihrer Arbeit zu hindern, um ein paar geile Aufnahmen zu kriegen. Keiner von uns konnte auch nur ein Wort herausbringen; das konnte doch gerade nicht wirklich passiert sein. Am Tag danach habe ich erfahren, dass es das Haus der Tante eines Freundes von mir war, sie war zu der Zeit im Urlaub. Mein Religionslehrer wurde gerufen, um den Menschen beizustehen. Wir hatten am nächsten Tag Religion. Er hat nur geweint. Ich konnte es nachvollziehen.

Natürlich waren wir nicht die einzigen, die von dem Krach angezogen wurden. Es bildete sich eine kleine Gruppe, die fassungslos das Geschehen beobachtete, zum Glück in ausreichender Entfernung. Unter anderem ein Mann mit einem Audi, ich glaube es war ein quattro, jedenfalls älter, aus dessen Anlage Techno lief. Die meisten Sachen kannte ich nicht. Gigi D’Agostino schon. Seitdem kann ich den Song nur noch damit verbinden – und es fällt mir schwer, ihn überhaupt nochmal zu hören. Nicht dass es sonderlich oft passieren würde, derlei Musik liegt mir ja eigentlich nicht. Aber ab und zu schnappt man ihn dann doch wieder auf, und die Erinnerung kommt wieder hoch.

YouTube mit Leidenschaft

Aufgrund eines falschen Weichensignals entgleist in der Nacht zum 6. Februar 2000 ein Zug am Bahnhof von Brühl, rast die Böschung hinunter und kommt erst in einem Einfamilienhaus zum Stehen. Acht Menschen sterben, 149 Verletzte, davon 46 schwer.

Die anderen Songs: #1, #2, #3, #5

4 Kommentare

  1. fishcat

    Die Lieder, die sich ganz ungefragt in unser Leben (und vor allem in unsere Katastrophen) drängen, sind doch die, die uns am hartnäckigsten verfolgen… und am meisten berühren.

  2. el-flojo

    Himmel. DIE Story hätte ich bei dem Lied jetzt nicht erwartet.
    Schon heftig und definitiv nichts, was man selbst erleben möchte…

  3. MC Winkel

    Zum Thema kann ich nix sagen, aber das neue Layout ist derbe!
    Obwohl ich mich gerade erst an das alte gewohnt habe.
    Und Comments jetzt auch oben.
    Naja.
    Gewöhne’ ich mich dran.
    Und dann kommt bestimmt wieder ein neues Layout.

  4. HR

    Auch OT, auch zum Design:
    Mir ist aufgefallen dass bei deinem letzten Design die “Beitrag-vor” und “-zurück” Buttons besser zu klicken waren und, meiner Meinung nach, auch besser aussahen. Eventuell kannst du ja die Pfeile wenigstens etwas größer machen…

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