Samstag, 04. August 2007

Mundtot

Mundtot

Worüber kann man heute eigentlich noch kritisch bloggen, ohne sich der Gefahr eines finanziellen Ruins in Form einer Abmahnung auszusetzen? Stop, streicht das kritisch: Worüber kann man überhaupt noch bloggen? Es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn man sieht, was heutzutage alles abgemahnt wird. Spitznamen, die in keinster Weise in einen negativen Kontext gesetzt waren. Du hast Bewerbungsfotos von dir gemacht und willst sie auf deiner Website zeigen? Überleg dir das lieber, könnte sein, dass das Fotostudio dir sonst eine Rechnung ins Haus schickt. Fotos von Brötchen, in 5 Minuten erstellt, haben einen fünfstelligen Streitwert und schlagen mit über 500 Euro in der Kostennote zu Buche. Anschließende kritische Berichterstattung inkl. Tatsachenbeweisführung übrigens auch. Als kritischer Blogger, beispielsweise in Watchblogs, lebt es sich nochmal gefährlicher. Einmal auf dem Radar aufgetaucht, kann man sich sicher sein, unter ständiger Beobachtung zu stehen.

Hinzu kommt, dass man als Blogger nach aktueller Rechtssprechung auch für die entstandenen Kommentare haftbar gemacht werden kann, obwohl es technisch kein Problem wäre, jeden einzelnen via Zeitpunkt und IP-Adresse zu identifizieren. Wohl ein Grund, warum zum Beispiel das Bildblog Kommentare erst gar nicht zulässt, andere Blogger ihre Kommentare erst freischalten oder ggf. löschen. Zugegeben, aus gutem Grund, wie diverse Abmahnungen der jüngeren Zeit gezeigt haben.

Gerade auch die Vernetzung der Blogosphäre macht es verdammt einfach, derlei Dinge zu finden. Auf Blogs spezialisierte Suchmaschinen wie Technorati und Google Blogsearch tun ihr Übriges – ich spreche da aus Erfahrung. Damit will ich nicht sagen, dass es schwieriger sein sollte, diffamierende, beleidigende Beiträge etc. zu finden, aber man muss sich darüber im klaren sein, dass es keine Sekunde dauert, bis die beiden oben genannten Suchmaschinen über neue Beiträge Bescheid wissen. Einmal auf “Veröffentlichen” gedrückt ist es im Netz, und lässt sich so schnell nicht mehr entfernen. Beispiel? Du bloggst über besagten Spitznamen. Technorati weiß es sofort nach Veröffentlichung des Beitrags. Über den RSS-Feed speziell für die Suche nach diesem Begriff weiß es auch die Gegenseite. So schnell geht das.

In Deutschland hat man als kritischer Blogger nur wenig Unterstützung aus der Politik oder den Leitmedien. Frau Zypries, ich kann mich noch sehr genau erinnern, dass Sie dem kostenpflichten Abmahnungswesen eine Grenze setzen wollten, um völlig aus der Luft gegriffenen Streitwerten sowie daraus resultierenden exorbitant hohen Kostennoten ein Ende zu setzen – 50 Euro sollten es bei der ersten Abmahnung sein. Was ist daraus geworden? Heute hört man dazu gar nichts mehr. Liebe Rundfunkanstalten, Printmedien, Internetportale, wo bleibt eure Berichterstattung, wenn ein bekannter Blogger wie Stefan Niggemeier wegen eines für mein Verständnis absurden Sachverhalts abgemahnt wird? Wenn sich Blogger dagegen gut verkaufen, ich erinnere mich da noch an mehrere Beiträge bei Spiegel Online zur StudiVZ-Sache unter Berufung auf diverse Blogger, dann seid ihr natürlich dabei. Und sonst?

Und sonst muss man sich als kritischer Blogger wohl damit abfinden, jeden Tag aufs neue das “Bring the small man down”-Spiel zu spielen. Und dabei meistens zu verlieren.

10 Kommentare

  1. Florian

    über wirklich alles schreiben was man will kann man wohl nur mehr im kleinen rahmen. passwort-geschützte beiträge, google, technorati und co müssen extra ausgesperrt werden. das traurige daran ist, dass es an vergangene zeiten erinnert. an zeiten in denen männer wie hitler, stalin, dollfuß oder oder oder bestimmten was man schreiben darf. was man denken darf.
    oder an china. nur das, dass man sich heute nicht mehr vor der polizei zu fürchten hat, sondern vor unternehmen und ihren anwälten. danke kapitalismus. danke demokratie.

  2. Gerd

    Wie sagte mal ein kluger Mann: Wenn das der Anfang ist wie sieht dann das Ende aus?

  3. Joaquin

    In einem Land, welches Ermittlungen gegen mehrere Journalisten wegen angeblicher Beihilfe zum Geheimnisverrat vornimmt, also bei einem derartigem Land kann man sich doch sehr leicht ausrechnen, wie die journalistischen Freiheiten von Blogger, seitens der Politiker gewertet werden.

    Noch Fragen Kienzle?

  4. DerTim

    Danke für das in Worte fassen, was wir alle denken. Mir fällt dazu immer nur der Spruch mit dem Kotzen und dem Essen ein.

  5. MC Winkel

    BAM!

    Aber hey: das nächste Mal bitte vor Bildern wie diesem warnen; mir zog sich gerade der Saque zusammen!

  6. burnttongue

    Und so kehren wir zurück zu Zeiten, in denen niemand von freier Meinungsäusserung zu sprechen wagte, geschweige denn davon, einen der Obrigkeit zu kritisieren.

  7. Aki Arik

    Blogger sind Individualisten. Vereine sind mir ein Greuel. Aber irgendwann werden wir wohl nicht umhinkommen, uns zu organisieren und ebenfalls Lobbyarbeit für unsere Interessen zu betreiben.

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