Kindheit

Foto: laffy4k

Ich kann mich an meine Kindheit gar nicht wirklich erinnern. Strange, so sehr ich es auch probiere, ein Gesamtbild will sich nicht ergeben. Sicher, ich könnte jetzt darüber schreiben, dass die ersten vier Jahre in Argentinien vermutlich knorke waren, und dass das einzige, woran ich mich da noch erinnern kann, eine kleine Plastikschildkröte ist, oder dass ich mich glaube ich mal irgendwo eingeschlossen und Panik geschoben und wahnsinnig rumgeheult habe (unbestätigt, vielleicht habe ich mir das auch nur ausgedacht). Ich könnte auch darüber schreiben, dass ich mir vor dem Flug nach Deutschland noch derbst den Arm gebrochen habe, weil ich irgendeinen Stunt vom Stuhl ausprobieren musste.

Ich könnte auch darüber schreiben, dass ich in der Grundschule zwar klasse Noten hatte, dafür aber übersensibel und daher natürlich ein leichtes Ziel für alle anderen war. Geprügelt hab ich mich nie, dafür immer schön selber eins auf die Fresse gekriegt. Ich könnte auch darüber schreiben, dass genau diese Sackgesichter auch meine Freunde waren, mit denen ich mich nachmittags getroffen habe, und wir uns irgendwelche Fantasy-Stories ausgedacht und nachgespielt haben, bevor die Sackgesichter am nächsten Tag wieder zu Sackgesichtern wurden. Die meisten der Sackgesichter kannten mich nach der Grundschule nicht mehr.

Ich könnte auch über meine Eltern schreiben. Dass sie zu der Zeit für mich da waren, auch wenn ich teilweise allerübelste Scheisse abgezogen habe. Dass mein Dad so viele Dinge mit uns gemacht hat, irgendwo hingefahren, in den Schnee, zum Campen, ein Wochenende in Königswinter, zu meinem ersten Festival - Rock am Ring - überhaupt, und das, obwohl er glaube ich gar nicht so wirklich viel Zeit hatte. Dass meine Mutter uns hyperaktive Jungs irgendwie ausgehalten hat, was vermutlich anstrengend war, wenn ich mit meinem besten Freund - ja, Freund! - meine Schwester genervt habe oder durchs Haus gehüpft bin und so.

Ich könnte auch über kleine Erinnerungen schreiben. Dass ich zum Beispiel auf dem Speicher eine aufgebaute Playmobil-Burg gefunden habe, die mal mein Weihnachtsgeschenk werden sollte, vor Schreck die Tür zugeknallt habe und ein so verdammt schlechtes Gewissen wie noch nie zuvor hatte. Oder dass wir tatsächlich mal verrückt waren, uns mit Plastikgitarren bewaffnet zu Milli Vanilli vor unsere Eltern zu stellen. Oder dass ich im allerbesten Gewitter unbedingt im Planschbecken rumspielen musste. Oder dass ich mit besagtem Freund öfter nach Hessen gefahren bin, weil seine Eltern dort ein Haus mit einem Riesengrundstück mit Wald und angrenzendem Fluß hatten, wo man prima spielen konnte. Oder dass wir in den Ferien immer in so eine Feriensiedlung namens Schloss Dankern gefahren sind, viel Natur, viele Spielgeräte, nix elektrisch angetrieben, jetzt wo ich so darüber nachdenke eigentlich verdammt schön. Da hab ich auch die WM '90 erlebt, im Fernsehraum mit hundert anderen Leuten. Einen fand ich da toll, dass weiss ich noch, der hat immer rumgebrüllt, also hab ich mit ihm gebrüllt. Aus der WM bin ich ja so oder so als Gewinner rausgegangen.

Ja, über all das könnte ich schreiben. Aber irgendwie, also für meinen Geschmack ergibt das kein Gesamtbild. Deshalb schreib ich dann doch lieber nichts.

1 Trackback

  1. 01.06.2007 - Julie Paradise — Futtern

Diskussion: 1 Kommentar

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  1. 1 Malte (Website)

    Auch wenn du eigentlich nicht darüber geschrieben hast, warens doch ein paar spannende Minuten die ich daran gelesen habe…

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