Vielleicht sollte ich doch noch ein bisschen mehr dazu schreiben als die paar Zeilen vom Vorbeitrag.
Also kurz zur Vorgeschichte: Schon seit einiger Zeit ist der Schlüssel bekannt, der auf jeder HD DVD zu finden ist und benötigt wird, um überhaupt das Abspielen zu ermöglichen - oder aber die HD DVD zu kopieren. Nun ist bei Digg ein Link aufgetaucht, der besagten Schlüssel enthält. Digg ist eine benutzerorientierte Seite: User können Links einstellen, die von anderen Usern bewertet werden können. Hat ein Link genügend positive Bewertungen, landet er auf der Frontpage und kann sich für einen kurzen Zeitraum über eine massive Anzahl von Besuchern freuen - dem sogenannten Digg-Effect. Zurück zum Beitrag, der wurde recht schnell wieder gelöscht, mit der Begründung, dass sich die Betreiber das Recht vorbehalten, illegale Inhalte zu entfernen, um nicht in die Verantwortung gezogen zu werden.
Dieses Vorgehen hat einen Sturm der Entrüstung entfacht, es wurden massenweise Links eingestellt, die auf die eine oder andere Art und Weise den Schlüssel enthalten, völlig egal ob der Link überhaupt damit zu tun hat. Keine 24 Stunden später beugen sich die Betreiber der Übermacht und lassen Beitrage mit dem Schlüssel wieder zu.
But now, after seeing hundreds of stories and reading thousands of comments, you’ve made it clear. You’d rather see Digg go down fighting than bow down to a bigger company. We hear you, and effective immediately we won’t delete stories or comments containing the code and will deal with whatever the consequences might be.
If we lose, then what the hell, at least we died trying. - Kevin Rose
Und das ist eine Entwicklung, die mir auch Angst macht. Natürlich finde ich es ganz und gar großartig, wenn der Benutzer auf einmal im Fokus ist, für die Inhalte sorgt, anstatt sich von einer höheren Instanz etwas vorgeben lassen zu müssen, das ist für mich eines der Kernelemente am web 2.0. Das Bewusstsein für Dinge wird gestärkt, wenn man nicht mehr auf eine Quelle angewiesen ist. Politiker schwingen Reden, keine fünf Minuten später ist das Video bei YouTube erhältlich, keine Stunde später die Vergleiche mit früheren Reden. Die nicht mehr vorhandene Popularität des Präsidenten der USA führe ich auch ein wenig auf die Macht des Internet und dessen unabhängigeren Berichterstattung zurück, da auf einmal auch vieles vom Leser kommt. Aber ich schweife ab. Wenn nun aber die User auf einmal die Übermacht haben, gewissermaßen ein Stück weit die Kontrolle über eine Plattform an sich reißen können, dann wird es für den Betreiber kritisch.
Zumal es genug andere Gelegenheiten gab, bei denen man hätte ähnlich handeln können, Gelegenheiten, bei denen es sich wirklich gelohnt hätte. Stattdessen geht es um ein im Prinzip illegale Handlung, die einen Schlüssel zutage gebracht hat, der eigentlich nicht öffentlich sein dürfte. Jeder einzelne Digg-User fühlt sich jetzt gewissermaßen als Kämpfer gegen die große Industrie, was ja auch nicht schwer ist, wenn der Einsatz gering ist: Es gibt keinen. Niemand wird dafür belangt werden, dass er einen Link auf die Frontseite gepusht hat, die Betreiber dagegen werden so wie ich das sehe ziemlich schnell und ziemlich große rechtliche Probleme bekommen. Und da mag die Kriegskasse noch so gut gefüllt sein, sich mit der MPAA anzulegen schmerzt empfindlich. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass all die User, die so heroisch für ihren Schlüssel gekämpft haben, dann noch zugegen sein werden - "Hey Moment, dass man von mir jetzt Einsatz fordert hat mir niemand gesagt!".
René hat die Konsequenz in einem Kommentar ganz gut aufgegriffen:
Nö. Die Technologie ist da. Wenn nicht Digg dann eben ein anderer, die Nutzer hängen nicht am Namen „Digg“ sondern an der Technologie. Wenn Delicious dicht machen müsste, würden die Leute aufhören zu bookmarken? Nö.
Exakt. Die Leute wollen ein bisschen rebellieren, dabei aber trotzdem aus dem Netz der Anonymität heraus handeln. Und dabei ist es eigentlich völlig egal, ob daran Plattformen zugrunde gehen, wenn man mal vom schlimmsten Fall ausgeht - man nimmt vielleicht gar nicht wahr, dass das eigene Handeln für andere erhebliche Konsequenzen mit sich trägt. Die Karawane wird zur nächsten Oase weiterziehen und dort weiter Che Guevara spielen. Und ab diesem Punkt wird es eben bedenklich.
Die Digg-Betreiber wissen jedenfalls, was auf sie zukommt. Für mich klingt der letzte Beitrag nicht wie ein Aufruf zum Kampf, sondern wie der Anfang vom Ende. You’d rather see Digg go down fighting than bow down to a bigger company. Verantwortung liegt eben nicht nur beim Anbieter.