Seit ich gestern diesen Zweizeiler geschrieben habe, kamen via Kommentare, ICQ, Email, Telefon und anderweitigen Kommunikationsmedien eine für meinen Begriff schier wahnsinnige Masse an Kommentaren, Zuspruch usw. auf. Auch von Leuten, von denen ich es nie erwartet hätte.
Danke.
Es kommt von ganz tief drin. Ich könnte jetzt großartig ausholen und dieses „Danke“ ausschmücken, aber oftmals sind es die kleinen Dinge, die zählen.
Also gut, betrachten wir die Sache erst einmal nüchtern: Ich habe auf meinem Webspace ein MP3-File gespeichert und via Flash-Player meinen Lesern zum Hören angeboten. Rechteinhaber an dem Song ist die Universal Music GmbH, die mich als Verantwortlicher für den Webspace abgemahnt hat. Objektiv betrachtet habe ich also eine Raubkopie zur Verfügung gestellt. Kann man nix machen. Über die Kostennote werde ich weiterhin nichts sagen, aber sie bewegt sich noch im dreistelligen Bereich. Ich befinde ich mich in der Position, aus diesem finanziellen Desaster einigermaßen heil herauszukommen, von daher macht euch mal keine Sorgen um mich.
Und trotzdem, es gibt so viel, was damit in Zusammenhang steht.
Beispielsweise die Belehrung. Etwa die Hälfte der zwei Seiten nimmt eine Information ein, dass man keine Veröffentlichungsrechte mit dem Kauf einer CD erwirbt, dass man keine Kopien davon machen kann, und erst recht nicht öffentlich anbieten darf. Der übliche Schnickschnack halt.
Meine lieben Damen und Herren Rechtsanwälte, ich bin mir durchaus bewusst, welche Rechte ich mit dem Kauf einer CD erwerbe und welche nicht, ansonsten hätte ich wohl schon längst meine Lieblingssongs zum Hören angeboten. Aber ist den Rechteinhabern eigentlich klar, dass es den Song noch gar nicht käuflich zu erwerben gibt? Erst am 5. März erscheint in Europa die Single, kurz vorher wird der Song via iTunes zum Kauf angeboten Erst am 17. April wird in Europa das Album erscheinen, welches auch den angemahnten Song enthält. Was nützt mir dieses ganze Geschriebsel von und über CDs, wenns darum überhaupt nicht geht? Ich hatte ja noch nichtmal einen Download angeboten, lediglich Hören konnte man den Song. Und spätestens bei Verfügbarkeit via iTunes wärs auch wieder weg gewesen. Soviel Menschenverstand hab ich dann doch noch.
Nein, der Song gelangte auf anderen Wegen ins Internet: Über eine Werbekampagne zum Release des neuen Albums am 17. April. Die MP3-Datei war auf einem USB-Stick gespeichert, der rein zufällig auf der Toilette in Lissabon vergessen wurde, als besagte Band dort auftrat. Dasselbe "Phänomen" gab es bei zwei weiteren Titeln. Ich könnte ja jetzt Unterstellungen machen, so von wegen Anstiftung zu illegalem Handeln, aber irgendwie hatte ich doch das Gefühl, dass es in diesem Fall, also innerhalb der Kampagne, okay wäre, das MP3-File zu verbreiten. Aber da lag ich wohl falsch. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob die Universal Music GmbH überhaupt weiss, dass es diese Kampagne gibt.
Na jedenfalls waren die Damen und Herren Rechtsanwälte verdammt fix. Es hat laut Poststempel nicht einmal 24 Stunden gedauert, bevor die Abmahnung deren Haus verlassen hat. Für mich interessant dabei: ich hatte nicht die Originaldatei gespeichert, sondern mit einer niedrigeren Bitrate neu kodiert, um Bandbreite zu sparen. Übliche Suchmechanismen nach Prüfsumme, Dateigröße und -name fallen somit völlig flach. Meiner Meinung nach muss sich also wirklich eine Person dahinter auf die Suche gemacht haben, und jetzt würde es mich ja schon interessieren, ob es anderen ähnlich ergangen ist.
Aber das sind alles Sachen, mit denen ich noch leben kann. Es sind dagegen zwei Dinge, die mich seit gestern einfach nur noch deprimiert durch die Welt streifen lassen.
Die Tatsache, dass ich mir ab jetzt bei jedem, wirklich jedem Beitrag überlegen muss, ob ich ihn so schreiben kann. Wieviele Informationen sind in Ordnung, wieviel ist schon zuviel. Wem oder was kann ich im Internet überhaupt noch trauen? Wenn ein Benutzer bei Flickr seine Bilder unter der CC License anbietet, dann heisst das noch lange nicht, dass er auch wirklich der Eigentümer ist, nur mal so als Beispiel. Sicher, eine Grenze des Machbaren gab es schon immer, blöd bin ich ja nicht. Aber dieser Beitrag war nun wirklich einer der letzten, bei der ich mit so viel Ärger gerechnet hätte. Ich weiss noch nicht, wie ich mit den neuen, für mich noch nicht wirklich greifbaren Grenzen umgehen soll. Die Zeit wird’s zeigen, nehme ich mal an. Das andere ist sowieso ätzender.
Ihr habt mir die Vorfreude versaut.
Ich habe Nine Inch Nails das letzte Mal im Jahre 2000 gesehen. Ich bin im Dreieck getitscht, als ich erfahren habe, dass sie wieder nach Europa kommen, nachdem ich 2004 leider keine Möglichkeit hatte, sie zu sehen. Meine Karte für Köln war mir am ersten Vorverkaufstag schon sicher. Ich habe jeden Tag das Forum verfolgt, um die Setlist in Erfahrung zu bringen. Als klar war, dass man jeden Abend eine andere Setlist hat, habe ich auch Karten für Dortmund und Frankfurt organisiert, um soviel wie nur möglich mitzubekommen, und die berechtigte Hoffnung auf „The Great Below“ zu wahren. Ich habe mir jeden noch so rotzigen, mit der Handykamera aufgenommen Schnipsel von den bisherigen Konzerten angesehen, um wenigstens schon ein bisschen das Feeling zu kriegen. Die virale Werbekampagne für das neue Album hat es nur noch spannender gemacht, ich habe selber jede einzelne der gefundenen Websites auf Hinweise abgeklopft, und fand auch die Idee an und für sich genial. Es ist ein bisschen wie mit kleinen Kindern kurz vor Weihnachten, um meine Gefühlswelt mal treffend zu beschreiben. Ich hatte schon lange nichts mehr, auf dass ich mich so gefreut habe, wie auf diese Konzerte und das Album.
Und all das ist weg.
Ich weiss, dass die Konzerte da sind, und natürlich werde ich auch hingehen, und natürlich werde ich auch meinen Spaß dort haben, aber ich kann mich nicht mehr darauf freuen. Ich erwarte das Album, aber ich kann mich nicht mehr darauf freuen. Sicher, ich werde es mir kaufen, um Nine Inch Nails zu unterstützen, in der Hoffnung, dass sie noch auf Jahre hin Musik machen. Aber mir wird schier schlecht bei dem Gedanken, dass ich gleichzeitig eine Musikindustrie unterstütze, die sich einen Dreck um ihre Konsumenten schert, deren einziger Antrieb das Geld ist.
Ihr habt mir die Vorfreude versaut. Und das verzeihe ich euch nicht.
Update: Ich habe eine kleine Passage gestrichen bzw. geändert. Der Beitrag wurde aus dem Gedächtnis geschrieben, dabei habe ich zwei Songs durcheinander gebracht. In Europa wird es eine Single am 5. März und kurz vorher via iTunes geben, diese enthält aber nicht den hier angemahnten Song.
Update #2: Es tut sich gerade eine ganze Menge. Ich möchte bzw. kann an dieser Stelle noch nicht viel dazu schreiben, werde das aber auf jeden Fall zu gegebener Zeit nachholen. Versprochen.
Ganze Beitragsserie: Da hab ichs erfahren, hier endete es vorläufig und dort endgültig.