Das Urteil gegen den früheren irakischen Diktator Saddam Hussein ist bestätigt worden, die Hinrichtung soll laut Gesetz innerhalb der nächsten 30 Tage durch Hängen erfolgen. Viele westliche Regierungen üben Kritik an dem Urteil. Und irgendwie schmeckt mir das nicht.
Man darf mich jetzt nicht falsch verstehen, ich bin ein absoluter Gegner der Todesstrafe. Niemand, wirklich niemand, hat das Recht, über das Leben eines Anderen zu richten, und sei sein Vergehen noch so abscheulich gewesen. Auch das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit, Vergeltung, bringt rein gar nichts, den es macht die Tat nicht ungeschehen und ändern wird sich auch nichts. Finanzielle Entlastung der Bürger ist ein geradezu lächerliches Argument – wie kann man ein Menschenleben mit Geld aufwiegen?
“Aber Jeriko, dann müsstest du doch all die Regierungen in ihrer Kritik unterstützen!” Richtig, das müsste ich, wenn ich die Kritik als ehrlich ansehen würde. Nehmen wir als Beispiel China, wo jeden Tag durchschnittlich fünf Menschen hingerichtet werden. In Japan wurden erst letzte Woche und nach mehreren Jahren Inaktitivät an vier Menschen das Todesurteil vollstreckt. In Iran und Saudi-Arabien findet etwa alle drei Tage eine Hinrichtung statt, in letztgenanntem Land sogar öffentlich und auf besonders grausame Art. Das sind wohlgemerkt offizielle Zahlen von Amnesty International aus dem Jahre 2005, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.
Die aktuelle Kritik der Regierungen kann nicht in der grundsätzlichen Ablehnung der Todesstrafe liegen. Gerade der Fall Japan, wo die Todesstrafe nicht zum Alltag gehört, gerade dort haben die Regierungen geschwiegen, die sich jetzt ereifern. Dass Peking tagtäglich Leben nimmt fällt wohl schon unter Normalität. Anders kann ich es mir nicht erklären, wenn bei unserer alten Regierung Joschka Fischer bzw. jetzt Frank-Walter Steinmeier auf Staatsbesuch mit dem Präsidenten ein Pläuschchen geführt wird, während nicht mal 500 Meter weiter Menschen exekutiert werden. Die Interessen liegen woanders.
Wenn aber die USA mal zur Tat schreitet, dann ist das Geschrei groß – es ist ja auch mehr oder weniger Mode geworden, auf deren Regierung zu schimpfen. Demokratie und Todesstrafe, dass geht ja mal gar nicht, sowas passt doch eher zu Diktaturen. Nehmen wir als Vergleich doch mal Frankreich, demokratisches Land, dass noch bis 1981 die Todesstrafe im Gesetzbuch hatte. Da würde man natürlich nicht auf die Idee kommen, die französischen 70er als Diktatur zu bezeichnen. Beim Irak ist das wohl anders.
Auch habe ich Zweifel, dass in dem Prozess gegen Saddam Hussein alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Man darf nicht vergessen, dass ein Richterwechsel stattgefunden hat, mehrere Personen haben zudem ihr Leben gelassen und so ziemlich alle Beteiligten wurden mit Hilfe der USA ausgesucht, deren Intentionen recht eindeutig sein dürften. Der irakische Präsident macht ebenfalls keinen Hehl daraus, dass er den früheren Diktator so schnell wie möglich am Galgen baumeln sehen möchte, dies war sogar schon ersichtlich, als der Prozess noch im vollen Gange war. Anscheinend bemüht man sich auch, dass Urteil noch in diesem Jahr zu vollstrecken. Warum? Vielleicht, weil man weiss, dass das Urteil einen schalen Beigeschmack hat, da der Prozess nicht wirklich rechtens war? Ich habe jedenfalls das Gefühl. Und schon allein deswegen ist der Schuldspruch an und für sich nicht korrekt. Unsere Regierung sieht das übrigens anders.
Und daher finde ich all die Kritik bisweilen heuchlerisch. Sicher, der Fall Saddam Hussein hat Aufsehen erregt. Sicher, der Mann hat eine geradezu irrsinnige Anzahl von Leben auf dem Gewissen. Sicher, er hat über sein Volk grausam geherrscht. Und trotzdem, vor Gott sind alle Menschen gleich. Und ich sage es nochmal, niemand hat das Recht, über das Leben eines Anderen zu richten. Jedes einzelne Todesurteil, in China, in Japan und auf der ganzen Welt hätte diese Kritik verdient. Nur sie kommt nicht. Und das ist es, was mir daran nicht schmeckt.
Update: Wie vermutet wurde Saddam Hussein Abd al-Majid al-Tikriti am Morgen des 30. Dezembers 2006 durch Erhängen hingerichtet. Es wird für die Probleme im Irak keinerlei Signifikanz haben, lediglich ein paar Menschen sind für den Moment zufrieden gestellt. Über Fefe bin ich auf das Blog einer irakischen Frau gestoßen, die von den Geschehnissen in ihrem Land berichtet. Es ist noch einmal etwas anderes, wenn man eine ehrliche, ungefilterte Sicht auf die Dinge bekommt (das was die Medien einem vorsetzen kann man nicht unbedingt als objektiv bezeichnen). Vor allem der letzte Beitrag, eine Zusammenfassung des Jahres 2006, ist bei mir unter die Haut gegangen.
Ich bin zwar politisch total untätig, aber der Artikel war sehr schön zu lesen – gut geschrieben, guter Inhalt. Und ich bin ganz deiner Meinung.
Wo du wohl Recht hast, hast du Recht. Bin zwar politisch auch nicht sooo bewandert (aber immerhin gut genug um nichts braunes zu wählen … Ah, Godwin) aber so wirklich schenk ich vielen der Proteste auch keinen Glauben.
Wie du schon sagtest, es ist eben “Mode” auf die USA zu schimpfen. Allerdings passt es wirklich nicht ins Konzept von einem Superstaat der Freiheit und Frieden (?) verbreiten will, Gefangene zu töten. Aber da passt ja so einiges nicht rein. Jedenfalls stimme ich dir (mal wieder :) ) vollkommen zu.
Ich habe die USA jetzt mal bewusst außen vorgelassen. Prinzipiell geben sie einem ja auch jede Menge Gründe, Ablehnung zu zeigen. Allerdings muss man auch mal einen Blick über den Tellerrand werfen, wie mir in diversen Gesprächen am letzten Wochenende klar geworden ist.
EIne sehr traurige Geschichte. Jetzt versinkt der Irak im Chaos.