Sonntag, 12. Februar 2006

Pressefreiheit

Ich gestehe, ich bin ein großer Verfechter der Pressefreiheit. Einfach jeder sollte die Möglichkeit haben, seine eigene Meinung in einem von ihm präferierten Medium kundzutun. Die Konsequenzen aus dieser Freiheit regelt in der Bundesrepublik Deutschland das Grundgesetz, wo es heisst:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.Grundgesetz Art. 5 Abs. 1

Schön. Ich darf also zum Beispiel sagen, dass ich die Frau Merkel als Bundeskanzlerin nicht gut finde, und laufe trotzdem nicht Gefahr, wegen dieser Aussage Schäden davon zu tragen. Ich finde sie übrigens wirklich nicht gut, aber das nur am Rande. Und Deutschland nimmt es seit Herrn Schily ja mit der Pressefreiheit eh nicht mehr so genau.

Aber darum solls hier ja auch gar nicht gehen. Nein, die sogenannte Mohammed-Karikaturen sind Stein des Anlasses. Die dänische Zeitung Jyllands Posten (genau genommen waren es ja noch viel früher irgendwelche Ägypter) hat sich also das Recht rausgenommen, Cartoons über einen Propheten zu veröffentlichen – und die islamische Welt dreht durch. Trotz aller Entschuldigungen und Beschwichtigungsversuche brennen Botschaften, sind Menschen gestorben, und die Unruhen wurden nur noch weiter angestachelt. Repressalien gegenüber EU-Bürgern werden zur Tagesordnung, und man fordert öffentlich den Tod der Zeichner der Karikaturen.

“Schande über jene Zeitungen und TV-Stationen, die nicht den Mut hatten, ihren Lesern und Zuschauern diese Karikaturen zu zeigen. Diese Intellektuellen leben von der Meinungsfreiheit, aber sie akzeptieren Zensur. Sie verstecken sich hinter Parolen wie ‘Verantwortung’ und ‘Sensibilität’. Schande über jene Politiker, die erklärt haben, dass die Veröffentlichung der Karikaturen unnötig, unsensibel, respektlos und falsch war.” Hirsi Ali

Und aus diesem Grund verstehe ich auch Menschen nicht, die diese Karikaturen immer noch befürworten. Und davon gibt es noch mehr als genug. Europäische Zeitungen haben die Karikaturen nachgedruckt, um auf der Publicity-Welle mitzuschwimmen. Und oben zitierte Hirsi Ali würde am liebsten sogar noch weiter gehen. Alles Meinungen, die in meinen Augen nicht nur dumm, sondern auch gefährlich sind. Was will sie mit ihrer Aussage bezwecken? Natürlich könnte man sagen, die Islamisten reagieren über (tun sie ja eigentlich auch), aber war das von Jyllands Posten nicht irgendwo auch gewollt? Hätte man sich nicht schon vorher darüber klar sein müssen, was für Auswirkungen diese Karikaturen haben werden? Okay, ich verstehe die Werte und Vorstellungen derartiger Islamisten einfach nicht. Ich mein, ich werde mir doch im Leben nicht so eine Windel auf den Kopf setzen, mir einen Rauschebart wachsen lassen und unverständliches Zeug in mich reinbrabbeln. Aber nur weil ich sie nicht verstehe fange ich doch jetzt nicht an, sie zu beleidigen.

Pressefreiheit bedeutet nicht Hirnlosigkeit, sondern vor allem auch VerantwortungSabine Kebir

Dieser Satz bringt es einfach auf den Punkt. Ich kann die Reaktion der islamischen Welt zwar nicht nachvollziehen. Aber was Jyllands Posten da getan hat war einfach nur selten dämlich.

4 Kommentare

  1. Knut Karnapp

    Ich seh das anders. Karikaturen sind für uns hier nichts besonderes. Gut gemachte sind eher eine Kunst (die Mohammedkarikaturen waren dazu überwiegend nicht gut). Du zitierst den Spiegel. Diese Woche ist der Titelartikel durchaus lesenswert, er befasst sich genau mit diesem Thema. Ich hab auch schon überlegt darüber zu schreiben, mich aber bisher noch nicht dazu durchgerungen politische Dinge voll zu thematisieren.

    Noch ein Wort zur Pressefreiheit. Warum sollen wir uns von anderen Dinge aufzwängen lassen, die wir nicht für gut erachten? Die einzige Antwort aus der islamischen Welt ist Terror. Sollen sie doch Karikaturen machen über die Götter, die in der westlichen Welt Gegenstand der Religionen sind und es uns somit heimzahlen. Der Unterschied zwischen solchen Extremisten und uns ist es doch, dass wir (zumeist) noch etwas Objektivität besitzen. Aber mal im Ernst einem Selbstmordattentäter werden 40 Jungfrauen im Paradies versprochen. Da hört mein Verständnis auf.

    Zum Schluss noch ein nettes Zitat:

    Was ist Philosophie? Die Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunkeln Raum. Was ist Metaphysik? Die Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum, es ist aber gar keine Katze darin. Was ist Religion? Die Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum, es ist keine Katze darin, doch plötzlich ruft jemand: “Ich habe sie.”

  2. Jeriko

    Ich gehöre ja auch zu den Menschen, die in der Religion eine Menge übel sehen, sowohl beim Islam, als auch beim Christentum. Und ja, wir sehen alles etwas gelassener. Die Islamisten wollen es uns ja im Grunde heimzahlen mit Holocaust-Karikaturen, haben dabei aber anscheinend vergessen, dass es schon genug Karikaturen gibt (Adolf die Nazisau z.B.) und es uns herzlich wenig interessiert.

    Das Problem ist doch einfach, dass diese Jungs eine Menge Ehre und Stolz mit sich rumtragen – zwar für Dinge, die ich nicht verstehe, aber nichtsdestotrotz. Warum sie also unnötig reizen? Die Situation ist doch auch so schon prekär genug. Ich würde es auf der anderen Seite zum Beispiel gut finden, wenn islamische Zeitungen diese Karikaturen nachdrucken würden, vielleicht garniert mit einem Kommentar. Einfach weil sie ein wesentlich besseren Einblick in die islamische Denkweise haben als wir.

  3. Knut Karnapp

    In meinen Augen geht es nicht um unnötiges Reizen. Islamisten verlangen vom Rest der Welt Toleranz zur Intoleranz und das ist einfach inakzeptabel.

  4. Jan

    Am Rande:

    und die islamische Welt dreht durch

    Nur eine Minderheit dreht durch, z. B. 200, die in einer Millionenstadt wie Teheran – wahrscheinlich von der Regierung organisiert – “protestieren”.
    So gesehen halte ich den Konflikt mittlerweile für überbewertet, wobei man ruhig trotzdem über Meinungs- und Pressefreiheit versus Verständigung zwischen den Religionen/Kulturen sprechen sollte. Hier geht es ja speziell um Satire und da muss man hinterfragen, ob Satire wirklich alles darf, frei nach Kurz Tucholsky? M. E. darf sie fast alles, aber nicht mutwillig verletzen. Wobei man dann hinterfragen muss, wo genau verletzen beginnt. Ein endloses Thema…

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